22.11.2009 13:55 | Meine Presse Merkliste0

"In die Welt": Und dann in die Arme der erschöpften Mutter

20.11.2008 | 18:10 |  MARKUS KEUSCHNIGG (Die Presse)

Constantin Wulffs Dokumentarfilm „In die Welt“ zieht die Kraft aus dem unaufgeregten Dabeisein.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Es wirkt zärtlich, aber zugleich grausam, wie sich der Babyfuß durch die Bauchdecke der Schwangeren drückt: Das Plakat zu Constantin Wulffs „In die Welt“ ist so konzentriert und symbolisch, wie es der Film gar nicht sein kann oder möchte. Monatelang hat der Regisseur den Alltag in der Semmelweis-Frauenklinik in Wien begleitet, werdende Eltern bei den Vorbereitungen auf den großen Moment gefilmt, Besprechungen der Ärzte, Ultraschall-Untersuchungen, schließlich auch die Geburten selbst.

Es sind den Situationen inhärente Dramaturgien, die Wulff und Kameramann Johannes Hammel verwenden, bewegende, mitreißende Kurzgeschichten, die für ein Mehr – vielleicht die Institution Geburtsklinik, vielleicht das System, vielleicht die Gesellschaft – einstehen können, aber nicht müssen. Wulffs dokumentarischer Ansatz ist sachlich und direkt: der frühere Koleiter der Diagonale zeigt sich in seinen eigenen Filmen stark beeinflusst und tief beeindruckt vom Direct Cinema. Die in den Sechzigerjahren von den USA und Regisseuren wie Richard Leacock und Robert Drew ausgehende Bewegung dachte den nichtfiktiven Film in erster Linie als unvermitteltes, unmittelbares Beobachten und Aufzeichnen der Wirklichkeit: keine künstlichen und kunstsinnigen Effekte, kein Kommentar, kein Eingreifen in das Geschehen.

Wie damals spielt auch heute bei Wulff die Arbeit am Schneidetisch (Schnitt: Dieter Pichler) neben dem eigentlichen Filmen die Hauptrolle; weil aus Materialmengen ausgewählt werden muss, weil man sich selbst bremsen und andauernd überprüfen muss, ob man nicht doch schon die eigene Sicht auf die Dinge mit hineinmontiert hat.

 

Sie schreit nach Schmerzmitteln

„In die Welt“ zieht seine Kraft aus dem unaufgeregten Dabeisein: Gleich zu Beginn serviert der Film eine Geburt in einer langen Sequenz, die auch stellvertretend stehen kann für die Kraft dieser Art des Regieführens. Im Vordergrund liegt eine Frau in den Wehen: Sie krümmt sich vor Schmerzen, schreit nach Schmerzmitteln. Im Hintergrund kauert ihr Partner. Immer wieder vergräbt er sein Gesicht zwischen den Armen, unruhig rutscht er auf dem Stuhl hin und her, versucht die Schwangere zu beruhigen. Eine Hebamme und die verantwortliche Ärztin gehen währenddessen ihrer Arbeit nach, so wie sie es jeden Tag tun. Sie trösten, gehen auf die Patientin ein, bleiben aber notwendigerweise nüchtern, kontrollieren den Körper und seine Werte. Irgendwann ist es dann geschafft, das Neugeborene liegt in den Armen der erschöpften Mutter, die Ärztin fragt den Vater, ob er die Nabelschnur durchschneiden will. Er winkt ab. Zum Schluss werden der Prozess und sein Ausgang in einer Akte niedergeschrieben. Später sieht man Berge davon in Bündeln auf einem Tisch liegen. Das Wunder Leben ist hier nicht nur, aber auch eine Verrichtung, perfekt eingepasst in den Alltag einer gut organisierten Institution.

Dass „In die Welt“ trotz seiner Nüchternheit so stark auf den Zuseher wirkt, liegt zum einen an den Qualitäten des Regisseurs, zum anderen daran, dass existenzielle Erfahrungen des Menschseins wie Geburt und Tod – außer in den Stilisierungen des Popkinos – nach wie vor ausgeblendet sind aus der öffentlichen Wahrnehmung. Wulff bricht den Mythos des neuen Lebens herunter auf die nackten Tatsachen, ohne jemals aus den Augen zu verlieren, welche kleinen und großen Geschichten sich währenddessen abspielen, ohne sich gegen die Dramatik des Moments zu stellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

2 Kommentare
Gast: Tonmensch
21.11.2008 20:12
0 0

Geschichten?

