"Run All Night": Ein moderner Schmerzensmann

Seit dem Thriller "Taken" werden Liam Neeson Actionstoffe geradezu nachgeworfen. Doch sein neuer Film "Run All Night" wirkt fast wie ein Abschied vom Haudraufkino.

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Run all Night – Warner

Wer sühnt die Sünden der Väter? Wer nimmt für seine Schutzbefohlenen die größte Schuld auf sich? Wer tötet, damit andere nicht töten müssen? Im zeitgenössischen Spannungskino Hollywoods kann es auf diese Fragen nur eine Antwort geben: Liam Neeson. Der irische Schauspieler reitet seit dem Thriller „Taken“ (2008) auf einer Welle von Filmen, in denen er Actionhelden mimt, wie sie der Zeitgeist erheischt: standhaft, aber abgekämpft. Hart, aber herzlich. Mit der schwermütigen Ausstrahlung eines modernen Schmerzensmannes, der zu viel gesehen hat und nur noch vergessen will. Sein jüngstes Vehikel „Run All Night“ startet kommenden Freitag in den österreichischen Kinos und ist emblematisch für ein Genre, das sich sukzessive dem steigenden Alter seiner Hauptdarsteller anpasst.

Neeson ist ein unverhoffter Actionstar. Er begann am Theater in Belfast und dümpelte in den Achtzigern in kleinen und mittelgroßen Hollywood-Produktionen dahin, bis ihn Steven Spielberg 1993 für „Schindlers Liste“ in der Titelrolle castete. Dem Durchbruch folgten große dramatische Rollen in Epen und Historienfilmen („Rob Roy“, „Michael Collins“, „Les Misérables“), später sah man ihn wiederholt als Mentorfigur in Blockbustern („Star Wars: Episode I“, „Batman Begins“). Sein erster Gedanke bei der Lektüre des „Taken“-Scripts sei „Straight to Video“ gewesen, bekannte Neeson 2012. Für die große Leinwand schien ihm das Material zu dünn, mit dem überwältigenden Erfolg hätte niemand gerechnet – inzwischen würden ihm Actionstoffe regelrecht nachgeworfen. Der 62-Jährige scheint sich in seiner neuen Haut wohlzufühlen: Er kultiviert das Tough-Guy-Image in selbstironischen Talkshow-Auftritten ebenso wie in jüngeren Comedy-Nebenrollen.

Sehnsucht nach männlicher Autorität. Trotz des unverhohlenen B-Movie-Charakters von Neesons Comeback-Knaller unterschied sich dieser motivisch vom 1980er-Action-Vitalismus, dessen kraftstrotzende Rambos und Commandos sich oft selbst genug waren. Paranoia und Globalisierungsängste grundieren die Handlung um einen Ex-Spezialagenten, dessen Tochter gekidnappt wird. „Taken“ wurde scharf für seine grenzrassistische Orts- und Figurenzeichnung kritisiert, doch viel stärker als Xenophobie ist es die Sehnsucht nach einer rehabilitierten männlichen Autorität, die den Film umtreibt. Die Actionszenen, in denen Neeson mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und übermenschlicher Effizienz Gegnerhorden den Garaus macht, seine wilde Entschlossenheit und unfehlbare Kompetenz, all das wirkt wie der tollkühne Tagtraum eines Familienoberhaupts, das nichts mehr zu sagen hat. Tatsächlich etabliert „Taken“ seine Hauptfigur zunächst als alten Papa, dessen Beziehung zu Frau und Tochter infrage steht. Seine Besorgnisse werden nicht ernst genommen, seine Warnungen in den Wind geschlagen. Die Erfüllung seiner schlimmsten Befürchtungen ist die perfekte Gelegenheit, sich als Mann und Vater zu beweisen, und am Ende hat er das Vertrauen wieder. Es ist die unverblümte Offenheit dieses Subtextes, die den Film im Verbund mit seiner schnörkellosen Inszenierung beinahe sympathisch macht: Zu keinem Zeitpunkt gaukelt er vor, etwas anderes zu sein als ungezügelte Männerfantasie.

Neeson blühte ein spätes Karrierehoch – er prägte das gezeichnete und abgeklärte Männerbild des posttraumatischen Genrefilms als zärtlicher Hüne mit eingefallenem Hundeblick und rau-sanfter Stimme, die sich zur Kinderfilmsynchronisation („Ponyo“) und für weihnachtliche Audiobücher („Der Polarexpress“) ebenso eignet wie zur Schurkeneinschüchterung: Die Rede aus „Taken“, in der er den Entführern mit seinen „ganz besonderen Fähigkeiten“ droht, ist längst ein Internet-Meme. In den letzten Jahren spielte er immer wieder Figuren, die von ihrer gewalttätigen Vergangenheit bedrängt werden, Söldner und Polizisten, die wider Willen erneut zur Waffe (statt zur Flasche) greifen müssen. In „The Grey“ manifestierte sich die seelische Last gar als hungriges Wolfsrudel.

„Run All Night“ von Jaume Collet-Serra verdichtet nun alle probaten Neeson-Motive. Es ist die dritte Kollaboration zwischen Serra und dem Schauspieler, diese unterhielten bislang vor allem als trashige Hitchcock-Hommagen. Ihre aktuelle Zusammenarbeit ist eigentlich kein richtiger Actionfilm mehr, sondern eher ein Noir-Melodram, bei dem Testosteron und Tränen durch die gleichen Drüsen fließen.


Ein Sündenbock mit traurigem Antlitz. Neeson gibt den abgehalfterten Profi-Killer Jimmy, der einst als „Totengräber“ Drecksarbeiten für die Unterwelt von Brooklyn erledigte. Die Schuld wiegt schwer – der Anfang zeigt ihn am Boden zerstört, volltrunken spielt er auf der Kinderparty seines Gangsterfreunds und früheren Auftraggebers Shawn (Ed Harris) den Weihnachtsmann. Als Shawns ältester Sohn Jimmys eigenen, ihm schon lange entfremdeten Spross als Mordzeugen beseitigen will, erschießt er den Erben des Paten und zieht dessen Zorn auf sich und seine Familie. Eine Verfolgungsjagd durch die Nacht beginnt, bei der Jimmy als Sündenschwamm fungiert, um den Gewaltzyklus zu brechen und die jüngere Generation auf dem rechten Pfad zu halten. Bis auf eine längere Sequenz in einem Wohnblock, wo sich die Vektoren verschiedener Verfolger in einer dichten Parallelmontage kreuzen, ist das inszenatorisch leider wenig berauschend, aber wie schon gesagt: Actionszenen werden als autonome Attraktionen immer irrelevanter für Neeson-Filme – seine mächtige Physis und sein trauriges Antlitz tragen sie inzwischen ganz von allein.

„Run All Night“ wirkt fast wie ein Abschied vom Haudraufkino. Neesons Beteiligung an Martin Scorseses Historienepos „Silence“ (2016) könnte eine Rückkehr ins Prestigefach sein, während anderswo Ex-Actionhelden aus dem Altersheim flüchten („Expendables“). „I'm getting too old for this shit“ – der Klassiker unter den One-Linern – hat jede Ironie verloren. Der große Actiontraum von der Unverwüstlichkeit der Körper neigt sich seinem Ende zu – es sei denn, andere träumen ihn weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2015)

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