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"Willkommen bei den Sch'tis": Die Heiterkeit der heilen Welt

13.11.2008 | 18:17 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Eine kleine Komödie namens "Bienvenue chez les Ch'tisbrach" im Frühjahr in Frankreich alle Rekorde. Ein harmloses Phänomen.

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Lange vor dem Film kamen die Sensationsmeldungen: Eine kleine Komödie namens Bienvenue chez les Ch'tisbrach im Frühjahr in Frankreich alle Rekorde. Schließlich wurde sogar der unverwüstlich scheinende nationale Spitzenreiter aus dem Jahr 1966 entthront: 17 Millionen Franzosen sahen einst Die große Sause mit Louis de Funès – die Ch'tis übersprangen die 20-Millionen-Grenze. Ohne Stars und große Kampagne, nur durch Mundpropaganda.

Nun startet der Frankohit als Willkommen bei den Sch'tis, mit Christoph Maria Herbst wurde gar ein Star für die deutsche Synchronisation engagiert, die (einigermaßen erträglich) versucht, den komischen Kern des Originals in eine Kunstsprache zu übersetzen. Der Film von und mit Danny Boon treibt Scherz mit Gegensätzen zwischen Nord- und Südfrankreich, besonders sprachlichen: Im Norden an der belgischen Grenze leben die Sch'tis (die eben „sch“ statt „s“ sagen, was für entsprechende Mischverständnisse sorgt, merschi). Im Süden pflegt man dazu Klischeevorurteile: Im Gebiet der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs herrsche nur nasskaltes Wetter und soziales Elend, das verzweifelte Hinterwäldler durch dauernden Vollrausch vergessen.

So stellt sich das auch Philippe (Kad Merad) vor, ein Postmeister im Süden, der wegen seiner unzufriedenen Gattin Lähmung vortäuscht, um an einen Platz an der Sonne versetzt zu werden. Just im Moment des Triumphs springt er selbstvergessen aus dem Rollstuhl und wird grausam strafversetzt: Ärmelkanal statt Mittelmeer. Auf der Autobahn fährt er so langsam, dass ihn ein Gendarm stoppt – der mitleidig die Strafe erlässt, als er Philippes tragisches Ziel hört: nord. Dort begrüßt ihn eine Regenwand.

So weit, so amüsant. Auch Philippes anfängliche Verständigungsschwierigkeiten mit den neuen Kollegen (allen voran Regisseur Boon) werfen routinierte Lacher ab. Doch rasch lebt sich der Neuankömmling ein, die Trennung von der Frau tut beiden gut (sie quillt über vor Mitleid, denn er tischt ihr die Sch'tis-Schauermärchen auf, die sie hören will), und überhaupt wird alles eitel Wonne.

 

Festessen? Am Imbissstand!

Willkommen bei den Sch'tis beschwört ein nostalgisches Provinzidyll, wo betrunkene Postler hauptsächlich Heiterkeit hervorrufen und moderne Geräte wie Computer scheinbar nie benutzt werden. Nicht einmal Ausländer gibt es: Zwar haben die Kreativkräfte Boon und Merad algerischen Migrationshintergrund, aber alle Fremdheit ist im Sch'tis-Sein sublimiert. Das andere wird der heilen französischen Welt einverleibt.

Das passt zu Frankreichs jüngeren Blockbustern, zum weißgewaschenen Märchen-Montmartre in Amélie, zum Nostalgiepaket Die Kinder des Monsieur Mathieu. Phänomenal am Sch'tis-Phänomen ist nur seine Harmlosigkeit, zusehends vorhersehbarer wird der Mix aus belanglosem Schabernack und altbackener Liebesgeschichte. Regionale Verschrobenheit – Musizieren im Glockenturm, Festessen am Imbissstand (auch McDonald's gibt es hier nicht) – ist die milde Würze in Boons Beruhigungssuppe: Seine Komödie erlaubt die Flucht vor den Krisen der globalisierten Ära, indem sie die Effekte der Globalisierung einfach leugnet.

Man könnte sich also einerseits wundern, warum dieses breit gespielte, einfallslos inszenierte und mäßig komische Lustspiel in Frankreich so sensationell ging – andererseits: Was denkt sich wohl der Franzose, wenn er mit dem deutschsprachigen Superhit Qui peut sauver le Far West? (alias Der Schuh des Manitu) konfrontiert wird? Boons Film spricht immerhin global existierende Sehnsüchte und Vorurteile an, hat so wohl das Zeug zum Exportschlager, allen Übersetzungsschwierigkeiten zum Trotz. Hollywood geht aber ganz auf Nummer sicher, Will Smith hat die Remake-Rechte gekauft – 2010 heißt es dann: Welcome to the Sticks.

FRANKREICHS FILMHITS

20,4 Mio. Franzosen sahen „Bienvenue chez les Ch'tis“, nur der US-Welthit „Titanic“ (20,7 Mio.) erreichte mehr. Die größten frz. Nationalerfolge (in Besuchern): „Die große Sause“ (1966; 17,2 Mio.), „Asterix & Obelix: Mission Kleopatra“ (2002; 14,5 Mio.), „Die Besucher“ (1993; 13,7 Mio.), „Don Camillo und Peppone“ (1952; 12,7 Mio.), „Scharfe Sachen für Monsieur“ (1965; 11.7 Mio.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2008)

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2 Kommentare
0 0

Seltsame Synchronisation

Welcher der De Funès-Filme ist bitte unter "Die große Sause" gelaufen? Hört sich an, als ob die Berliner Synchronstudios wieder einmal krampfhaft unlustig gewesen wären. Was ist der Originaltitel?

Noch gar nix

bitte anschauen: "La cité de la peur" von Les Nuls.

Ca va couper, cherie! Und: Je suis hyper-content....