Berlinale: Bruck an der Leitha in Berlin

Karl Markovics' erfreulich rätselhafte „Superwelt“, Geyrhalters gelungene Doku „Über die Jahre“, Unterhaltsames von Peter Kern: Österreicher bei der Berlinale.

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Superwelt – Epo Film/Petro Domenigg

Während sich Natalie Portman im tiefschwarzen Abendkleid und Christian Bale mit welliger Jesus-Mähne vor dem Berlinale-Palast im Blitzlichtgewitter wohlfühlen, feiern heuer etliche starke österreichische Beiträge in den Nebensektionen des Festivals Premiere. So präsentierte Peter Kern im „Panorama“ sein gewohnt bissiges Patrizier-Melodram „Der letzte Sommer der Reichen“. Darin stolziert die Britin Amira Casar in schicker Lack-und-Leder-Garderobe von Chanel als letzte Erbin eines Industriellenclans durch die heiligen Hallen der High Society. Finanz und Politik wickelt sie dreist um den Finger, spielt ihre Macht unverschämt aus: „Willst du meine Freundin sein? Dann geh auf Facebook und leck mich am Arsch!“, empfiehlt sie einer jungen Frau mit Karrierehoffnungen, bevor sie diese auf der Bewerbungscouch missbraucht. Die resultierende Beschwerde wird mit Geld aus der Welt geschafft, und als Hanna ihrem bettlägerigen Alt-Nazi-Opa nicht mehr Rede und Antwort stehen will, engagiert sie einen Killer. Doch innerlich herrscht große Leere: Hanna will sich wieder spüren und verliebt sich in die Pflegerin ihres Großvaters...

Das knappe Budget sieht man dem Film zwar an, doch dadurch lässt sich ein Kern seine Ambitionen nicht stören. Die Dürftigkeit von Dekadenz, Opulenz und Pathos lassen diese nur doch dringlicher wirken, und Kameramann Peter Roehsler verleiht jeder Einstellung die nötige Eleganz. Gespickt mit tagespolitischen Anspielungen und wahnwitzigen Wendungen ist „Der letzte Sommer der Reichen“ plakatives, aber aufrichtiges Unterhaltungskino sowie eine gelungene Hommage an Kerns Vorbild Luchino Visconti.

Im „Forum“ wendet sich Nikolaus Geyrhalter weniger glanzvollen Segmenten der Gesellschaft zu. „Über die Jahre“ ist, wie schon der mehrdeutige Titel sagt, eine Langzeitdokumentation: Aus dem anfänglichen Projekt, den überholten Produktionsverhältnissen einer altgedienten Textilfabrik im nördlichen Waldviertel nachzuspüren, erwuchs nach deren Schließung die Idee, die Geschicke der gekündigten Arbeiter und Angestellten weiter zu verfolgen und so das Leben an der österreichischen Peripherie nachzuzeichnen.

 

„Wenn man den Schmerz annimmt...“

Eine volle Dekade steckt nun in Geyrhalters Film, zergliedert und zerklüftet zwar, aber doch angereichert mit „allem, was anfällt“, wie es die Protagonisten in liebenswertem Dialekt formulieren. Die anfänglichen, für den Regisseur typischen Distanzansichten von Menschen am Werk weichen sukzessive gemächlichen Handkamera-Aufnahmen und Interviewpassagen, in denen Schweigen oft mehr über die Leute sagt als ihre großteils einsilbigen Antworten. Die Filmemacher begleiten sie im Alltag, bei Freizeitaktivitäten von Bierzelt bis Tanzschule und periodischen AMS-Besuchen. Stellen gibt es kaum, viele hangeln sich von Job zu Job, und je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich: Ein Junggeselle etwa frönt seinem Hobby, der Schlagertitel-Katalogisierung, erst handschriftlich, irgendwann steht dann halt ein Computer da. Das Gefühlsleben der Porträtierten bleibt meist im Dunkeln, nur selten bricht jemand auf und zaubert ein lakonisches Statement hervor: „Wenn man den Schmerz annimmt, ist alles zum Aushalten.“ Drei Stunden dauert „Über die Jahre“, ist im Grunde ein Dokument gelebter Langeweile und doch nur selten fad.

Die Hauptfigur von „Superwelt“, dem am Montag im „Forum“ uraufgeführten Zweitling von Karl Markovics, könnte eigentlich Geyrhalters Doku entnommen sein: Die Supermarktkassierin Gabi Kovanda (Ulrike Beimpold) führt ein monotones, aber friedliches Kleinstadtdasein in Bruck an der Leitha. Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, stimmt etwas nicht: Das Rauschen des Seins drängt sich auf, Haushaltsgeräte beginnen zu flüstern, Gabi empfängt Botschaften aus höheren Gefilden und kann sich nicht mehr abfinden mit dem, was ist. Langsam lockern sich die Schrauben, bald kämpft ihr Mann (Rainer Wöss) um die Rettung der Normalität. Im Vergleich zu Markovics' Debut, „Atmen“, ist „Superwelt“ formal wagemutiger, spielt mit Verfremdungen der Bild- und Tonebene und bleibt trotz teils etwas plumper Symbolik bis zum Schluss erfreulich rätselhaft.

 

Drama über Klimt-Restitution

Außer Konkurrenz lief eine amerikanisch-britische Koproduktion mit Österreich-Bezug: Das Drama „Woman in Gold“ über die Restitution von Klimts „Goldener Adele“ an die Exilantin Maria Altmann, verkörpert von Helen Mirren, ist eine schwungvoll dahinrollende, didaktisch vereinfachte Nacherzählung des Rechtsfalls aus Sicht der Klägerin, gedreht vor hübschen Wiener Kulissen, verquickt mit Rückblenden und der einen oder anderen Spitze gegen Verdrängung und Opfermythos. Niemand sollte sich dadurch in seinem Nationalstolz gekränkt fühlen. Besser, man akzeptiert die skizzenhaften Darstellungen austriakischer Honoratioren und Ikonen. Moritz Bleibtreu für zwei Augenblicke als Klimt, Daniel Brühl als Hubertus Czernin, Olivia Silhavy als Ministerin Gehrer lassen sich mit Augenzwinkern als Staffage akzeptieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2015)

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