"Avengers 2": Hirnfasching im Superhelden-Universum

Künstliche Intelligenz kommt bei "Avengers: Age of Ultron", dem zweiten Teil der Trilogie, ins Spiel: Der Film zeigt vor allem, wie selbstreferenziell und komplex die Abenteuerwelten sind, auf die der Comic-Verlag Marvel, und mit ihm Hollywood, setzt.

Marvel Avenger Age of Ultron
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Sechs Superhelden, darunter Thor (Mitte), Captain America (links) und Iron Man (rechts), im Kampf gegen einen schier unzerstörbaren Bösewicht: „Age of Ultron“, ab heute im Kino. – (c) Marvel/Disney

Zurück bleibt vor allem Erschöpfung. Das Superhelden-Kollektiv namens Avengers hat Manhattan – und daher auch irgendwie die Welt – vor wütenden Außerirdischen gerettet: Diese sind am Ende des ersten Films durch ein Dimensionsportal gekommen, vom zornigen Himmel hinunter in die Großstadt gestiegen, durch die Häuserschluchten geflogen, auf Leviathan-artigen Walmonstren reitend.

Großes Spektakel also, und dann ist auch noch die vom lässigen einäugigen Nick Fury (Samuel L. Jackson) geleitete Superhelden-Dachorganisation S.H.I.E.L.D. auseinandergeflogen, weil von der Terrororganisation Hydra unterwandert. Es sieht nicht gut aus für die Avengers: Der destabilisierten und verausgabten Truppe sind die Sicherheiten unter den kostümierten Hintern weggebrochen.

Die Ausgangssituation von „Age of Ultron“ ist klassisch für das Mittelstück einer bereits fertig konzipierten Trilogie – mit dem zweiteiligen Finale „Infinity War“ soll die „Avengers“-Welt in den Jahren 2017 und 2018 kulminieren oder kollabieren. Den eingeführten und eingelebten Figuren gilt es – nach einer erfolgreichen Schlacht gegen das galaktische Böse in Teil eins – zu vermitteln, dass der Krieg gerade erst begonnen hat.

Das Programm macht sich selbstständig

Und da kommt Ultron ins Spiel: die künstliche Intelligenz, von Tony Stark/Iron Man (wieder Schnellfeuerdialogmeister: Robert Downey jr.) und Bruce Banner/Hulk (hervorragend: Mark Ruffalo), in einem geheimnisvollen „Infinity Stone“ entdeckt, soll der Erde eigentlich ewigen Frieden – und den Superhelden damit eine verdiente Auszeit – bringen. Stattdessen macht sich das Meisterprogramm selbstständig und bläst zum Vernichtungskrieg gegen die Menschheit.
Erneut webt Über-Nerd Joss Whedon einen hyperreferenziellen Handlungsteppich aus den Fäden des Marvel-Universums. Im Gegensatz zum ersten Film, der seine vielen Figuren mit einer effizienten, klassisch-aristotelischen Dramaturgie einbremste, wirkt „Age of Ultron“ von Beginn an überhitzt. Wer nicht sämtliche Marvel-Filme getankt hat und auch Grundlagenwissen zu den Comics mitbringt, der verliert in diesem barocken Spektakel schnell den Überblick.

Die Neuzugänge: Quicksilver/Pietro Maximoff (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch/Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen)
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Die Neuzugänge: Quicksilver/Pietro Maximoff (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch/Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen)
Die Neuzugänge: Quicksilver/Pietro Maximoff (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch/Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) – (c) Marvel/Disney (Jay Maidment)

Vielleicht geht es aber genau darum: Der in der gesamten Popkultur tonangebende Nerdismus hat auch beim Hollywood-Großfilm einen massiven Paradigmenwechsel eingeleitet. So gut wie alles, was heutzutage zu einem Blockbuster hochgerüstet wird, war schon davor erfolgreich und schleppt einen Rattenschwanz an Regelwerken, Figuren, Schauplätzen und möglichen Handlungsfäden mit. In der Unterhaltungsindustrie nennt man das ganz bescheiden Universum. Das „Marvel Cinematic Universe (MCU)“ etwa, das 2008 mit „Iron Man“ begonnen hat, ist derzeit in der zweiten Angriffsphase, „Age of Ultron“ gilt als der Höhepunkt. Was früher strategische Produktplanung war und höchstens die Marketingabteilung euphorisiert hat, wird mittlerweile gezielt nach außen, mitten hinein in die Fanbasis kommuniziert: Möglich ist das vor allem auch deshalb, da sämtliche bisher erschienenen Filme des MCU Erfolgsgeschichten waren. Längst kreiert auch die Konkurrenz ihre eigenen Universen: Warner Bros. plündert dafür den Figurenstall von Marvels Erzkonkurrenten DC und schickt von 2016 bis 2020 jährlich zwei neue Superheldenfilme ins Rennen; Spielzeughersteller Hasbro hat erst vorgestern bekannt gegeben, seine „Transformers“-Marke ebenfalls in ein veritables Universum ausbauen zu wollen.

Ineffizienter Bösewicht

Nach „Avengers: Age of Ultron“ ist klar, dass das Kino nur mehr eine Arena einer komplex vernetzten Erzählwelt ist. Zwar kann man dem Handlungsgerüst mit Müh' und Not noch folgen, sich an den schön geschnitzten Figuren erfreuen, sich von den bombastischen Action-Sequenzen beeindrucken lassen, aber wirklich mitgehen tut nur, wer die Comics, Serien und anderen Filme des MCU kennt. Wenn man sich nicht in Marvels Produktkatalog einbauen lassen will, ist man als Zuschauer schnell ebenso urlaubsreif wie die Avengers selbst. Joss Whedons Leinwand-Fasching leidet zudem unter einem ineffizienten Bösewicht: Im Gegenteil zur lustvollen Diabolik, die Tom Hiddlestons Loki im ersten Film verströmt hat, wirkt die künstliche Intelligenz Ultron, die im metalllegierten, praktisch unzerstörbaren Körper daher kommt, deutlich weniger beseelt und charakterstark.

Daran kann auch der wunderbare James Spader nichts ändern, der die Kreatur mittels Motion-Capture-Prozedur für die Hochleistungsrechner eingespielt hat, und der in einem schönen Moment mit sanft donnernder Tyrannenstimme Pinocchios Selbstermächtigungslied „I've Got No Strings“ aus dem Disney-Zeichentrickfilm singt. Die schwächelnde Nemesis raubt „Age of Ultron“ viel an Dramatik und Dynamik, aber immerhin hat Joss Whedon seinen hinterfotzigen Dialog-Schmäh eben so wenig verlernt wie die Kunst, mit minimalen Mitteln große Gefühle zu erzählen. Wie Scarlett Johansson als Black Widow den wütenden Hulk mit sanften Berührungen und einem Gutenachtlied beruhigt oder wie die Avengers daran scheitern, Thors mächtigen Hammer hochzunehmen, das sind für einen Blockbuster dieser Dimension ungewöhnlich saftige Momente. Es sind leider zu wenige.

Ab heute im Kino

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2015)

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