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Falco auf der Leinwand: Kein David Lynch-Film

31.01.2008 | 18:39 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Der Hype zu Falcos zehntem Todestag wird wohl ausbleiben: Thomas Roths Film-Bio ist einfach zu schlecht.

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Das Leben ist kein David-Lynch-Film. Für gewöhnlich kommt der Dienstag vor dem Mittwoch, und man muss erst 20 werden, bevor man 30 werden kann. Das gilt auch für das Leben von Popstars. In diesem Sinn kann man Regisseur Thomas Roth nicht vorwerfen, dass er für seinen Falco-Film eine schlichte lineare Erzählweise gewählt hat: Wer einem Leben nachstellt, darf es nachstellen, das ist keine Schande.

Auch das Format Pseudodokumentation kann funktionieren, das zeigt derzeit Control, der in aller Schlichtheit berührende und packende Film über den „Joy-Division“-Sänger Ian Curtis. (Anm.: Der erste Filmkritiker dieser Zeitung ist hier anderer Meinung.) Wie es sicher nicht funktioniert, das zeigt Thomas Roths Falco – Verdammt, wir leben noch (ab 7.2. im Kino).

Dieser Film ist von Anfang an Austropop im schlechtesten Sinn: anbiedernd, geschwätzig, klischeeverliebt. Es beginnt gleich mit der Dreifaltigkeit Erfolg/Tod/Donauwalzer, und schon sind wir beim Gute-Nacht-Kuss, den Mama Hölzel ihrem Buben appliziert. Alles klar: Diese Mutter muss ihn erdrücken, den Liebling, aber Popstar will er halt so gern werden, der Bub...

Ein paar läppische Szenen später sieht man schon, Achtung Zitat, die Goldfische im U4, und den erwachsenen Falco dazu. Es spielt ihn Manuel Rubey, Sänger der Ö3-Popband „Mondscheiner“, und er ist auch Teil des Problems. Denn Rubey hat Gestik, Mimik und Gesangsstil des Falken bewundernswert originalgetreu einstudiert, aber er bleibt bubihaft, die männliche Coolness, die Falco selbst im Delirium noch ausstrahlte, wohnt nicht in seinem Gesicht. Als Rainhard-Fendrich-Darsteller würde er vielleicht überzeugen, aber ein Falco ist er nicht.


„Groß, blond und tuberkulös“

Dabei gehen ihm die Oneliner, die naiv-schlauen Schmähs, die Roth meist großzügig aus Falco-Interviews geschnitten hat, nicht einmal so schlecht von der Zunge: Sie sind das Beste an diesem Film. Wenn Falco seine Eroberung mit „Genau mein Typ: groß, blond und tuberkulös“ beschreibt oder den Erfolg in Deutschland mit der Anmerkung quittiert, dass die „Piefke“ halt doch keinen so üblen Geschmack hätten, dann wirkt das. Auch weil Rubey die aus Hietzingerisch und Kiffer-Slang, Edelprolopatois und kosmopolitischem Jive Talkin' selbstgebastelte Kunstsprache Falcos gut nachahmt. Eine goldene Nase dafür!

Papieren sind dagegen die Dialoge mit dem Manager, dem besten Freund und der Gattin, die von Isabella auf Jacqueline umbenannt wurde, aber eine fesche Xanthippe geblieben ist. „Schau, dass du wieder der Hans wirst“, sagt er, „Hans, du hast zu wenig Liebe gekriegt“, sagt sie, da muss man ja verzweifeln, da hilft ja nur die Flucht in die Drogen und in die Dominikanische Republik.

Sequenzen aus dem dortselbst stattfindenden Ende unterbrechen viermal quasi als Teaser die Handlung, bis es dann endlich, nach abgelaufenen zwei und gefühlten vier Stunden, so weit ist: Falco kracht in den Bus, „Out of the dark“ erklingt, Abspann.

In diesem erfährt man u.a., dass es wirklich Grace Jones war, die die Kellnerin gespielt hat: Tragisch, dass die einstige Discoprinzessin sich für solche Kabaretteinlagen hergeben muss. Und Kabarett ist vieles in diesem Film. Nicholas Ofczarek etwa, der den Markus Spiegel viel zu ölig und viel zu wenig schlau spielt. Oder Sunnyi Melles als kinderliebe Gunstgewerblerin. Oder Alexander Jagsch als ganz besonders uncooler Ö3-Redakteur. Die Eheszenen sowieso.

