„By The Sea“: Jolie und Pitt als Paar in der Krise

Eine verhärtete Tänzerin und ein frustrierter Schriftsteller an der Côte d'Azur der Siebzigerjahre: „By The Sea“, inszeniert von Jolie selbst: eine Endlosmontage aus Vanitas-Einstellungen und drögen Dialogen.

Aug 12 2015 Hollywood USA BY THE SEA 2015 BRAD PITT ANGELINA JOLIE ANGELINA JOLIE DIR H
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Aug 12 2015 Hollywood USA BY THE SEA 2015 BRAD PITT ANGELINA JOLIE ANGELINA JOLIE DIR H
Als schöne, reiche Schauspielerin, die sich und ihre Kunst hinterfragt: Angelina Jolie – neben Brad Pitt – in „By The Sea“. – (c) imago/ZUMA Press (imago stock&people)

Jeden Morgen rudert der Fischer in seinem kleinen Holzboot auf das weite Meer hinaus. Jeden Abend kehrt er wieder zurück, zumeist ohne nennenswerten Fang. Jeden Tag sieht ihm eine Frau von der Terrasse ihres Hotelzimmers aus dabei zu und stellt sich die Sinnfrage: Woher nimmt dieser alte Franzose den Antrieb, immer wieder von vorn zu beginnen?

Man kommt nicht umhin, sich Angelina Jolie beim Schreiben des Drehbuchs zu „By the Sea“ vorzustellen. Der Gedankengang endet im Klischee: Eine schöne, reiche Schauspielerin, in vielerlei Hinsicht Inbegriff des glamourösen Hollywood, hinterfragt sich und ihre Kunst. Sie stellt Fragen an das Leben, übersieht aber, dass ihr Elfenbeinturm jeden Existenzialismus verunmöglicht, dass ihre Selbstbespiegelung immer gleichzeitig Selbstzweck ist.

Im Gegensatz zu ihren vorigen Regiearbeiten, dem Antikriegsfilm „In the Land of Blood and Honey“ und dem Agonie-Porno „Unbroken“, ist im Beziehungsdrama „By the Sea“ immerhin noch ein persönliches Bekenntnis mit formuliert. Ihr Ehemann Brad Pitt und sie selbst als Paar in der Krise und auf der Sinnsuche: er ein Schriftsteller, der nach seinem Bestsellerdebüt nichts Nennenswertes mehr veröffentlicht hat und seinen Frust in Alkohol ersäuft. Sie eine ehemalige Tänzerin, deren Körper ebenso verhärtet ist wie ihre Seele. Zwei Stunden lang parlieren, lamentieren und paradieren sie vor dem Zuschauer, so als wollten sie den omnipräsenten, voyeuristischen Blick auf ihr gemeinsames Leben endlich einmal selbst kontrollieren. Es ist einer der besten Einfälle des Films, dass Jolie und Pitt als Vanessa und Roland erst wieder zu sich selbst und ihren Gefühlen finden, nachdem sie ein Loch in der Wand entdeckten: Mit einer Flasche französischem Weißwein sitzen sie davor und blicken wechselweise in das Leben der Anderen. Im Nebenzimmer verbringt ein junges Paar (Melvil Poupaud und Mélanie Laurent) seine Flitterwochen, häufig eng umschlungen, meistens nackt.

 

Schöne Bilder von Christian Berger

An diesem Punkt meint man kurzzeitig, etwas aufflammen zu sehen. Da gäbe es die Möglichkeit, diese Abfolge der vom österreichischen Kameramann Christian Berger („Das weiße Band“) wunderbar fotografierten Naturlichtbilder in eine spannende, anregende und bisweilen grausame Dekonstruktion einer scheinintimen Beziehung zu überführen. Das innere Brodeln der Bürgerlichen könnte man durch deren süße Haut brechen lassen, auf dass sich all der Hass und die Verachtung für den jeweils anderen über die Leinwand verteilen und so etwas wie Läuterung, Reinigung, Katharsis ermöglichen. Dass all das nicht passiert, erzählt einem sehr viel über die Kunst- und Künstlerinnenfigur Angelina Jolie: „By the Sea“ ist das verzweifelt wirkende Imitat eines französischen Autorenfilms aus den Mittsiebzigern, jener Zeit, in der sie ihre Geschichte auch angesiedelt hat. Aber anstatt modernistisches Mimikry – das hätte zumindest unterhaltsam sein können – setzt es einen amerikanischen Feuchttraum über das Europa von gestern: Der dauernd sonnige französische Küstenort, an dem der großartige Niels Arestrup im Hafenbeisl Lebensratschläge gibt, wo schöne Frauen barbusig am Pool liegen und der gute Wein literweise die Kettenraucherkehlen hinunterläuft, ist ein Sehnsuchtsort für Jolie. Daher stört es sie auch nicht, dass ihre Geschichte gar keine ist, sondern lediglich als Endlosmontage aus Vanitas-Einstellungen und drögen, bedeutungsschweren Dialogen vor einem zum Liegen kommt.

 

Der Fluch der Berühmtheit

In seine Einzelsequenzen zerteilt und als Videoinstallation in einem Museum für moderne Kunst untergebracht, könnte der Betrachter daraus vielleicht sogar Schlüsse ziehen auf Berühmtheitsfluch und Selbstinszenierungswut, gleichzeitig die fade Dämmwolle dazwischen ignorieren.

Die Regisseurin, die sich im Vorspann Angelina Jolie Pitt schreibt, befände sich damit in guter Gesellschaft: Hollywoodstars versuchen gern, den Kommerzkinoteufel mit künstlerischen Aktionen und Performances auszutreiben. In den Siebzigerjahren wäre einer wie Shia LaBeouf wohl in Andy Warhols Factory gelandet. Heute verwendet er digitale Kanäle, um seine mitunter äußerst gewitzten Reflexionen zum eigenen Ruhm zu verbreiten. Vor einem Monat konnte man ihm via Live-Stream dabei zusehen, wie er drei Tage lang ohne Unterbrechung in einem New Yorker Kino saß und sich alle Filme, in denen er gespielt hat, anschaute. Das Kunstprojekt #Allmymovies setzte seine Expedition in Richtung totaler Öffentlichkeit und Exhibitionismus fort, zu der er 2014 aufgebrochen war. Damals saß er für #Iamsorry weinend und mit einem Papiersack über dem Kopf in einer Galerie: Einzelne Besucher wurden in den Raum gebeten und konnten mit LaBeouf tun, was sie wollten.

In gewisser Weise kann man auch „By the Sea“ als Aussage zum Promi-Zirkus lesen: Wäre die Regisseurin dahinter kein Superstar, niemand hätte ihr Geld dafür gegeben. Und so sitzt man da und blickt mit Angelina Jolie auf den Fischer, der hinaus aufs Meer rudert. Für sie das Leben selbst, für alle anderen Langeweile.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2015)

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