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Bond überlebt, die Marke nicht

07.11.2008 | 19:18 |  MICHAEL PRÜLLER (Die Presse)

„Ein Quantum Trost“ macht zunichte, was „Casino Royale“ gutgemacht hat: Hanebüchene Weltverschwörungsstory, Abziehbilder-Schurken und -Girls, einfallslose Stunts

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In seiner Autobiografie erzählt der letzte Kaiser von China, Pu Yi, als Jugendlicher wollte er nichts lieber sein als ein britischer Gentleman. In der Tat ist bzw. war der „Gentleman“ eine der strahlkräftigsten Marken, die die Insel hervorgebracht hat. Und der Gentleman-Autor Ian Fleming schuf 1952 mit James Bond eine moderne Blaupause des eigentlich gerade mit dem Empire untergehenden Typus – ein klassischer Markenrelaunch.

Was den Kern dieser Marke ausmacht, zeigt vielleicht am ehesten eine linguistische Betrachtung. Während im Deutschen das Wort „Selbstbewusstsein“ ein Auftreten mit Stil und Autorität bezeichnet, verstehen die Briten unter „self-consciousness“ das Gegenteil: eine hemmende Befangenheit. Denn am stärksten tritt der auf, der über sich, sein Benehmen und seine Rolle nicht nachzudenken braucht, weil sie ihm völlig selbstverständlich sind. Das ist die Souveränität des Gentleman, und so ist James Bond.

Wer wie ich als 16-Jähriger zunächst auf den literarischen James Bond gestoßen ist (in der St.Pöltener Stadtbücherei – was für ein Gegensatz!), der bemisst auch die Bond-Filme aus dieser Prägung heraus. Und da waren die meisten leider eine Markenverwässerung: James Bond wurde platt. Und so war nach 20 immer seichteren (obwohl aufwendigeren) Abenteuerfilmen die Marke Bond fast tot. Doch da kam 2006 der abermalige Relaunch mit „Casino Royale“: Bond war zurück – auf die Höhe der Zeit gebracht.

Nicht die Welt musste gerettet werden, sondern – wie im Buch – bloß ein Normalschurke besiegt. Statt pyromanischer Materialschlachten gab es – wie im Buch – den trockenen und bedrohlichen Zweikampf der Willen, zunächst am Spieltisch, dann in der Folterkammer. Statt Bond-Girls gab es – wie im Buch – eine herausfordernde Frau. Statt technischer Spielereien – wie im Buch – die Physis und die Persistenz des Einzelkämpfers. Es gab wieder die Selbstverständlichkeit bei der Inanspruchnahme des Luxus dieser Welt. Es roch nicht mehr nach der Knopflochblume Roger Moores oder dem Haargel Pierce Brosnans, sondern nach Blut, Schweiß, Champagner und den Ledersitzen eines starken Wagens auf regennasser Straße bei Nacht. Und es gab verdammt gute Action.

Davon wollte man mehr. Doch dann die Katastrophe. Nach der Wiederbelebung kam die Massakrierung der Marke Bond im eben angelaufenen Film „Ein Quantum Trost“, der mit der gleichnamigen Geschichte Flemings nur den Titel gemeinsam hat, sonst schlecht erfunden ist und alle Verbrechen der früheren Bond-Filme begeht: hanebüchene Weltverschwörungsstory, Abziehbilder-Schurken und -Girls, einfallslose Stunts, gigantomanische Explosionen, plattgewalzte Stereotypen, Locations ohne jeden Handlungsbezug. Und Bond, dem Fleming nur im Schlaf einen grausamen Zug um den Mund zugesteht, ist hier bloß ein soignierter Rambo. Er, der einmal die inhärente Überlegenheit der angelsächsischen Zivilisation verkörpert hat, unterscheidet sich von seinen US-, südamerikanischen, vorarlbergischen etc. Kontrahenten nur noch dadurch, dass er überlebt.

Der einzige Trost: Lässt sich der nächste Film wieder von Fleming inspirieren, könnte auch die Marke Bond weiterleben.

ZUM FILM

„Ein Quantum Trost“ ist am 6. November in den österreichischen Kinos angelaufen, in England ist der Film bereits am 31. Oktober gestartet und brach den Box-Office-Rekord für das erste Wochenende mit Einnahmen von 15,5 Mio. britischen Pfund (bisher: der vierte „Harry Potter“ mit 14,9 Mio. Pfund). Es ist der zweite Bond-Film um Daniel Craig als 007, gedreht wurde u.a. in Vorarlberg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)

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4 Kommentare
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BOND ist einfach nur BLÖD!

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Re: BOND ist einfach nur BLÖD!

sonst schlecht erfunden ist und alle Verbrechen der früheren Bond-Filme begeht: hanebüchene Weltverschwörungsstory, Abziehbilder-Schurken und -Girls, einfallslose Stunts, gigantomanische Explosionen, plattgewalzte Stereotypen, Locations ohne jeden Handlungsbezug. Und Bond, dem Fleming nur im Schlaf einen grausamen Zug um den Mund zugesteht, ist hier bloß ein soignierter Rambo....
Gibt es in irgendeinen Bond-Film noch andere Nuancen ausser diese??
Welche bitte!
PS: die wirklich guten Filme, die das Böse in seiner Abgründigkeit darstellen, sind relativ unbekannt geblieben (u.a. "Der Marathonmann", "Strip Search", "Ted Bundi" etc.). Scheinbar wirkt es in seiner kalauerten Form irgendwie lustig

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trotzdem

Werde ihn mir trotzdem früher oder später ansehen, schon alleine wegen Craig - Pierce Brosnan war der einzige Bond, der mich nicht hinter dem Ofen hervorholen konnte, das will was heißen.

Antworten Gast: F. M.
06.02.2009 20:00
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Re: trotzdem

Vielen Dank, Herr Prüller! Ich dachte schon, ich sei der Einzige, der so denkt wie Sie. Wer die James-Bond-Romane von Ian Fleming gelesen hat, setzt recht hohe Maßstäbe an die Filme, die diese aber nicht erfüllen können. "Dr. No", "From Russia With Love" und "Goldfinger" mit Sean Connery in der Hauptrolle versuchen wenigstens noch, den Ansprüchen gerecht zu werden. Nach Flemings Tod - während der Dreharbeiten zu "Goldfinger" - merkt man den Qualitätsverlust deutlich. Mich langweilt das bewährte, altbekannte Muster der Filme - es hat so gar nichts gemein mit Flemings mehr als adäquaten Vorlagen

Daher kann ich jedem nur empfehlen, die James-Bond-Romane von Ian Fleming zu lesen. Auch, wenn sie aus heutiger Sicht "antiqiert" wirken mögen.

Ian Fleming ist tot, es lebe Ian Fleming!

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