Es wirkt zärtlich, aber zugleich grausam, wie sich der Babyfuß durch die Bauchdecke der Schwangeren drückt: Das Plakat zu Constantin Wulffs „In die Welt“ ist so konzentriert und symbolisch, wie es der Film gar nicht sein kann oder möchte. Monatelang hat der Regisseur den Alltag in der Semmelweis-Frauenklinik in Wien begleitet, werdende Eltern bei den Vorbereitungen auf den großen Moment gefilmt, Besprechungen der Ärzte, Ultraschall-Untersuchungen, schließlich auch die Geburten selbst.
Es sind den Situationen inhärente Dramaturgien, die Wulff und Kameramann Johannes Hammel verwenden, bewegende, mitreißende Kurzgeschichten, die für ein Mehr – vielleicht die Institution Geburtsklinik, vielleicht das System, vielleicht die Gesellschaft – einstehen können, aber nicht müssen. Wulffs dokumentarischer Ansatz ist sachlich und direkt: der frühere Koleiter der Diagonale zeigt sich in seinen eigenen Filmen stark beeinflusst und tief beeindruckt vom Direct Cinema. Die in den Sechzigerjahren von den USA und Regisseuren wie Richard Leacock und Robert Drew ausgehende Bewegung dachte den nichtfiktiven Film in erster Linie als unvermitteltes, unmittelbares Beobachten und Aufzeichnen der Wirklichkeit: keine künstlichen und kunstsinnigen Effekte, kein Kommentar, kein Eingreifen in das Geschehen.
Wie damals spielt auch heute bei Wulff die Arbeit am Schneidetisch (Schnitt: Dieter Pichler) neben dem eigentlichen Filmen die Hauptrolle; weil aus Materialmengen ausgewählt werden muss, weil man sich selbst bremsen und andauernd überprüfen muss, ob man nicht doch schon die eigene Sicht auf die Dinge mit hineinmontiert hat.
Sie schreit nach Schmerzmitteln
„In die Welt“ zieht seine Kraft aus dem unaufgeregten Dabeisein: Gleich zu Beginn serviert der Film eine Geburt in einer langen Sequenz, die auch stellvertretend stehen kann für die Kraft dieser Art des Regieführens. Im Vordergrund liegt eine Frau in den Wehen: Sie krümmt sich vor Schmerzen, schreit nach Schmerzmitteln. Im Hintergrund kauert ihr Partner. Immer wieder vergräbt er sein Gesicht zwischen den Armen, unruhig rutscht er auf dem Stuhl hin und her, versucht die Schwangere zu beruhigen. Eine Hebamme und die verantwortliche Ärztin gehen währenddessen ihrer Arbeit nach, so wie sie es jeden Tag tun. Sie trösten, gehen auf die Patientin ein, bleiben aber notwendigerweise nüchtern, kontrollieren den Körper und seine Werte. Irgendwann ist es dann geschafft, das Neugeborene liegt in den Armen der erschöpften Mutter, die Ärztin fragt den Vater, ob er die Nabelschnur durchschneiden will. Er winkt ab. Zum Schluss werden der Prozess und sein Ausgang in einer Akte niedergeschrieben. Später sieht man Berge davon in Bündeln auf einem Tisch liegen. Das Wunder Leben ist hier nicht nur, aber auch eine Verrichtung, perfekt eingepasst in den Alltag einer gut organisierten Institution.
Dass „In die Welt“ trotz seiner Nüchternheit so stark auf den Zuseher wirkt, liegt zum einen an den Qualitäten des Regisseurs, zum anderen daran, dass existenzielle Erfahrungen des Menschseins wie Geburt und Tod – außer in den Stilisierungen des Popkinos – nach wie vor ausgeblendet sind aus der öffentlichen Wahrnehmung. Wulff bricht den Mythos des neuen Lebens herunter auf die nackten Tatsachen, ohne jemals aus den Augen zu verlieren, welche kleinen und großen Geschichten sich währenddessen abspielen, ohne sich gegen die Dramatik des Moments zu stellen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2008)

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