Bond überlebt, die Marke nicht

„Ein Quantum Trost“ macht zunichte, was „Casino Royale“ gutgemacht hat: Hanebüchene Weltverschwörungsstory, Abziehbilder-Schurken und -Girls, einfallslose Stunts

Daniel Craig als James Bond
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Daniel Craig als James Bond
(c) EPA (SUSIE ALLNUTT / SONY / HO)

In seiner Autobiografie erzählt der letzte Kaiser von China, Pu Yi, als Jugendlicher wollte er nichts lieber sein als ein britischer Gentleman. In der Tat ist bzw. war der „Gentleman“ eine der strahlkräftigsten Marken, die die Insel hervorgebracht hat. Und der Gentleman-Autor Ian Fleming schuf 1952 mit James Bond eine moderne Blaupause des eigentlich gerade mit dem Empire untergehenden Typus – ein klassischer Markenrelaunch.

Was den Kern dieser Marke ausmacht, zeigt vielleicht am ehesten eine linguistische Betrachtung. Während im Deutschen das Wort „Selbstbewusstsein“ ein Auftreten mit Stil und Autorität bezeichnet, verstehen die Briten unter „self-consciousness“ das Gegenteil: eine hemmende Befangenheit. Denn am stärksten tritt der auf, der über sich, sein Benehmen und seine Rolle nicht nachzudenken braucht, weil sie ihm völlig selbstverständlich sind. Das ist die Souveränität des Gentleman, und so ist James Bond.

Wer wie ich als 16-Jähriger zunächst auf den literarischen James Bond gestoßen ist (in der St.Pöltener Stadtbücherei – was für ein Gegensatz!), der bemisst auch die Bond-Filme aus dieser Prägung heraus. Und da waren die meisten leider eine Markenverwässerung: James Bond wurde platt. Und so war nach 20 immer seichteren (obwohl aufwendigeren) Abenteuerfilmen die Marke Bond fast tot. Doch da kam 2006 der abermalige Relaunch mit „Casino Royale“: Bond war zurück – auf die Höhe der Zeit gebracht.

Nicht die Welt musste gerettet werden, sondern – wie im Buch – bloß ein Normalschurke besiegt. Statt pyromanischer Materialschlachten gab es – wie im Buch – den trockenen und bedrohlichen Zweikampf der Willen, zunächst am Spieltisch, dann in der Folterkammer. Statt Bond-Girls gab es – wie im Buch – eine herausfordernde Frau. Statt technischer Spielereien – wie im Buch – die Physis und die Persistenz des Einzelkämpfers. Es gab wieder die Selbstverständlichkeit bei der Inanspruchnahme des Luxus dieser Welt. Es roch nicht mehr nach der Knopflochblume Roger Moores oder dem Haargel Pierce Brosnans, sondern nach Blut, Schweiß, Champagner und den Ledersitzen eines starken Wagens auf regennasser Straße bei Nacht. Und es gab verdammt gute Action.

Davon wollte man mehr. Doch dann die Katastrophe. Nach der Wiederbelebung kam die Massakrierung der Marke Bond im eben angelaufenen Film „Ein Quantum Trost“, der mit der gleichnamigen Geschichte Flemings nur den Titel gemeinsam hat, sonst schlecht erfunden ist und alle Verbrechen der früheren Bond-Filme begeht: hanebüchene Weltverschwörungsstory, Abziehbilder-Schurken und -Girls, einfallslose Stunts, gigantomanische Explosionen, plattgewalzte Stereotypen, Locations ohne jeden Handlungsbezug. Und Bond, dem Fleming nur im Schlaf einen grausamen Zug um den Mund zugesteht, ist hier bloß ein soignierter Rambo. Er, der einmal die inhärente Überlegenheit der angelsächsischen Zivilisation verkörpert hat, unterscheidet sich von seinen US-, südamerikanischen, vorarlbergischen etc. Kontrahenten nur noch dadurch, dass er überlebt.

Der einzige Trost: Lässt sich der nächste Film wieder von Fleming inspirieren, könnte auch die Marke Bond weiterleben.

ZUM FILM

„Ein Quantum Trost“ ist am 6. November in den österreichischen Kinos angelaufen, in England ist der Film bereits am 31. Oktober gestartet und brach den Box-Office-Rekord für das erste Wochenende mit Einnahmen von 15,5 Mio. britischen Pfund (bisher: der vierte „Harry Potter“ mit 14,9 Mio. Pfund). Es ist der zweite Bond-Film um Daniel Craig als 007, gedreht wurde u.a. in Vorarlberg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)