„The Disappearance of Eleanor Rigby“: Liebende, in der Trauer getrennt

„The Disappearance of Eleanor Rigby“ kommt in gekürzter Fassung ins Kino. Jessica Chastain und James McAvoy brillieren im Drama, das als zweiteiliges Projekt angelegt war.

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(C) Thimfilm

Wo kommen bloß all die einsamen Leute her, fragte Paul McCartney in „Eleanor Rigby“, diesem todtraurigen Beatles-Lied aus dem Jahr 1966. Nach dem Song ist die Hauptfigur in „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ benannt. Weil sich ihre Eltern kennenlernten, als sie auf ein angebliches Geheimkonzert der Beatles warteten, das dann nie stattfand, wie sie einmal erzählt. Einsam wirkt sie nicht, zumindest nicht am Anfang. Mit Conor hat sie einen Mann zum Pferdestehlen – oder in diesem Fall Zechprellen – und für romantische Nachtstunden im New Yorker Central Park samt Glühwürmchensichtung und Austausch von Liebesschwüren. Diese Eleanor Rigby sammelt nicht – wie im Lied – Reis in der Kirche auf. Sie wirkt glücklich. In der nächsten Szene springt sie von einer Brücke.

Das Scheitern dieses Suizidversuchs bildet den Ausgangspunkt des Liebesdramas. Regisseur und Autor Ned Benson hat seinen ersten Langfilm „The Disappearance of Eleanor Rigby“ als Studie über ein auseinanderdriftendes Paar angelegt und einen Kurzfilm zu zwei Spielfilmen ausgearbeitet. Aus zwei unterschiedlichen Perspektiven filmte er die Liebes- und Trennungsgeschichte von Conor und Eleanor, die sich nach dem Suizidversuch von ihrem Ehemann lossagt. Das Projekt feierte Premiere beim Filmfestival Toronto als zwei miteinander zusammenhängende, aber eigenständige Filme mit den Untertiteln „Him“ und „Her“. Sich überschneidende Szenen tauchte Benson in unterschiedliches Licht, legte einmal der einen, einmal der anderen Hauptfigur ein „Ich liebe dich“ in den Mund, ließ sie unterschiedlich reagieren – je nach Perspektive wirkt ein Satz einmal humorvoll, einmal aggressiv.

 

Gekürzt und geglättet

In die österreichischen Kinos kommt ab Donnerstag eine vom Regisseur zusammengeschnittene Fassung, mit der das Projekt heuer auch beim Filmfestival Cannes in der „Un Certain Regard“-Sektion vertreten war. Von mehr als drei Stunden auf 123 Minuten gekürzt und auf Markttauglichkeit getrimmt. Möglicherweise traute Verleiher Weinstein Company dem Beziehungsdrama nicht zu, zwei Filme zu tragen. In Akira Kurosawas „Rashomon – Das Lustwäldchen“, dem ersten großen mit Perspektiven spielenden Drama der Filmgeschichte, war es immerhin ein Mord, der von vier Charakteren viermal völlig anders erzählt wird.

„Wir alle leben letztlich in der gleichen Geschichte, doch jeder, der Teil unseres Lebens ist, hat seine eigene, mal mehr und mal weniger unterschiedliche Perspektive darauf“, erklärt Benson seine Intention. Davon zeigt die geglättete, gleichsam amalgamierte „Them“-Fassung von „The Disappearance of Eleanor Rigby“ wenig. Die Differenzen sind ausgebügelt, übrig bleibt ein ambitionierter Liebesfilm über ein Paar, dass nicht miteinander kann, und nicht ohne einander.

Es ist eine Tragödie, die die beiden eint und auseinandertreibt. Conor flieht nach vorne, will nicht zurückschauen, reden, reflektieren, sondern errechnet lieber, wie lange er seine marode Bar noch betreiben kann, streitet mit seinem besten Freund (Bill Hader) und seinem Vater (Ciarán Hinds). Eleanor ist im Stillstand gefangen. Sie verkriecht sich bei ihren Eltern, Isabelle Huppert (unterfordert) als Französin, das obligatorische Glas Rotwein schon beim Frühstück in der Hand, und William Hurt als überforderter Psychologie-Professor, der selbst gestelzten Sätzen ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit verleiht. „Tragödie ist ein fremdes Land. Wie spricht man mit den Ureinwohnern?“, fragt er seine Tochter einmal.

 

Dieser Film will zu viel

„Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ will auch die Geschichte einer Depression erzählen und eine Stimme für die „Generation zu viel Auswahl“ sein, wie es einmal heißt. Leider ist das symptomatisch für den Film, der – zumindest in dieser komprimierten Fassung – zu viel will und an den Identitätsproblemen laboriert, die er an seinen Hauptfiguren feststellt. Dass er trotzdem fesselt, liegt zum guten Teil an den Hauptdarstellern. Jessica Chastain und James McAvoy sind beide versierte Charakterdarsteller. Zweifach Oscar-nominiert, glänzte Chastain jüngst auch in Christopher Nolans Science-Fiction-Drama „Interstellar“. McAvoy wertet die Blockbuster-Reihe „X-Men“ auf.

Glaubwürdig ist „The Disappearance of Eleanor Rigby“ dann, wenn sich der Film auf seinen Kern besinnt: auf das Paar, getrennt durch die Unfähigkeit, gemeinsam zu trauern. Dann wird spürbar, wie nahe die Zweisamkeit an die Einsamkeit grenzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2014)

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