Drogen (auf dem Glastisch), Sex (bei Gewitter) und Rock'n'Roll (ebenfalls) werden in den üblichen Einstellungen dargestellt, wobei der Rock'n'Roll am meisten leidet: Der Aufwand, die Konzerte (mit Live-Publikum) nachzuspielen, hat sich nicht gelohnt, man spürt nichts von der Überflieger-Aura, die Falco ausstrahlen konnte. Genauso sinnlos war die Fleißaufgabe, die sattsam bekannten Dolezal-Rossacher-Videos penibel nachzustellen. Sie sehen genauso bemüht aus wie ehedem, im Rückblick wirken sie tragisch, illustrieren, wie die bizarre Maschinerie rund um diesen Mann versuchte, ihm künstlich aufzusetzen, was er von selbst im Übermaß hatte: Coolness, Gefühl für den Zeitgeist.

Diese Pop-Tragödie, aber auch dieses Leben, in dem ja alles perfektes Rührstück ist, vom entflohenen Vater bis hin zur falschen Vaterschaft – was für eine Vorlage! Thomas Roth ist daran gescheitert. Das wäre nicht so schlimm, sein Held war ein großer Meister des Scheiterns und konnte daraus noch ein wunderbares Spektakel machen. Aber Roth ist unspektakulär gescheitert.

Bleiben wir halt bei den DoRo-Dokus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2008)

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10 Kommentare

ätzend oder nicht und mit etwas provokation versehen?

es ist schon mehr als zweifelhaft einen musikbiografischen film mit werken von david lynch vergleichen zu wollen. man kann ein tatsächlich gelebtes leben, mit einem, bei dem die inhalte zwischen gut und böse wandeln und sich immer wieder in verschiedene extreme bewegen, ganz schwer bis gar nicht miteinander vergleichen. als beispiel unter vielen ist wohl die mysteriöse person bob aus twin peaks geeignet. es erzeugt eher schon den verdacht, dass hier eine gewisser realitätsververweigerung oder eine lustlosigkeit an sich, den tatsächlichen filminhalt auf zu nehmen und sich damit auseinander zu setzen.
klar kann man beinahe alles mehr oder minder schlecht schreiben. die beweggründe bleiben dem autor wohl vorbehalten. jedenfalls ist es schon sonderbar, dass man die rare und auch nicht immer hochklassige österreichische filmgeschichte in weiterer folge zur vergleichsbasis nimmt, um eine voll von vorbehalten strotzende kritik von sich zu lassen. hier stellt sich die frage,

fortsetzung

frage, ob der o.a. autor eher ein problem mit dem regisseur oder der dargestellten figur von falco hat. jedenfalls ist anzunehmen, dass auch bis in ferne zukunft kaum ein(e) aus österreich entstammende(r) oder musiker(in) nicht an diese erfolge anknüpfen kann.

es mag auch sein, dass "falco, falco – verdammt, wir leben noch!" kein filmisches
meisterwerk ist, doch die hier abgeliefert kritik welche in seiner verkrampftheit und wo immer wieder die österreichische filmgeschichte herangezogen wird, doch spricht es für oder doch eher gegen den autor selbst. zudem ist dieses gewagte unterfangen, der darstellung einer derart facetenreichen und extremen person, wohl schon vorne herein, zu einem gewissen scheitern verurteilt ist und kann dem original nie oder nur gering das wasser reichen.

über das scheitern lässt sich auch noch so mancher gedanke verlieren, doch eben jenes gehört zum leben dazu und findet bei den meisten erdenbewohner wohl kaum in dieser ausprägung wie bei falco statt.

fortsetzung 2

statt. man mag mir mein all zu deutliches wort verzeihen, aber manche scheitern am leben, andere an einem film und auch kann dich ein scheitern auch schon bei einer eher simplen kritik treffen.

wenn jemand von grund auf probleme mit falco selber hat, sollte versuchen diesen nur auf die musik bzw. deren texte zu reduzieren. falls dies gelingt und frau/mann darüber hinaus den text hört, dann besteht die möglichkeit den inhalt auch zu verstehen. in diesem sinne bleibt mir und anderen ein immer wieder tiefsinniger, exzentrischer und unbequemer mensch in erinnerung.

ob ein leben genug ist, denn ob man ein weiteres aushalten würde und man eine gelegenheit dazu hat, steht möglicherweise im fahrtenbuch des fährmanns.

