Die Presse: Ihre anderen Filme hatten allesamt einen persönlichen Ausgangspunkt, gab es einen solchen auch für „Abgedreht“?
Michel Gondry: Das ist eine persönliche Utopie, die ich schon lange habe. Leute können in einem leeren Saal alles drehen, was sie möchten und es sich dann gemeinsam ansehen. Sie würden etwas Geld verdienen, um den nächsten Film zu finanzieren. Es ist wie ein Heimvideo, aber es ist ein Dorfvideo
Ist das Kino-Kommunismus?
Gondry: Ich bin Kommunist und glaube, dass sich Leute selbst organisieren können.
Sie porträtieren eine Gemeinschaft von Filmverrückten, aber die bleiben zu Hause und sehen sich Videos an, während die Kinos zusperren. Bedrückt sie das?
Gondry: Das Glück liegt nicht in Produkten, sondern in sozialer Interaktion. Wenn du einen Abend mit Freunden verbringst, bist du glücklich. Man will uns glauben machen, dass man durch das Kaufen von Dingen glücklich wird, aber das stimmt nicht. Das ist meine Aussage: Ich will die Leute dazu bringen, wieder mehr miteinander zu reden. Kurz vor dem Tod begreift man, dass alles Materielle vergänglich ist. Alles was bleibt, sind die Beziehungen zu Menschen. Also ermuntere ich die Leute, raus zu gehen. Es stimmt schon: die Videothek ist kein Kino, aber ich erinnere mich, glückliche Stunden in einer Videothek zugebracht zu haben.
Glauben Sie, dass mit der VHS-Kultur irgendetwas verloren gegangen ist?
Gondry: Das ist mir zu philosophisch. Die DVD-Technologie ist einfach besser, aber in meiner Wohngegend in New York gibt es einen alten Videoladen mit vielen Filmen, die man auf DVD einfach nicht bekommt.
Denken Sie mit Nostalgie an die analoge Welt?
Gondry: Nicht mit Nostalgie, nein. Man muss den Fortschritt ja nicht mitmachen. Er ist nicht, was einem die Werbung weismachen will. Ach, ich mache ja selbst Werbung, ich sollte die Klappe halten. Ich werde aufhören, Werbefilme zu drehen. Es sollte ein Gesetz geben, das Ticketverkaufsmaschinen verbietet. Es ist zum Wohle eines jeden Einzelnen, wenn man am Bahnhof, im Videoladen, im Kino mit Menschen in Kontakt kommt. Fortschritt sollte an der Lebensqualität abgelesen werden, nicht an der Technologie oder am Wohlstand von Unternehmen.
Haben Sie Ihre Filmsammlung von VHS auf DVD kopiert?
Gondry: Ich habe keine Filmsammlung. Aber ich habe viele DVDs in meinem Apartment, da ich das Fernsehen so verabscheue. Reality-Formate sollen immer beweisen, dass die Menschen gemein, selbstsüchtig und hässlich sind. Das hasse ich, auch „Jackass“. Die zeigen dir was, sagen dann: „Bitte zu Hause nicht nachmachen!“ In meinen Filmen heißt es immer: „Bitte, bitte zu Hause nachmachen!“ MTV zeigt so viele Drogenabhängige, ich hasse, wie die Rock'n'Roll abbilden.
Interessant, dass diese Kritik von Ihnen kommt. Sie wurden mit Musikvideos bekannt.
Gondry: Ich war nie ein Star auf MTV! Vielleicht in Europa, nicht in den USA. Wenn ich höre, ich sei Liebling der MTV-Kultur, sage ich: Scheiß drauf! Die Clip-Kultur lehnte mich ab – und jetzt soll mich die Filmkultur ablehnen, da ich Teil der Clip-Kultur war?
Waren Ihre Musikvideos quasi erste Schritte?
Gondry: Videos machen, das gefällt mir. Aber nicht, was auf MTV vorgeführt wird. Doch die Arbeit mit Künstlern wie Björk und The White Stripes ist ungemein bereichernd. Mit Björk habe ich gerade wieder ein Video gemacht, das wird nie auf MTV laufen.
Das Arbeiten mit der kurzen Form hat Ihre Langfilme sichtbar beeinflusst.
Gondry: Die Träume in meinem Film „The Science of Sleep“ bezogen sich auf eine Liebesgeschichte, die mich fast zerstörte. Ich verwende Träume gern als kleine Unterbrechungen. Ich will sie nicht analysieren, stelle sie nur in den richtigen Kontext. Man kann sie natürlich als Clips sehen, aber es gibt einen größeren dramaturgischen Bogen.
Wie haben Sie sich denn die Spezialeffekte für „Abgedreht“ erarbeitet?
Gondry: So sehe ich die Dinge einfach. Wie in meiner Musikvideo-Zeit: Ich sehe was, recycle es. Meine schönste Kindheitserinnerung ist, wie ich zum Spielen auf den Schrottplatz ging: Im verlassenen Auto zu sitzen und sich vorzustellen, dass man um die Welt reist. Die Vorstellungskraft hat man als Kind, aus irgendeinem Grund bin ich so geblieben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2008)

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