Der Mexikaner Guillermo del Toro ist wie ein Zeitreisender, seine Filme sind wie Gucklöcher in eine verloren geglaubte Tradition des Geschichtenerzählens. Del Toros schauerromantisches, völlig unironisches Kino gehört den Monstern, die sich mit der Unschuld und Anmut eines Kindes durchschlagen – in einer durchrationalisierten, pragmatischen Welt, in der die Fantasie nicht überlebt hat.
Wie Frankensteins Kreatur instinktiv zerstört und tötet, so trägt auch Hellboy die Saat der Zerstörung in sich: Von verrückten Nazi-Okkultisten wurde er kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs aus einer anderen Dimension in die unsere geschleudert, sein Schicksal deutet auf die Apokalypse hin. Bis sie kommt, schuftet er in der streng geheimen Regierungsabteilung für paranormale Forschung und Verteidigung, schützt so seine neue Heimat vor bösartigen Kreaturen.
Was in Mike Mignolas bahnbrechenden Hellboy-Comics angelegt ist, bringt del Toro in seinen Filmen zur Blüte. Seine Adaption Hellboy zeigte die Titelfigur – durchaus autobiografisch geprägt – als Zigarre rauchenden, Chili und Katzen liebenden Kerl mit verheerenden Stimmungsschwankungen: eine lässige Neuinterpretation der Nicht-ganz-Helden von Film noir und Schundheften, irgendwo zwischen Bogart und John Wayne.
Die Fortsetzung Hellboy 2: The Golden Army basiert noch auf Mignolas Entwürfen, ist aber von del Toro selbst geschrieben. Die Feindbilder haben sich auch geändert: In Hellboy planten Nazis die Weltzerstörung, jetzt kämpft ein Prinz aus einem untergegangenen Königreich um die Wiederauferstehung desselbigen – mit allen Mitteln. Hauptwaffe soll die goldene Armee sein: Eine Hundertschaft von Kampfmaschinen, angetrieben von einem Zahnradwerk, das derjenige kontrolliert, der die Krone trägt.
Hellboy trifft andere Ausgestoßene
Die Auseinandersetzung wirft ethische Fragen auf: Söldner Hellboy trifft auf Monstren und andere Ausgestoßene, die in Einklang mit der Natur und ihren Gottheiten leben, von der Machtgier der Menschen in modrige Keller gedrängt: Eine mögliche neue Heimat, ein Ort, an dem er normal sein könnte, vielleicht gar eine bessere Welt? Del Toros Sympathien sind gleichmäßig verteilt: In seinen Filmen formuliert er immer auch seine Skepsis gegenüber einer Gesellschaft, die keinen Platz kennt für das Andersartige.
So bleiben die menschlichen Figuren in Hellboy 2 Staffage, während die Kreaturen glänzen und fühlen dürfen. Zur Beziehung von Hellboy (überlegen: Ron Perlman) und Flammenwerferin Liz (Selma Blair) kommt noch eine tragische Liebesgeschichte: Wassermann Abe Sapien (unvergesslicher Augenaufschlag: Doug Jones) ist verzückt von einer unerreichbaren Prinzessin. Zum Trost lauscht er Barry Manilows Gesang. Momente wie diese unterstreichen del Toros Qualitäten: In der Tradition von Terence Fisher oder Mario Bava erzählt er flüssige, visuell überwältigende, und sehr private Genregeschichten: große, uneitle Tragödien von Monstern, Menschen und Maschinen.
Deutlich zeigt sich del Toros Humanismus an Johann Krauss (gesprochen mit formidablem „Kraut“-Akzent von Seth MacFarlane), einem Ektoplasmawesen im Metallanzug mit Glaskuppel statt Kopf. Krauss wird in Hellboys Abteilung versetzt, um dessen Anarchie mit deutschem Ordnungssinn zu bremsen, aber zuletzt hält er sich auch nicht mehr ans Protokoll: „Suck on my ectoplasmic Schwanzstücke!“ Monster sind Menschen, Menschen sind Monster: Das ist das große Kino von Guillermo del Toro.
■Guillermo del Toro (*1964, Guadalajara, Mexiko), ausgebildet als Make-up-Künstler, wird 1993 durch den originellen Vampirfilm Cronos international bekannt. Zuletzt hatte Pans Labyrinth (2006) weltweit Erfolg, als Nächstes verfilmt del Toro Tolkiens Hobbit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2008)

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