Filmfestival Venedig: In diesem Film sind alle psychotisch

Zur Eröffnung zeigte der Mexikaner Alejandro G.Iñárritu seine Tragikomödie „Birdman“: ein ziemlicher Coup für die Festspiele. Doch der Film über Sinnsuche im Chaos der Existenz enttäuscht inhaltlich.

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Birdman – (c) Alison Rosa

Alberto Barbera ist stolz. Es ist das dritte Jahr am venezianischen Lido für den Nachfolger des geschassten Festivaldirektors Marco Müller. Und er bemüht sich redlich, der traditionsreichen Veranstaltung einen neuen Anstrich zu verpassen. Schon am Dienstagabend wurde eine Voreröffnung gefeiert: Im renovierten Sala Darsena, in dem immerhin 1400 Menschen Platz finden, vertonte eine Jazzband den (digital) frisch restaurierten Stummfilmklassiker „Maciste Alpino“, und das mit ziemlicher Wucht. Donnerschläge und anderes Gedöns dröhnten von hochmodernen Lautsprechern, montiert im Kreisrund um das Auditorium herum, auf das überraschte, begeisterte Publikum ein.

Es war eine Machtdemonstration: Die Filmfestspiele von Venedig, die heuer ins 71. Jahr gehen, möchten den Ruf loswerden, altmodisch und aus der Zeit gefallen zu sein. Immerhin, und auch darauf ist Barbera sehr stolz, haben sie es im Ranking einer amerikanischen Webseite unter die drei wichtigsten Herbst-Filmfestivals geschafft. Das nicht nur, aber schon auch deshalb, weil der Lido in den Vorjahren starke Akzente gesetzt hat, wenn es darum ging, mögliche bis wahrscheinliche Oscar-Kandidaten zu lancieren. Darren Aronofskys „The Wrestler“ feierte hier ebenso seine Weltpremiere wie Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“.

In diesem Jahr muss man gar nicht lange suchen, um einen Film zu finden, der klassisches Academy-Award-Material ist. Gestern Abend wurden die Filmfestspiele von Venedig mit der Weltpremiere von „Birdman (or The Unexpected Virtue of Ignorance)“ von Alejandro G. Iñárritu eröffnet. Das ist ein ziemlicher Coup für das Festival, denn diese Tragikomödie wird im Internet bereits seit Monaten als Kultfilm und potenzielles Meisterwerk gehandelt.

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Prätentiöser Formalismus

Beides trifft nicht zu. Hoffnungen, dass der mexikanische Regisseur den prätentiösen, weil selbstzweckhaften Formalismus seiner früheren Arbeiten („Babel“, „Biutiful“) abgelegt haben könnte, werden gleich im Vorspann zerschlagen: Ein Buchstabenbingo fügt sich irgendwann zu einem Raymond-Carver-Zitat zusammen, und man weiß, dass da erneut etwas Schweres und Aufgeblähtes über die Leinwand donnern wird. Daran ändert auch der federleichte Aufzug nichts: Michael Keaton im Yogi-Schneidersitz, gut anderthalb Meter über dem Boden seiner Theatergarderobe schwebend; rechts von ihm hängt ein eingerahmtes Plakat seines größten Hollywood-Erfolgs „Birdman“. Dreimal ist er in das hautenge Superheldenkostüm geschlüpft. Damit ist er so bekannt geworden, dass ihm auch jetzt, viele Jahre später, noch die Leute hinterherlaufen und um ein Autogramm bitten. Der „Birdman“ ist aber auch Stimme in seinem Kopf: Sätze in tiefem Basston, die ihm immer wieder sagen, wie wichtig, gut und toll er ist, hört er von der fiktiven Figur, die irgendwann dann auch in seiner Garderobe sitzt. Michael Keaton erweist sich als Idealbesetzung für diesen Riggan Thomson, nicht zuletzt, da sich sein eigener Karriereverlauf nach den „Batman“-Filmen in ihm zu spiegeln scheint. Er spielt mit unbändiger Energie und ungeheuerlicher Körperspannung: Es entsteht das Bild eines Mannes auf obsessiver Suche nach Relevanz in seinem Leben und seiner Arbeit. Oder, wie es seine Freundin Sam formuliert: „I am terrified to death, as the rest of us, that I don't matter.“

Es geht Alejandro G. Iñárritu also erneut um die Suche nach einem Sinn im Chaos unserer Existenz. Sein und Schein, auf und abseits einer Theaterbühne, im Zentrum ein egozentrischer Star, der sich um jeden Preis neu erfinden will.

