„The Homesman“: Geisterfahrer auf dem Oregon Trail

Hilary Swank als gläubige, zähe Lehrerin, Tommy Lee Jones als ihr bärbeißiger Guide: „The Homesman“, ein Western, in dem die Reise ausnahmsweise gen Osten geht.

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„The Homesman“,
„The Homesman“, – (c) Dawn Jones

Die Besiedlung des nordamerikanischen Nordwestens war kein Zuckerschlecken. Nicht nur die Reise quer über den Kontinent wurde für hunderttausende Pioniere Mitte des 19.Jahrhunderts zum verlust- und entbehrungsreichen Kalvarienweg, auch am Ziel angekommen stellte sie die eigenhändige landwirtschaftliche Kultivierung sogenannter Heimstätten im Herz der Wüstenei vor große Herausforderungen. Etliche fielen dem Wahnsinn anheim, darunter viele Frauen, die mit falschen Versprechungen in die unwirtliche Ödnis gelockt wurden und dort den Strapazen, der Einsamkeit und dem häufigen Kindstod erlagen.

In „The Homesman“ spielt Hilary Swank die ehemalige Lehrerin Mary Bee Cuddy, die– alleinstehend, gläubig und zäh – den selbstlosen wie undankbaren Auftrag annimmt, drei solche Frauen zurück in den Osten zu kutschieren, wo sich Verwandte ihrer annehmen sollen. Am Anfang ihres Weges rettet sie eher zufällig den bärbeißigen Claim-Besetzer George Briggs (Tommy Lee Jones) vor dem Strick und heuert ihn als Helfer an. Zusammen nehmen sie mit einer vergitterten Holzkiste auf Rädern im Schlepptau die beschwerliche Odyssee in Angriff – zwei Geisterfahrer auf dem Oregon Trail.

 

Endlose Weiten der Steppe

Der Film hält sich weitgehend an die detailreiche Vorlage des Westernautors Glendon Swarthout („The Shootist“), entwirft ein Landschaftsbild erhabener Tristesse und Leere, das auch die Gemüter der Figuren widerspiegelt. Graubraune Grassodenhäuser sind die kümmerlichen Marksteine zögerlich keimender Zivilisation; jeder wachsende Punkt am Horizont könnte ein apokalyptischer Reiter sein. Die endlosen Weiten der Steppe (von Kameramann Rodrigo Prieto in eindrucksvolle Panoramen gegossen) schlucken jede Hoffnung; man hält sich entweder wie Mary Bee am Glauben fest oder versteift sich wie Briggs auf pragmatischen Egoismus. Die Rettung des desertierten Kavalleristen stellt sich zunächst als Glücksfall für die herbe Jungfer heraus; sein Sachverstand hilft ihnen mehr als einmal aus gefährlicher Patsche, etwa, wenn er es schafft, marodierende Indianer mit einem Pferdegeschenk zu beschwichtigen.

Jones, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, legt seine Figur wie schon in seinem sehenswerten Grenzgängerepos „The Three Burials of Melquiades Estrada“ (das in seiner Erzählstruktur einige Ähnlichkeiten mit „The Homesman“ aufweist) als etwas tumbes, bauernschlaues Raubein an, eine abgehalfterte Version von John Waynes ruppigem Marschall aus „True Grit“. Briggs' mangelnde Empfindsamkeit ist im Grunde nur seelischem Rost geschuldet, den seine Weggefährtin Stück für Stück bei Lagerfeuersitzungen unter sternenklarem Himmel abschüttelt. Aus dem schauspielerisch durchwegs ergötzlichen Geplänkel zwischen dem ungleichen Paar zieht „The Homesman“ mitunter lakonisch-bösen Humor, der ein wenig an die Filme der Coen-Brüder erinnert.

Doch im Vergleich zu diesen ist Jones ein Humanist, und sein neuer Film erweist sich schließlich als Läuterungsparabel. Nach einem Hürdenlauf durch kleinere Bedrohungsszenarien – punktiert von Rückblenden, die das Schicksal der irrsinnigen Frauen schildern – rückt eine abrupte Wendung Briggs in den Mittelpunkt, der sich plötzlich seiner Verantwortung bewusst und vom Saulus zum Paulus wird. Die Schattierungen des nie ganz durchschaubaren Rohlings bleiben aber bestehen: So blitzt bei einer Brandstiftungsaktion als überproportionaler Vergeltung gegen ein abweisendes Präriehotel eine unheimliche Dämonie in seinen Augen auf, und nach der Ankunft im Osten schafft er es weder, anderen die Erkenntnisse aus seinen Erfahrungen zu vermitteln, noch, seinen Gesinnungswandel in ein neues Lebenskonzept umzumünzen. Am Schluss verzichtet der Film dann auch auf große Erlösungsgesten und lässt den trunkenen Drifter ausgelassen tanzen und ein Volkslied grölen, während seine Fähre langsam ins Dunkel treibt; nur der Gott, an den er nicht glaubt, weiß, wohin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2014)

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