Otfried Preußlers „Krabat“ ist eines der erfolgreichsten deutschen Jugendbücher – nur wird das Etikett Jugendbuch seiner Magie gar nicht gerecht. Preußler gelang mit der Neudeutung einer alten sorbischen Volkssage etwas Besonderes: Seine poetische, klare Sprache erreichte die reine Erzählkraft von Märchen, dazu bot er eine vielschichtige Allegorie.
Die Entstehung von „Krabat“ war jedoch eine schwere Geburt: Eine Dekade quälte sich Preußler mit der düsteren Geschichte vom Betteljungen, der zu Kriegszeiten in einer Mühle unterkommt – bei einem Meister, der sich der schwarzen Magie verschrieben hat. Aus Enttäuschung über die schleppende Arbeit am schweren Stoff verordnete sich Preußler zur Abwechslung etwas Lustiges: So entstanden die ersten beiden Bände um den „Räuber Hotzenplotz“, bevor „Krabat“ 1971 erschien – und die deutsche Literatur hatte doppelt dazugewonnen.
Auch Krabat, die aktuelle Verfilmung von Preußlers Buch, hat eine langwierige Entstehungsgeschichte: Es war das Traumprojekt des deutschen Filmemachers Hans-Christian Schmidt (23, Requiem). Was dieser drängende Realist aus dem Stoff gemacht hätte, davon kann man nur träumen. Denn der visionslose Ersatzmann, Jungregisseur Marco Kreuzpaintner, begnügt sich mit dem Imitieren von Hollywoods Fantasy-Klischees.
Die Effekte erschlagen den Effekt
„Ist Krabat der deutsche Harry Potter?“, formulierte es die „Bild“-Zeitung – und bejahte die Frage enthusiastisch. Doch schon die Effekte können nicht wirklich konkurrieren: Mit etwa zehn Mio. Euro ist die Produktion für deutsche Verhältnisse zwar stolz, für internationale aber mäßig budgetiert. Die Computertricks verbreiten allenfalls die Stimmung einer Vorabend-Jugendfernsehserie. Viel schwerer wiegt aber der Mangel an Imagination: Auch wenn sich der Film halbwegs an die Vorlage hält, verrät er in jeder Szene die Poesie von Preußler. (Der Autor selbst meinte allerdings in einem Brief, dass Kreuzpaintner „sowohl dem Medium Film als auch meinem Buch“ gerecht werde.) Wo Preußler mit jedem Satz vieldeutige Bilder beschwört, wird von Kreuzpaintner mit jedem Bild Vieldeutigkeit zerstört. Gleich den Anfang prägt Plumpheit, als der einäugige Müllermeister Krabat aufliest und fragt, ob der Bub nur Müllern lernen wolle – oder „alles andere auch“? Lautes Echo hallt über Krabats Bejahung, was aber im Donnern des bestätigenden Handschlags unterzugehen droht. Solcherart erschlagen ständig die Effekte den gewünschten emotionalen Effekt: Als Krabat etwa seine geliebte Kantorka erstmals berührt, sollten Gefühle wallen, doch es wallt nur gelber Digitalbrei.
Genug für einen anspruchslosen Jugendfilm in Düstergrau mit mildem Horroreinschlag, aber als Adaption ein Desaster: Sein Buch war für den Kriegsgefangenen Preußler „die Geschichte meiner Generation“ – von der dunklen Allegorie über Verlockung und Missbrauch von Macht bleibt hier eine kleine Binsenweisheit „Alles hat seinen Preis.“
Starke Bilder – wie das Knochenmahlen der Mühle als Sinnbild der Kriegsmaschinerie – verschwendet Kreuzpaintner für Kitsch und Kommerz, der aber ungelenk bleibt: Eine große Kampfszene ist erbärmlich inszeniert. Als hätte man die Seele des Stoffs verkauft – aber nicht an den Teufel, den ersetzt im Film eine Allerwelts-Fantasyfratze. Auch die Hauptfiguren sind weniger archetypisch als unterentwickelt: Nur Daniel Brühls Altgesell hat etwas Tiefe, Christian Redl, Robert Stadlober, David Kross (als Krabat) bleiben blass wie die künstlich gebleichten Bilder.
■„Krabat“ ist eine sorbische Sagengestalt, um die auch Jurij Br?zan eine Romantrilogie (u.a. „Die schwarze Mühle“, 1968) schrieb. Otfried Preußlers berühmte Version wurde 1977 schon einmal (grandios) verfilmt, als Animation, vom Tschechen Karel Zeman.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2008)

Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google











Nächtliche Ankunft Tom Cruise und Cameron Diaz drehen in Salzburg
Blick ins Bordell Rotlicht-Kunstwerk im Museum
Karikaturen Tabak und die spitze Feder