 

Sexszene mit Naomi Watts

Michael Keaton gegenüber steht ein groß aufspielender Edward Norton als wenig gesellschaftsfähiger Method Actor: Als Thomson ihm den echten Gin, mit dem er sich auf der Bühne besäuft gegen schnödes Wasser austauscht, reißt Norton im Wutausbruch das halbe Bühnenbild zu Boden. Später im Stück hat er mit Naomi Watts eine Sexszene, drängt sie aber darauf, es wirklich zu tun. Sie weigert sich, und er spielt mit einer Erektion weiter.

Alles an „Birdman“ ist grell und überzeichnet, jede einzelne Figur erscheint psychotisch: Es geht Iñárritu nicht um eine Geschichte im konventionellen Sinn. Sein Film ist eine These zum künstlerischen Leben, Überleben und Vergehen in der gegenwärtigen Kulturindustrie, zum Superstarsein mit all den Egomassagen, die dazugehören, zur irgendwann einsetzenden Suche nach einem tieferen Sinn.

Sonderlich originell ist das nicht: Dasselbe Thema wurde bereits dutzendfach abgehandelt, von „Sullivan's Travels“ bis hin zu „Showgirls“. Die schauspielerischen Leistungen in „Birdman“ sind allesamt fantastisch und preisverdächtig, werden allerdings von der Inszenierung noch übertrumpft: Der Mexikaner Emmanuel Lubezki beweist mit „Birdman“ nach „Gravity“ erneut, dass er zur Weltklasse der Kameraleute gehört. In einer Plansequenz, die auch als Hommage an Martin Scorsese durchgeht, gleitet und schreitet man durch die verwinkelten Gänge des Theaters. Arbeiter schieben sich im Vordergrund oder Hintergrund vorbei, grüßen, sind wieder verschwunden. Dann nimmt die Kamera die Bewegung einer anderen Figur auf, begleitet sie kurz, kommt wieder zu Thomson zurück, der den Weg auf die Bühne findet, die Szene betritt und übergangslos in seinen Charakter schlüpft.

Man ist schwindlig von den Bildern allein, von all diesen möglichen und unmöglichen Bewegungen: Die werden von Antonio Sanchez' druckvoller, aggressiver Schlagzeugmusik noch zusätzlich rhythmisiert. All das vielleicht auch, damit man nicht merkt, wie wenig hinter all diesem Brimborium steht. Zwei Stunden lang wird man von vergnüglichem, aber doch sehr aufgebauschtem Gerede über Lebenssinn und Unsinn, über Ruhm und Reichtum in Gang gehalten und am Ende zuckt der Filmemacher einfach mit den Schultern und sagt: Ich habe auch keine Antwort. In dem Moment möchte man diesem „Birdman“ jede Feder einzeln ausrupfen.

ÖSTERREICHER IN VENEDIG

Ulrich Seidl, der 2001 in Venedig für „Hundstage“ den Großen Preis der Jury erhalten hat, zeigt heuer außerhalb des Wettbewerbs seinen Dokumentarfilm „im Keller“. Von Seidls Firma produziert ist auch „Ich seh Ich seh“, das Spielfilmdebüt von Veronika Franz (Seidls Lebensgefährtin) und Severin Fiala über Zwillingsbuben, die ihre Mutter nach einer Operation nicht wiedererkennen. Dieser Horrorfilm läuft in der „Orizzonti“-Schiene.
Jessica Hausner, österreichische Regisseurin, sitzt in der Jury, die die Goldenen Löwen vergibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2014)

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