"Every Thing Will Be Fine": Wim Wenders in der Schneekugel

"Every Thing Will Be Fine" über einen Schriftsteller und sein Trauma zielt auf große Gefühle ab, aber diese wollen sich nicht einstellen. Die 3-D-Technik hilft da auch nicht weiter.

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Die Liebe zwischen Sara (Rachel McAdams) und dem Schriftsteller Tomas (James Franco) wird durch die traumatischen Ereignisse auf die Probe gestellt. – (c) Warner/APA/EPA/DONATA WENDERS / HANDOUT (DONATA WENDERS / HANDOUT)

Im Kino verläuft oft ein äußerst schmaler Grat zwischen traumwandlerischer Trance und Langeweile. Lange Zeit war Wim Wenders Meister darin, Storys über Drifter und Verlorene so zu gestalten, dass man sich gern mit ihnen verlor: Die ziellosen Suchbewegungen in „Alice in den Städten“ und „Paris, Texas“ waren wie Streifzüge durch die Seelenlandschaften ihrer Protagonisten. In seinem neuen Drama „Every Thing Will Be Fine“, das heuer bei der Berlinale außer Konkurrenz Premiere feierte, schwächelt diese Entsprechung trotz motivischer Anschlüsse an Wenders' Frühwerk: Die rudimentäre Erzählung um vage Schuld und Semi-Sühne im Lauf der Zeit (das Drehbuch stammt vom norwegischen Dramatiker Bjørn Olaf Johannessen) erscheint als bloßer Vorwand für pittoreske Stimmungsbilder in 3-D, die sich von Anfang bis Ende wie sediert dahinschleppen. Schon die spezielle Schreibweise des Titels verweist auf eine bewusste Langatmigkeit, die das Material jedoch kaum rechtfertigt.

„Every Thing Will Be Fine“ folgt dem aufstrebenden Schriftsteller Tomas (James Franco zeigt sich mal wieder von seiner somnambulen Seite), der während einer winterlichen Schreibblockade von einem Unglücksfall erfasst wird: Auf einer späten Heimfahrt rast ein kleiner Junge unvermittelt mit seinem Schlitten vor den Landrover des Autors. Tomas verfällt in eine tiefe Depression, kappt die Beziehung zu seiner Freundin Sara (Rachel McAdams) und findet nur langsam wieder zu sich selbst – nicht zuletzt dank des periodischen Kontakts zur Mutter des toten Jungen, Kate (Charlotte Gainsbourg), die dem vermeintlich Schuldigen trotz großer Trauer nichts nachträgt.
Im weiteren Handlungsverlauf, der sich über zwölf Jahre erstreckt, möchte der Film auf sanfte Art die Widersprüchlichkeit der Nachwirkungen eines traumatischen Ereignisses im Leben eines Menschen darlegen – wie man darunter leidet, aber auch daran wächst, wie das Schaffen eines Künstlers davon zehren kann, wenn er den Schock übersteht, wie es einen Charakter prägt und verändert. Aber über die zeitliche Verdichtung hinaus mangelt es dem Stoff an Kraft und Kontur: Die kargen Dialoge wirken hohl und hölzern und geben den Schauspielern wenig Entfaltungsspielraum. Wie Zombies in Aspik schlurfen sie durch die schmucke Szenerie, ihr Understatement verkommt schnell zur Staffage in den gediegenen 3-D-Einstellungen des Films, die ohnehin dessen Hauptanliegen sind.

Gefangen im unwirklichen Idyll

Wenders scheint wie nur wenige andere (zuletzt etwa Jean-Luc Godard in seinem 3-D-Essay „Adieu au langage“) aufrichtig interessiert am künstlerischen Potenzial stereoskopischer Technologien. In seinem jüngeren Dokumentarfilm „Pina“ sowie einem Beitrag zu „Kathedralen der Kultur“ erkundete er deren Möglichkeiten zur Kinoinszenierung von Tanz und Architektur. In aktuellen Interviews heißt er 3-D ein „Vergrößerungsglas“, mit dem man das Innenleben der Figuren im Wortsinne hervorheben könne. Das klingt wie die Legitimation eines Experiments, denn der Einsatz des Verfahrens im melodramatischen Kontext liegt nicht gerade nahe. Ein inspirierter Moment in „Every Thing Will Be Fine“ löst ein Telefongespräch zwischen Tomas und Kate so auf, dass die Aufnahmen der Dialogpartner langsam ineinanderfließen, die plastische Verdeutlichung einer zögerlichen Annäherung. Ansonsten haftet dem entrückenden Effekt etwas sehr Selbstzweckhaftes an.

Wenders, der vor seiner Regiekarriere Maler werden wollte und heute noch als Fotograf aktiv ist, nennt Gemälde von Andrew Wyeth als ästhetischen Einfluss. Von deren Unheimlichkeit spürt man hier allerdings wenig. Wenders wählt sinnlich ergiebige Motive, die aber immer kurz davor sind, in den Kitsch zu kippen. In den Eröffnungssequenzen verleiht die dritte Dimension der Winterwitterung unwirkliche, hyperrealistische Qualitäten, doch bald fühlt man sich in einem Schneekugelidyll gefangen, das die Tragik des Geschehens unterläuft. Ebenso werden später farbintensive Landschaftsaufnahmen zu Postkartenansichten, und Alexandre Desplats Streichersoundtrack verliert seine Subtilität durch übermäßigen Einsatz. Ungeachtet der Intimität seiner Geschichte zielt der Film auf große Gefühle, doch diese wollen sich partout nicht einstellen.

Irgendwann taucht der Bruder des von Tomas überfahrenen Jungen auf und drängt sich in die Existenz des nunmehr erfolgreichen Autors. Diese Entwicklung bringt etwas Spannung und emotionale Komplexität ins Spiel, doch der Konflikt löst sich schneller auf, als man schauen kann, und die letzte verbliebene Aufmerksamkeit des Zuschauers verwandelt sich endgültig in Gleichgültigkeit. Neben Düsterbild und Kostenplus offenbart sich so ein weiteres Manko der 3-D-Technik: Dem Bild kann sie zwar Tiefe verleihen, nicht aber einem flachen Sujet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2015)

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