Möglicherweise ist mir das Konzept des Direct Cinema unverständlich, aber zählt dazu etwar auch keine Geschichte zu erzählen?
Dieser Film wirkte als eine mehr oder weniger willkürliche Aneinanderreihung zufällig gedrehter Szenen.


Antworten Gast: Aschenputtel
26.11.2008 22:07
0 0

Re: Geschichten?

Ich komme gerade aus dem Kino und kann "Tonmensch"
nur zustimmen.
Was will der Regisseur mit diesem Film aussagen?
Weder wird eine Geschichte erzählt, noch handelt es sich um eine "richtige" Dokumentation. Ich habe mich die ganze Zeit gefühlt wie eine der wartenden Patientinnen in der Ambulanz: Gelangweilt und ungemütlich.
Fazit: Ein Kinobesuch, den man sich sparen kann!



Schlagzeilen Kultur

  • Herr Jürgens, werden Sie unterschätzt?
    Udo Jürgens, derzeit mit seiner "Best-Of"-CD an der Spitze der Hitparaden, beschließt seine große Tournee mit drei Österreich-Konzerten. "Die Presse am Sonntag" traf den Charismatiker.
    Disziplin in tausend Blättern
    Für den neuen Uni-Campus im Prater baut Architekt Hitoshi Abe einen Komplex für Büros, Bibliothek und Institute. Ein Spiel mit Licht, Luft und ein wenig Konditorkunst.
    Musikmarkt: Der Fan als Plattenboss
    Die Internetseite Sellaband wird als Onlinerevolution auf dem Musikmarkt gefeiert. Dort kann man sein Geld in potenzielle Hitfabrikanten investieren.
  • Vielfalt zu Haydns Zeiten
    Eine CD-Aufnahme von Flötenuhren beweist: In der Entstehungszeit klassischer Kom- positionen hielt man sich kaum an die Vorgaben der Maestri.
    Galerie in Graz: Das Ganze passt ihm nicht
    Die Neue Galerie in Graz zieht um. Was Chefkurator Peter Weibel am Samstag für eine deftige Abrechnung mit Verhinderern, Verwaltern und Verkennern nutzte.
    Sandmännchen feiert Geburtstag: "Nun schnell ins Bett..."
    Am Sonntag feiert das beliebte Sandmännchen mit großem Trara seinen 50. Geburtstag. Es entstand aus einem Wettstreit zwischen Ost- und Westdeutschland.
  • Und immer wieder Vintage
    Das Dorotheum versteigert am Dienstag Design – von Klimts Zeichenmappe bis zu Domenigs Prototyp eines Armsessels. Der Trend: Vintage.
    Oprah Winfrey tritt ab: Talk, Tränen und Trara
    Die Talkshow-Queen Oprah Winfrey verkündet ihren Abschied in zwei Jahren, um einen eigenen Sender zu lancieren. Sie ist zur mächtigen Marke geworden.
    "Paranormal Activity": Horrorkammerspiel zum Mitmachen
    Um einen Dämon dreht sich das Debüt des Israelis Oren Peli – samt dazugehöriger Marketingkampagne. Peli spielt geschickt mit Urängsten: Sein Film ist effektiv, aber nicht innovativ.
  • Josefstadt: „Hans Moser sang mit Goebbels!“
    Franzobel schrieb ein Stück über Moser, das am 25. 2. 2010 mit Erwin Steinhauer in der Titelrolle uraufgeführt wird. Herbert Föttinger erklärt, warum dieses Moser-Stück wichtig ist.
    Thomas Quasthoff erhält Karajan-Musikpreis
    Der prominente deutsche Bass-Bariton wurde am Freitagabend ausgezeichnet. Der Preis ist mit 50.000 Euro für die Nachwuchsförderung dotiert. Quasthoff wird das Geld für den Wettbewerb "Das Lied" verwenden.
    Buddhas, Bauernkästen– und Raubkunst
    Die geplante Fusion von Völkerkunde- und Volkskundemuseum weckt große Euphorie. Das Projekt ist attraktiv, aber teuer und unrealistisch. Die beiden Sammlungen dürften noch länger im Dornröschenschlaf ruhen.