„Duplicity“: Zeitgeist-Zuckerschock

Fade Spionage trotz charmanter Chemie. Regisseur Gilroy zeigt endgültig, dass er nur wenig Gefühl und kaum Gespür für die Beschaffenheit von Kinoerzählungen hat

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(c) Andrew Schwartz (Universal Pictures)

Dubai, Rom, New York City: fast im Minutentakt springt die Handlung von hier nach dort, vom Jetzt ins Gestern und wieder zurück. US-Regisseur Tony Gilroy, der mit seinem korporatismuskritischen Mumpitzfilm Michael Clayton einen großen Erfolg (über 90 Mio. Dollar allein im Kino) einfuhr, legt noch ein Schäuferl Komplexität nach und inszeniert den Spionagefilm Duplicity im Mausklickrhythmus: Das soll zeitgeistig sein, bremst aber die dröge Geschichte zusätzlich aus.

Zuerst das Positive: Die Chemie zwischen dem britischen Charmeklotz Clive Owen und US-Zuckerschock-Girl Julia Roberts stimmt. Die beiden Stars geben in Duplicityzwei Geheimdienstkontrahenten (sie: CIA; er: MI6), die sich nicht nur bei jeder Gelegenheit die Pointen um die Ohren pfeffern (und so ihre Zuneigung beweisen), sondern einander auch auszubooten versuchen. Gilroy gelingen einige feine Vignetten, inszeniert von sicherer Hand, schön und hintersinnig bebildert von Oscar-Kameramann Robert Elswit (There Will Be Blood).

 

Verfehltes Vorbild: Hitchcock

Die Abmischung von Humor und Dramatik, die Konzentration auf das Verhältnis zwischen Roberts und Owen machen deutlich, wen der Regisseur als Vorbild auserkoren hat: Oft greift er nach der Grazie und lakonischen Wucht von Hitchcocks Spionagethrillern, erreicht sie aber nie. Zum einen begnügt sich Gilroy mit einem sehr einfachen bipolaren Weltbild: (berechtigtes?) Misstrauen gegen alles und jeden. Zwar dürfen seine Spione kontinuierlich die Seiten wechseln – vom Regierungsdienst zur Informationsbeschaffung für Unternehmen –, aber nur diese „Corporations“ sind schlecht und ihre Offiziere moralisch verdorben. Das ist nicht nur platt – was noch akzeptabel wäre –, sondern langweilig und ärgerlich. So haben die Schauspielschwergewichte Paul Giamatti (als untersetzter Konzerngnom) und Tom Wilkinson (als edelmännisch wirkender Executive) bis auf einen Zeitlupenboxkampf nichts zu tun. Ihre lediglich angerissenen Figuren sind dennoch interessanter als das gute, doch übermäßig ausgereizte Spiel zwischen Owen und Roberts.

Duplicity schwächt die Schärfe seiner ideologischen Kritik zugunsten von allerlei Schauwerten und schnöder Unterhaltungsdramaturgie ab, ist auch inszenatorisch und dramaturgisch unausgegoren: Unter dem Gewicht mehrmaliger Zeit- und Raumsprünge bricht der Spannungsbogen ein, die Figuren sind zu uninteressant, um die zerfräste Handlung zusammenzuhalten.

Regisseur Gilroy, schon für Michael Clayton zu Unrecht hochgelobt, zeigt endgültig, dass er nur wenig Gefühl und kaum Gespür für die Beschaffenheit von Kinoerzählungen hat: Seine Filme konzentrieren sich nicht, sondern organisieren sich nach dem „Mehr ist mehr“-Prinzip. Duplicity fühlt sich an, als hätte man beim Internetsurfen zu viele Seiten auf einmal geöffnet. Die Lösung: Schließen der überflüssigen Browser-Fenster. Das geht im Kino leider (noch) nicht.

Zur person

Tony Gilroy (*1956, Manhattan) machte sich als Drehbuchautor u.a. der „Bourne“-Agentenfilme einen Namen. 2007 debütierte er als Regisseur mit „Michael Clayton“. Auch „Duplicity“ entstand nach Gilroys eigenem Drehbuch – das zuvor von Steven Spielberg als „zu kompliziert“ abgelehnt wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2009)

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