„St. Vincent“: Der Grantscherben als Gutmensch

Theodore Melfi hat Bill Murray eine Rolle auf den Leib geschrieben: In „St. Vincent“ gibt er einen Menschenfeind, der sich dann als gar nicht so übel herausstellt. Die völlig überzogene Huldigung dieses Wandels nimmt dem Film jede Ironie.

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Bill Murray als Vincent: Ein Vietnam-Veteran mit Katze – und einem unerwartet großen Herzen. – (c) Sony

Kaum ein Schauspieler verkörpert den Typus des liebenswerten Ungustls so sehr wie Bill Murray. Der ehemalige „Saturday Night Live“-Komiker hat eine ganze Kinokarriere darauf aufgebaut, seinen inneren Schweinehund rauszulassen und dabei trotzdem sympathisch zu bleiben. In Erfolgsfilmen wie „Ghostbusters“ oder „Und täglich grüßt das Murmeltier“ spielte er abgeklärte Misanthropen, die ihre unverhohlene Häme als Waffe gegen eine verlogene Welt ins Feld führten. Sarkasmus und Snobismus wurden in seinen Händen zu einer neuen Form von Selbstbewusstsein. Später bewährte sich sein Kultstatus bei Arthouse-Ausflügen: Jim Jarmusch und Sofia Coppola nutzten Murrays abgehärmte Aura für tragikomische Parabeln über Sinnsuche im Alter.

In letzter Zeit beschränkte sich der Output des 64-jährigen Murray mit Ausnahme des Prestigeparts als Franklin D. Roosevelt in „Hyde Park on Hudson“ auf (immer gern gesehene) Gastauftritte und Nebenrollen, viele davon für Wes Anderson, dessen „Rushmore“ er ein Comeback verdankt. Nun hat ihm Theodore Melfi für sein Langfilmdebüt „St. Vincent“ eine Hauptfigur auf den Leib geschrieben – einen knuffigen Brummbären, wie er im Buche steht.

 

Zu reißbretthaft, zu reibungslos, zu süß

Leider wird der Film seinem Star nicht gerecht. Viel zu reißbretthaft kommt die Story daher, viel zu reibungslos deckt sich die Titelrolle mit Murrays Image. Vincent ist ein griesgrämiger Vietnam-Veteran, der in einer Bruchbude mit einer Katze als einzigem Kompagnon sein Dasein fristet. Als starker Raucher (neuerdings eine dramaturgische Abkürzung für Gesellschaftsunfähigkeit) und Menschenfeind ist er damit beschäftigt, sich mit rüpelhaftem Benehmen Leute vom Hals zu halten, wenn er nicht gerade in einer Bar versumpft oder auf der Pferderennbahn seine Ersparnisse verzockt. Doch neue Nachbarn stellen ihn vor eine ungewollte Herausforderung: Eine alleinerziehende Krankenschwester (Melissa McCarthy) engagiert ihn aus der Not heraus als Babysitter für ihren hochintelligenten, geradezu unglaubhaft frühreifen Sohn Oliver, der eine erstaunlich hohe Toleranzgrenze für die Spompanadeln des Grantlers demonstriert und diesen langsam aus seiner Schale hervorzerrt.

Murray selbst ist nicht das Problem: Er gibt den alten Kauz mit Gusto, und wenn er den Jungen unter fadenscheinigen Vorwänden für sich rasenmähen lässt oder ihm Thunfisch aus der Dose als „Sushi“ serviert, kann man ihm das noch immer nicht übel nehmen. Auch die restliche Besetzung (darunter Naomi Watts als russische Prostituierte mit einem Herz aus Gold) macht ihr Möglichstes mit dem mediokren Material. Doch die süßlichen Handlungswendungen sind dermaßen schamlos und vorhersehbar, dass man sich wünscht, Vincent würde endlich Ernst machen, alle hinauswerfen und die Tür auf Nimmerwiedersehen zuknallen.

Nach und nach zeigt sich nämlich, dass unser Rappelkopf doch kein so übler Zeitgenosse ist: Erst schützt er Oliver vor mobbenden Mitschülern, dann schwingt er sich zu dessen Alltags-Mentor auf, und irgendwann erfahren wir, dass Vincent sich nebenher liebevoll um seine an Alzheimer erkrankte Frau kümmert.

 

Vincent wird zum Heiligen stilisiert

Eigentlich ist Vincent überhaupt ein netter Kerl, nur das Leben spielt nicht mit – aber nach einem überraschenden Schlaganfall wird er von seinen neu gewonnenen Freunden physisch und psychisch rehabilitiert. Das Finale hebt dann in einem völlig überzogenen Huldigungs-Zeremoniell sogar die augenzwinkernde Ironie des Filmtitels auf: Für die Gemeinschaft ist der Miesepeter tatsächlich ein Heiliger – es wusste bloß keiner.

Seit dem Indie-Hit „Little Miss Sunshine“ ist dies eine beliebte narrative Strategie des alternativen Kinomainstreams: Man etabliert im ersten Akt vordergründig unbequeme oder schräge Figuren, die dem jeweiligen Werk einen Abglanz von Nonkonformismus angedeihen lassen. Nun hat der Zuschauer ein Alibi und kann es sich in aller Ruhe gemütlich machen, ohne sich wie ein Biedermann zu fühlen. „St. Vincent“ ist ein Musterbeispiel für diese Art von Schiachfärberei. Es geht im Übrigen auch um Dinge, die man ernst nennen könnte – Geldsorgen, Alkoholismus, Altersdemenz – aber letztlich springt der Film mit ihnen um wie eine (etwas verspätete) Weihnachtsgeschichte nach Dickens-Schema. Trost spendet nur der Abspann: Da kann man sich immerhin daran ergötzen, wie Murray in Echtzeit Bob Dylans „Shelter from the Storm“ mitmurmelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2015)

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