Film: „Macbeth“ leidet an Psychosen

Justin Kurzel hat das Königsdrama von William Shakespeare opulent verfilmt: „Macbeth“ bietet viel Kampf in karger Szenerie, zwei fantastische Protagonisten. Und doch wirkt der Film phasenweise seltsam monoton.

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Marion Cotillard und Michael Fassbender in ''Macbeth'' – (c) Studiocanal (Jonathan Olley)

Die schottische Landschaft und ein mörderisch gutes Protagonisten-Paar sind die Vorzüge der neuesten Verfilmung von William Shakespeares „Macbeth“. Dieses häufig gespielte Königsdrama, das von Theatermachern ehrfürchtig-abergläubisch als „The Scottish Play“ bezeichnet wird, zählt auch im Kino zu den ewigen Hits. Beachtliche Verfilmungen hat es gegeben, die neueste, vom australischen Regisseur Justin Kurzel (2011 „Die Morde von Snowtown“, 2016 soll „Assasin's Creed“ ins Kino kommen), schwelgt in opulenten Bildern karger Schönheit.

Das Mittelalter ist hier nicht finster, sondern dreckig und brutal. Michael Fassbender gibt mit wahnsinniger Intensität den Titelhelden, einen von vielen Kämpfen müden, desillusionierten Krieger, Marion Cotillard spielt seine Lady mit berechnender Herzenskälte. Die braucht das Paar wahrscheinlich auch, um in solch feindlichem Umfeld zu überleben, um sich gnadenlos zur Königswürde zu morden, die dann in einem apokalyptischen Kampf wieder verloren wird.

Bei Shakespeare dreht sich das Rad des Schicksals rasend, im Gegensatz zur wahren Geschichte. Der schottische König Macbeth regierte immerhin 17 Jahre, nachdem er König Duncan 1040 in der Schlacht bei Elgin getötet hatte. Unter ihm blühte das Land auf, er konnte rivalisierende Clans einigen, bis er 1057 im Kampf gegen Duncans Sohn Malcolm fiel – durch die Hand des aus schottischer Sicht verräterischen Fürsten MacDuff.

 

Hauen, Stechen, bis Knochen brechen

Lässt sich also Kurzels hyperrealistischer Film, der die Gewalt eines dunklen Zeitalters als Albtraum vermittelt, mit großen Vorbildern wie etwa den englischen Verfilmungen von Orson Welles (1948) und Roman Polanski (1971) vergleichen? Nur bedingt. Bei all der Natur in überwältigenden Bildern und dem hochdramatischen Paar bleiben die zwei Stunden trotzdem phasenweise seltsam monoton. Der Text ist zwar wortgetreu, aber stark reduziert, Action überlagert die psychologische Spannung. Auf grausame Weise wird gehauen und gestochen, bis die Knochen brechen. Kinder zählen zu den erbarmungswürdigen Opfern. Doch wo bleiben die großen rhetorischen Konfrontationen beim Kampf um die Macht? Sie werden hier nicht sehr subtil serviert, manchmal meint man sogar, hinterm nächsten Hügel könnte Mel Gibson auftauchen, um als schottischer Wutbürger alles kurz und klein zu schlagen.

Dieser „Macbeth“ hat jedoch auch fantastische Szenen. Zu Beginn, noch vor dem sagenhaften Aufstieg, trauert das Aufsteiger-Ehepaar um ein totes Kind. Der Vater legt flache Steine auf die Augen des Kleinen, dann wird die Leiche verbrannt. Im Stück heißt es, dass Macbeth keinen Nachfolger haben werde, es gibt Anspielungen auf seine Unfruchtbarkeit, hier wird das Paar durch den Tod des Nachwuchses traumatisiert. Fürs Seelische bleibt dann kaum Zeit, denn Macbeth muss in den Krieg ziehen, als Heerführer des Königs – Duncan (David Thewlis) fordert den Kopf des Rebellen Macdonwald. Er bekommt ihn: Macbeth, der Than von Glamis, noch ist er ein Getreuer, steigt aufgrund seines Erfolgs im Kampf in der Hierarchie auf. Er wird auch noch Than von Cawdor. Zuvor aber fällt ein Jugendlicher, der ihm nahestand. Er hat ihn wie einen Ersatzsohn behandelt.

Der Verlust ist offenbar ein Grund mehr für den Helden, sich zu verhärten. Macbeth wird nach und nach zum Antihelden. Die berühmten Hexen, die seinen Ehrgeiz unmäßig anstacheln, indem sie schließlich prophezeien, er werde bald König sein, sind in Begleitung eines stummen Kindes. Das blickt Macbeth und auch die Zuseher vorwurfsvoll an, wie aus dem Jenseits. Weitere Geistererscheinungen machen die Macbeths zu Getriebenen. Duncan wird ermordet, als er bei ihnen zu Gast ist (in einer Zeltstadt!) und nachdem er angekündigt hat, den unreifen Malcolm zu seinem Nachfolger zu machen.

 

Geisterstunde in Schottland

Je mehr Opfer die Karriere fordert, darunter auch Freunde wie Sympathieträger Banquo (Paddy Considine), desto mehr Dämonen hetzen dieses Paar. Leichen pflastern ihren Weg. Vor den Gästen verliert Macbeth die Fassung, als ihm der Geist des Banquo erscheint. Man ahnte es längst: Der neue König leidet an Burn-out, an Psychosen aus dem Krieg. Fassbender vermittelt das unglaublich intensiv, dazu spielt Cotillard kongenial und traumwandlerisch.

Eine weitere Weissagung der Geisterfrauen beruhigt Macbeth nur bedingt: Sein Reich sei sicher, solange der Wald von Birnam nicht zu seinem Thron in Dunsinane komme. Er könne zudem nicht durch einen Mann sterben, der durch eine Frau geboren wurde. Was nützt das schon? Die Königin stirbt im Wahn, Macbeth führt von fast allen verlassen seinen letzten Abwehrkampf. Die Lösung des Waldrätsels wird hier höchst originell gelöst, der finale Kampf hingegen verläuft ganz gewöhnlich mit Strömen von Blut. Macbeth ist tot, ein Schwächling tritt an seine Stelle, er hat sich den Thron nicht einmal selbst erkämpft. Der nächste Konflikt deutet sich an. Ein Kind, Fleance, entdeckt die Leiche von Macbeth. Kinderhände ergreifen dessen viel benutztes Schwert. Eine kleine Figur verschwindet im Rauch. Die nächste Kampfmaschine bereitet sich auf den nächsten Splatterfilm vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2015)

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