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"Into the Wild": Sterben lernen in Alaska

27.01.2008 | 17:55 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Naturromantik. Sean Penns bewegendes Aussteiger-Epos „Into the Wild“. Ab Freitag.

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Zeilen Lord Byrons sind der vierten Regiearbeit des Starschauspielers Sean Penn vorangestellt: „I love not man the less, but nature more.“ Bis zum Anschlag ausgekostete Naturromantik ist auch Triebfeder des Films: Into the Wild, in die Wildnis, bricht Christopher McCandless (Emile Hirsch) auf. Er verlässt nach erfolgreichem College-Abschluss unangekündigt seine Familie, spendet seine Ersparnisse, verbrennt Papiere und restliche Geldscheine, nennt sich Alex Supertramp und macht sich auf den Weg, entlang „der Straße, die immer nach Westen geführt hat“. Ziel: die Einsamkeit des unberührten Alaska.

Nach zwei Jahren erreichte McCandless Alaska – und fand dort 1992 den Tod: Penns Film liegt eine wahre Aussteigergeschichte zugrunde, die Jon Krakauer für sein gleichnamiges Buch rekonstruierte. Beim Erscheinen 1996 wurde es ein US-Bestseller: Es hatte wohl ein Lebensgefühl vieler Zivilisationsmüder getroffen. Zugleich sorgte es für gespaltene Reaktionen: War McCandless ein romantischer Abenteurer, der auf den Spuren seiner literarischen Helden wie Thoreau der kleingeistigen Erfolgsgesellschaft den Rücken kehrte? Oder ein verzogener Narr, der Freunde und Verwandte zurückließ und im verlassenen Bus in der Wildnis verhungerte, weil er zu arrogant oder zu dumm gewesen war, auch nur eine Landkarte mitzunehmen? Er wurde schließlich durch einen reißenden Fluss abgeschnitten, aber der Karte hätte er entnommen, dass eine Überquerungsmöglichkeit (und Vorräte) ganz in der Nähe waren – ein Detail, das Penns Film (im Gegensatz zum Buch) übergeht.

Überhaupt ist klar, dass Penn – mehr noch als Krakauer – vom romantischen Ideal angesprochen wurde, dass der junge exzentrische Held von Into the Wild verkörpert. Penns bisherige Filme (zuletzt Das Versprechen und The Crossing Guard, die Jack Nicholson zwei rare würdige Altersrollen boten) waren bemerkenswert in ihrem dichten Expressionismus und wegen der ausbalancierten Position gegenüber ihren obsessiven Hauptfiguren, deren Hingabe bewunderswert, deren verengte Weltsicht beunruhigend schien. Mit prächtigen Naturpanoramen und expansivem Erzählgestus vollzieht Penn nun eine berauschende Erweiterung seiner stark visuellen Kunst (das Erbe des unkonventionelleren „New Hollywood“-Kinos der 1970er ist aber noch immer deutlich spürbar, bis in die Split-Screen-Effekte und das Einweben von Eddie Vedders epischen Pop-Songs); gleichzeitig scheint der oft schwelgerische Stil zur Identifikation mit McCandless einzuladen.


Entrückung und Selbstzerstörung zugleich

Aber bei aller Hingabe an die Romantik ist die Rücksichtslosigkeit des Protagonisten unabstreitbar, ebenso wie seine Ignoranz (der Madenbefall eines frischgeschossenen Elchs ist „eine der größten Tragödien meines Lebens“). Sein Ende, allein, zum Skelett abgemagert, ist transzendente Entrückung und tragische Selbstzerstörung zugleich: Der finale Aufstieg der Kamera suggeriert das Entschweben der Seele ebenso wie Distanzierung – der optimistisch getaufte „Magic Bus“, in dem Candless seine etwa hundert letzten Tage verbrachte, wird in Proportion gesetzt zu den wahren Weiten seines vermeintlichen Waldes.

Mit unerwarteter inszenatorischer Meisterschaft vertieft Penn die Themen: Die Reise, buchstäblich als Entwicklungsroman geschildert, ist in Kapitel unterteilt, jedes hat einen eigenen Rhythmus (außerordentlich die Montage des Films, ihre Tempi, assoziative Kraft) und charismatische Figuren: Ihre Begegnungen mit McCandless konterkariert Penn mit dessen Erlebnissen. Auch aus diesem Zusammenspiel erhält die schließliche Einsicht Kraft: Dass nur geteiltes Glück wirklich ist – seine Epiphanie erlebt der vermeintlich einsame Wanderer erst, nachdem er retrospektiv erkennt und akzeptiert, dass er genau dies getan hat: sein Glück geteilt.

