Es ist das Jahr 1959, Herbstblätter regnen auf die Straßen, die USA befinden sich im Kalten Krieg. Wie besessen schreibt ein Mädchen ihr Papierblatt mit Zahlen voll. Dabei war die Aufgabe der Lehrerin, eine Vision der Zukunft zu zeichnen. Raketen, Mondmänner, grüne Außerirdische: solche Sachen eben. Die Zahlenreihe kommt gemeinsam mit den Zeichnungen in eine Zeitkapsel: 50 Jahre später soll sie geöffnet werden, und die Menschen der Zukunft dürfen, sollen staunen ob der kauzigen, naiven Visionen von einst.
Es ist das Jahr 2009, die Herbstblätter regnen auf die Straßen, Barack Obama ist neuer US-Präsident. Der kleine Caleb wartet auf das Öffnen der Kapsel, erhält eine Zeichnung – und ist enttäuscht: Auf seinem Blatt sind nur Zahlen. Sein Vater, ein MIT-Professor (Nicolas Cage), findet aber ein System im Chaos, findet Codes. Jeder Code steht für eine Katastrophe der letzten 50 Jahre: Erdbeben, Sturmfluten, einstürzende Hochhäuser. Drei Codes sind Prophezeiungen. Für die nahe Zukunft. Für das Ende der Welt.
Knowing von Alex Proyas ist ein Katastrophenfilm, der manche Regeln seines Genres auf den Kopf stellt: Der Wissenschaftler folgt keinen Messinstrumenten, sondern der Vorhersehung. Empirismus und Spiritualität verschränken sich: Glauben ist Wissen und Wissen ist Glauben. Leinwanddesaster spielen gerne mit religiösen, vor allem mit christlichen Mythen und Motiven, zu den Standardfiguren gehören der hochmütige und gierige (immerhin zwei Todsünden) Kapitalist/Bürgermeister ebenso wie der Prophet/Wissenschaftler, der meist einige wenige vor unkontrollierbaren Naturgewalten/Gotteszorn in Sicherheit bringen kann. Knowing sticht da thematisch in Wespennester: Unweigerlich überwerfen sich darin kreationistische und darwinistische Gedankenmodelle, unausweichlich türmen sich religiöse und philosophische Fragen nach dem Lauf und dem Ende der Welt übereinander. Ist die Apokalypse Bestimmung oder Zufall?
Die Katastrophe als Vorspiel der Utopie
Im Auge dieses Diskursorkans ringt der ehemalige Charakterdarsteller, nunmehrige B-Filmheld Nicolas Cage um eine adäquate Charakterisierung seiner überladenen Figur – und scheitert virtuos: Er gibt den apokalyptischen Reiter, Familienvater, Alkoholiker und Wissenschaftler mit Operettenpathos.
Cage taumelt mit aufgerissenen Augen, halb offenem Mund und angespanntem Körper durch Katastrophenaufbauten, er saugt gierig an der Schnapsflasche, er fällt – überwältigt, schockiert von den Geschehnissen – auf die Knie, er schreit zum Himmel: „Wie soll ich das Ende der Welt aufhalten?“ Am besten gar nicht: Denn der Katastrophenfilm ist weithin unterschätzt, rasch als infantiles Kaputtmachkino abgetan, doch trägt er in seinem Herzen immer eine Gesellschaftsrevolution spazieren. Wenn Häuser brennen und Manhattan untergeht, sind Proletariat wie Bourgeoisie Opfer: Die Naturgewalt ebnet (durchaus moralisch motiviert) Ständeschranken ein. Ausbeuter, Betrüger und Lügner gehen zuerst unter.
Die Katastrophe ist nur ein Vorspiel für die Utopie: Die überleben, errichten eine neue Welt, eine bessere Gesellschaft. So war das schon in John Fords Klassiker The Hurricane von 1939: Ein Orkan tobt über dem südpazifischen Eiland, wo ein Ureinwohner von weißen Kolonialisten wegen Aufmüpfigkeit zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Nach dem Sturm ist er frei, das alte System liegt in Trümmern.
Auch in Knowing brennt die Erde, und die Hoffnung keimt. Allerdings an einem fernen Ort. Im letzten Drittel seiner Katastrophenfantasie lehnt sich Regisseur Proyas weit aus dem Fenster, unterwandert dramaturgische Erwartungen. Frech platziert zwischen anmutiger Endzeitvision, profanem Thrillergut, New-Age-Esoterik und Theologen-Fieberträumen ist Knowing wohl nicht der beste aller Desasterfilme, aber sicherlich einer der originellsten und – zumindest streckenweise – unvergesslichsten: eine Katastrophe als Utopie für das Spektakelkino.
Ab Donnerstag österreichweit im Kino.