Gast: Der Kommissar
12.02.2008 02:08
0 0

Gute Filmkritik!

Eigentlich wollte ich ins Kino gehen und den Film mögen. Nachdem ich mir (als leidenschaftlicher Falco-Fan) Cybershows und Musicals tunlichst erspart habe, konnte ich (als cineastischer Vielfraß) nicht umhin mir den Falco Film anzusehen. Leider wurden meine Erwartungen enttäuscht...

Obwohl ich Manuel Rubey als Hauptdarsteller wirklich gut finde, kann der Film aus einem Grund nicht überzeugen: Dieser Grund ist Thomas Roth! Sein Drehbuch wirkt wie eine uninspirirte Abfilmung einer DoRo-Doku mit etwas Klatschspalten Add-On's, ist aber immer noch weitaus besser als seine katastrophal belanglose Regie, deren wohl "beste" Sequenz die kameratechnische Imitation von Tarantino's Breakfast Scene in "RESERVOIR DOGS" darstellt (U4 Club Szene). Ansonsten folgt der Film dem üblichen Biopic-Mustern, so wie sie Hollywood vorgegeben hat. Das wäre alleine ja nicht schlimm. Schlimm jedoch ist, dass sich die filmische Darstellungskunst von Herrn Roth leider ziemlich erkennbar darauf begrenzt.

Gast: Mephistoic
12.02.2008 00:00
0 0

Wer lobt heutzutage eigentlich noch David Lynch?

Ich bin mit dieser Kritik insgesamt überhaupt nicht einverstanden. Sie spiegelt meiner Ansicht nach in keinster Weise diesen Film wider. Alleine schon die Überschrift verwundert mich doch sehr. Wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine Filmbiographie über Falco mit David Lynch auch nur in einer Rezension in Verbindung zu bringen?
Wie auch immer...

Zumindest gesagt werden muss hier, dass Manuel Rubey eine mehr als exzellente Wahl war. Schauspielerisch, optisch und vor allem musikalisch. Ich habe bisher niemanden erlebt, der als Falco in irgendeiner Interpretationsart auf der Bühe oder sonstwo stand und ihm gerecht wurde. Entweder war es nicht Falco genug oder es wirkte wie eine unbeabsichtigte Parodie.

Rubey hat eine Glanzleistung hingelegt. Und wer das in dieser Form in der Luft zerreißt, wie es der Autor hier tut, entspricht für mich eher der Gattung "Kritiker dürfen nur eine gute Kritik pro Jahr schreiben, um ernst genommen zu werden". Um bei den plumpen Klischees zu bleiben

Gast: Leila
09.02.2008 23:50
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Großartiger Film!

Ich finde diese Kritik extremst unangebracht!
Mir als großem Falco Fan hat der Film, nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als ( wenn auch teilweise recht ruckelige) Biographie sehr gut getaugt!
Manuel Rubey war mit sicherheit der beste "Falco" den man hätte finden können und er hat die Rolle hervorragend und überzeugend gespielt.
Am Ende darf man aber nicht, vergessen Manuel Rubey ist NICHT Falco sondern ein Schauspieler/ Sänger. Den echten Falco gab und wird es nur einmal geben.
Meiner Meinung nach ist der Film wunderbar, und was ich an Kritikern die alles in Luft zerreissen eh besonders lieb ist, dass das das einzige ist was sie können!

Gast: Anton Corbijn
02.02.2008 11:22
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Vergleich Control

"Control" hier überhaupt nur in Zusammenhang zu bringen alleine schon eine Frechheit. War klar, dass die Falco-Verfilmung was seichtes fürs zu unterhaltende Mainstream-Publikum werden wird. Pfui Teufel!

Gast: Stephan
02.02.2008 01:07
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Ich fühle mich besser, ...

nachdem ich diese Zeilen gelesen habe, das dürfte mit Resonanz oder so zu tun haben.
Oder auch einfach nur mit dem guten Gefühl, verstanden zu werden; offenbar sogar auf hohem Niveau.
Danke.

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Brutal formuliert...

...und vll waren die Erwartungen an den Film anfangs doch etwas hoch.

Überzeugen wird sich aber wohl jeder selbst müssen.

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Grandios formulierte Kritik

Danke !