„Blackhat“: Schockeffekte mit Foucault

In Michael Manns Spannungskino-Meisterstück heftet sich Chris Hemsworth als cooler Computernerd an die Fersen eines Cyberterroristen. Im Schnittgewitter möchte der Zuschauer am liebsten selbst in Deckung gehen.

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„Blackhat“ – (C) Universal

Es beginnt mit einem Zoom aus dem Makro- in den Mikrokosmos: Von der abstrakten Ansicht des unheimlich leuchtenden Kommunikationsrasters, das den Erdball umspannt, zieht es den Blick immer tiefer hinab auf die ebenso sonderbar anmutende Ebene der Prozessoren und Schaltkreise. Dann schickt ein Mausklick Katastrophen: In Hongkong wird die Kühlmechanik eines Nuklearreaktors außer Kraft gesetzt, in Chicago die Börse manipuliert. Der Tathergang lässt auf einen „Blackhat“-Hacker, schließen – also einen Hacker der destruktiven Sorte.

Zur Aufklärung benötigen das FBI und die chinesische Regierung die Hilfe eines Mannes vom Fach, und auf Anraten des Sicherheitsbeauftragten aus Peking (Chinapop-Star Lee-Hom Wang) wird dessen ehemaliger Kommilitone Nick Hathaway („Thor“ Chris Hemsworth mit Grummelstimme) aus dem Gefängnis geholt, denn einst legte er den Grundstein für die Fernsteuerungssoftware, mit der die Angriffe ausgeführt wurden. Zusammen mit seinem alten Uni-Freund und dessen Schwester Chen Lien (Wei Tang) macht sich der superschlaue, supercoole und superstarke Computernerd – im Knast vertrieb er sich die Zeit mit Liegestützen und kulturtheoretischen Werken von Michel Foucault – auf die Suche nach dem Cyberterroristen.

 

Die Rohheit von YouTube-Clips

Die Handlung von „Blackhat“ klingt nicht sehr originell, und das ist sie wirklich nicht; die Form hingegen liefert Regisseur Michael Mann, dem hier wieder einmal die Bergung eines gewichtigen, existenziell dringlichen und visuell berauschenden Spannungskino-Meisterstücks aus den Trümmern eines im Grunde ziemlich lächerlichen B-Movie-Plots gelingt. Der Mann, der seine finster-geschmeidige Stilistik – Sonnenbrillen, Neonlichter, Macho-Melancholie – in den Achtzigern mit Filmen wie „Thief“ und als Produzent der Kultserie „Miami Vice“ ausgefeilt hat, ist auch ein Pionier des digitalen Kinos. Schon in seiner Boxerbiografie „Ali“ (2001) experimentierte er passagenweise mit den kreativen Möglichkeiten neuer Aufnahmetechnologien, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen war er aber nie darauf erpicht, den kühlen, harten Look des unerprobten Mediums zu kaschieren oder verkrampft auf „Kino“ zu trimmen, um Distinktion zu wahren.

Stattdessen stellte er dessen Eigenheiten in den Dienst eines faszinierenden Genrerealismus: Manns Bilder ähneln in ihrer Rohheit zuweilen YouTube-Clips oder Making-of-Material, was in Verbindung mit der Ausstattungsdetailverliebtheit des Filmemachers vor allem Actionsequenzen eine Unmittelbarkeit und Intensität verleiht, die ihresgleichen sucht. In „Blackhat“ – dessen visuelle Textur dank der Verwendung verschiedener Kameramodelle äußerst vielfältig ausfällt – bestechen besonders die Nahkampf-Demolierung eines Kleinrestaurants und eine Schießerei inmitten von Containern und skulpturalen Betonklötzen, bei deren lautstarkem Sperrfeuer-Schnittgewitter man mitunter selbst das Bedürfnis verspürt, in Deckung zu gehen.

Aber Mann überzeugt nicht nur, wenn es ans Eingemachte geht, seine Stärke liegt darin, selbst die kleinsten Zwischentöne richtig anzuschlagen. Die Tiefe liegt bei ihm an der Oberfläche: Wie er mit gezielten Unschärfen, gefinkelten Perspektiven (einmal scheint die Kamera im Gehäuse eines Keyboards zu stecken), beunruhigenden Ruhephasen und der schimmernden Schwärze der Nacht arbeitet, um eine Atmosphäre buchstäblich ungreifbarer Bedrohung über das Geschehen zu breiten, ist beachtlich. In diesem Ambiente wirkt ein Schockeffekt wie die abrupte Explosion eines Autos dann wirklich wie ein Anschlag auf den Zuschauer, von dem er sich erst einmal erholen muss, doch das „Blackhat“-Universum ist erbarmungslos: „Trauern können wir später, jetzt müssen wir überleben“, sagt Hathaway.

Wenn es in dieser Kampfzone so etwas wie Liebe oder Schönheit gibt, muss sie dem unerbittlichen Lauf der Dinge unter großer Anstrengung abgetrotzt werden. So gelingt die Beziehung zwischen Hathaway und Chen Lien nur durch eine langwierige Überwindung der radikalen Autarkie des Hackers, der – tatsächlich in Anlehnung an Foucault – Selbstdisziplinierung als einzigen Weg zu Freiheit und Unabhängigkeit sieht. Doch ebenso wie Hathaway sich schließlich erweichen lässt, streut Mann seine Einstellungen so, dass manche von ihnen zwischen all den Szenen hypermoderner Urbanität („Blackhat“ spielt überwiegend in asiatischen Metropolen) eine poetische Kraft entfalten wie Blumen im Asphalt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2015)

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