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"Gone Baby Gone": Kein Stolz, nur tödliches Vorurteil

26.11.2007 | 18:34 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Ben Affleck verblüfft mit einem souveränen Regiedebüt: das dunkle, superb gespielte Krimidrama „Gone Baby Gone“ nach Denis Lehane. Ab Freitag.

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Unruhe, Misstrauen und Verstörung schleichen sich, ganz beiläufig, jedoch unaufhaltsam, von Anfang an in diesen Film: Im schmutzigen Bostoner Arbeiterviertel scharen sich umtriebige TV-Teams und neugierige Menschen um eine Frau von zweifelhaftem Ruf.

Eine Tragödie provoziert Schlagzeilen und selbstgefällige Beileidskundgebungen für die Kameras: für ein vierjähriges Mädchen, das spurlos aus der Wohnung der Mutter verschwunden ist. Der gilt wiederum wenig Gegenliebe: Theateraktrice Amy Ryan spielt sie, furchtlos unangenehm und ganz ohne Herablassung, als vollendete Verkörperung eines sozialen Alptraums: reulose Sozialhilfeempfängerin, Drogenkonsumentin, Herumtreiberin. Sogar ihr Umgang mit dem Unglück zeugt von erstaunlicher Egozentrik: Also schaltet ihre bestürzte Schwägerin einen Detektiv (Casey Affleck) ein, als die Polizeiermittlungen ergebnislos bleiben.

Dessen zunehmend verzwickte Nachforschungen sind Gerüst der Krimihandlung, aber der blasse Starschauspieler Ben Affleck legt sein erstaunlich einprägsames Spielfilmdebüt Gone Baby Gone weniger als konventionelles Spannungskino denn als intensiv abgründige Studie moralischen Zwiespalts an: Wie bei Clint Eastwoods Mystic River dient ein Erfolgsroman von Dennis Lehane als Grundlage für ein Zeitbild – wieder spiegelt sich im Thriller in Bostons Straßen das Dilemma einer zerrissenen USA. Einige Schlüsselelemente sind sich verblüffend ähnlich: Klassenunterschiede und Vorurteile gären konfliktträchtig und letztlich tragisch, das Verbrechen an einem unschuldigen Kind steht im Zentrum der teilweise recht barock angelegten Intrige(n).

Eastwood ließ sich davon zu dramatisch opernhafter Grandezza inspirieren, an Afflecks unprätentiösem Genrefilm gefällt gerade die Bescheidenheit: Gone Baby Gonehat so gar nichts von der Symbolschwere und stolzen Effekthascherei, die das liberale Hollywood seinen Statements zur Lage der Nation so gern aufbürdet – selbst die leise, aber etwas säuselnde Klagemusik mutet in diesem Umfeld fast schon übertrieben an.


Dreck, Schweiß und stetes Unbehagen

Afflecks Film baut auf ein authentisch anmutendes Gefühl für Bostons Arbeiterklassemilieu: Dreckige Stapel in verwahrlosten Unterschichtsbehausungen, Schweiß auf den Körpern – und das blendende Sonnenlicht, das einen unwillkürlich die Augen zukneifen lässt, wenn man mittags aus der nachtdunklen Bar auf die Straße stolpert.

Mit traumwandlerischer Sicherheit spielt Bens Bruder Casey dagegen die Unsicherheiten des Detektivs aus: Unheimlich sind seine Ermittlungen weniger, weil sie ihn immer tiefer ins Labyrinth einer Verschwörung hineinziehen, bis er vor einer unauflösbaren Entscheidung steht. Vielmehr ist es die uneingestandene Entfremdung der Hauptfigur, die für stetes Unbehagen sorgt: Denn das gravierendste Übersehen des Ermittlers betrifft nicht etwa Details des Falls, sondern die schmerzliche Tatsache, dass er sich von seinen Wurzeln zu weit entfernt hat.

Die Nachforschungen in „seiner“ vermeintlichen community folgen mit beunruhigender Regelmäßigkeit demselben Muster: Nach bemüht leutseligem Auftakt wendet sich die Szenerie schnell ins Ungemütliche, manchmal ins Lebensbedrohliche.

Anfängliche Worte eines aus New Orleans zugewanderten Cops (Ed Harris) hallen nach: Der Detektiv solle nicht so einfach glauben, dass er more from here sei. Überhaupt ist Gone Baby Gone eher ein Film düsterer Echos als handgreiflicher Action: Ein verstörender Polizeihinterhalt ist zwar eindrucksvoll desorientierend in Szene gesetzt, doch Affleck bevorzugt Desorientierung durch Feinarbeit im Zeichnen widersprüchlicher Charaktere; sein starkes Ensemble führt er dabei durch die richtigen Zwischentöne. In der Konfusion bleibt dem Helden nur der ungeschriebene detektivische Ehrenkodex. Dessen Befolgen hat letztlich Folgen, die Gone Baby Gone auch zum finsteren Abgesang auf ein Genre machen: Der Held ist im Recht – und wird darob zur Ruine.

ZUR PERSON

Hollywoodstar Ben Affleck (*1972) war 1997 auch Co-Autor seines Hits „Good Will Hunting“; vor „Gone Baby Gone“ inszenierte er 1993 den Kurzfilm „I Killed My Lesbian Wife, Hung Her on a Meat Hook, and Now I Have a Three-Picture Deal at Disney“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2007)

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