Zur erstaunlichen Wärme und Offenherzigkeit des Filmsträgt nicht nur Hauptdarsteller Hirsch bei, der unangestrengt teils widersprüchliche Eigenschaften (Rebellion und Prinzipientreue, Naivität und Zielstrebigkeit) einfängt, sondern auch feine Nebendarsteller: William Hurt und Marcia Gay Harden verleihen ihren relativ eindimensionalen Rollen als erstickende Eltern glaubwürdiges Pathos; Hal Holbrooks einsamer Witwer, in dem McCandless zuletzt fast noch einen Ersatzvater findet, ist eine der makellosesten Leinwandkreationen der letzten Jahre. Dazwischen hat Penns Film, der sich auch als Feier der Lebensfreude seines Supertramps versteht, Heiterkeit zu bieten: Nicht unbeteiligt sind Vince Vaughn als nicht ganz legal arbeitender Farmer und Catherine Keener sowie Brian Dirker als Hippie-Paar, in deren bunter Kommune später die Wanderlust über ein Weihnachten aufgeschoben wird.

„All is not well on the hippie front“, sagt Dirkers Figur einmal, auch in dieser Hinsicht ist Penns Film bemerkenswert: Er bietet ein zärtliches Panorama der aus eigenem Willen marginalisierten Gruppen der US-Bevölkerung, gesehen durch die Augen ihres mit offenen Armen aufgenommenen jüngsten Neuzugangs. Als Vorzeigeliberaler Hollywoods hat Penn öfters einen Watschenmann abgegeben, in Into the Wild genügt ihm ein knapper, dorniger Moment: Irgendwann taucht kurz George Bush (senior) im Fernsehen auf, und es wird klar, dass er über den ersten Golfkrieg redet. Aber McCandless schenkt dem kaum Beachtung: Er hat auf seiner Selbstsuche der Gesellschaft schon längst den Rücken gekehrt.

BUCH ZUM FILM

„In die Wildnis“ heißt die (eben bei Piper wieder aufgelegte) Buchvorlage: Jon Krakauer, ein Bergsteiger, der – zunächst mit Berichten über die eigenen Abenteuer – zum Autor wurde, rekonstruierte in dem US-Bestseller in minutiöser Recherche posthum die Wanderungen des jugendlichen Aussteigers John McCandless bis zu dessen Tod durch Verhungern in Alaska.
Zu gewinnen
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2008)

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7 Kommentare
Gast: Lily Rainbow
19.06.2010 22:09
0 0

Hat es sich gelohnt?

Ich stelle mir die Frage, ob sich dieses Abenteuer wirklich gelohnt hat. Er musste es ja mit seinem teuren Leben bezahlen... Ich kann seine Sehnsucht nach Freisein von gesellschaftlichen Zwängen teilweise nachvollziehn. Und indem man "off the road" geht, findet man sich selber, lernt sein eigenes ICH kennen. Das ist spannend und befreiend zugleich. Nur 1 Ding würde ich ihm ankreiden: Der fürs ganze Leben andauernde Schmerz, den er seiner Familie zugefügt hat!

Gast: Dark_angel
06.05.2010 20:29
0 0

Into the wild

Ich habe dn film mit mehreren leuten gesehen und wi waren alle der meinung das es sich wirklich gelohnt hat!
Der film hat: drama, witz und zeigt nichts als die warheit und den weg den so mancher gehen muss um glücklich zu werden.
Ich bin jemand der gerne gute filme sieht die nicht zu kitschig aber auch nicht gefühls los ist!
dieser film ist der absolute burner! nur zu empfehlen(1klassige schauspieler)

Gast: Rita
25.02.2008 14:37
0 0

Ein Film, der zum Nachdenken anregt

Mit "In to the wild" ist Sean Penn ein Film gelungen, der es wirklich verdient hätte, nicht nur im Programmkino zu laufen.

Man kann sich der Atmosphäre dieses Films kaum entziehen. Die charismatische Darstellung des Chris McCandless, die eindringlichen Bilder und die perfekt zu jeder Szene passende Musik von Ed Vedder beschäftigt den Kinobesucher noch lange, nachdem das Licht wieder angegangen ist.

Gast: gast
19.02.2008 19:10
0 0

...

wirklich sehr, sehr empfehlenswert.
schon lange nicht mehr so eine dichte atmosphäre in einem film erlebt......beim abspann und beim verlassen des saals hat niemand gesprochen und jeder war noch im film drinnen irgendwie ;)
anschaun!

Gast: Der Mann der aus dem Schrecken kam
28.01.2008 00:46
0 0

eh klar...

... in Sankt Pölten spielens den wieder nicht. Für den Kinokomplex ist es zu alternativ und das Programmkino checkt nicht, dass es außer feministischer Propagandalichtspielhäuserei auch etwas anderes gibt.

Antworten Orthos
28.01.2008 11:46
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Re: eh klar...

Gibt es in St. Pölten kein Kino das Filme im Original zeigt? Welches ich vorschlagen wuerde auf Grund der oft schlechten "Ins Deutsche uebersetzt".

Antworten Gast: asdgfafdg
28.01.2008 07:33
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Re: eh klar...

was erwartest dir auch von st pölten, im megaplex hats noch nie nen guten film gespielt, das kaff hat den titel landeshauptstadt ned verdient...