Mister Wonderful: Es gibt Hoffnung in der Krise

Mit dem Breitwand-Comic "Mister Wonderful" legt "Ghost World"-Schöpfer Daniel Clowes eine bewährt sarkastische und letztlich doch hinreißende "Midlife-Romanze" vor.

Der innere Monolog des „Mister Wonderful“ legt sich sogar über das, was seine Angehimmelte sagt.
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Der innere Monolog des „Mister Wonderful“ legt sich sogar über das, was seine Angehimmelte sagt.
Der innere Monolog des „Mister Wonderful“ legt sich sogar über das, was seine Angehimmelte sagt. – Reprodukt

Neun Minuten Verspätung. Und schon beginnt Marshall wieder, alle Hoffnung fahren zu lassen. Gewiss, was sind schon neun Minuten gegen sechs Jahre? So lang ist es nämlich her, dass sich Marshall von seiner untreuen Gattin hat scheiden lassen – was ihn so mitgenommen hat, dass er seither beziehungsunfähig ist. Bis er vor drei Monaten eine Frau kennengelernt hat, mit der er ein unglaubliches Wochenende verbrachte. „Es war ein bisschen wie ,Frühstück bei Tiffany‘“, erinnert sich Marshall, „nur dass meine Holly Golightly eine labile, methsüchtige Soziopathin war.“ Die Affäre hat rasch im Desaster geendet, Marshall aber genug Mut gegeben, sich von Freunden zu einem Blind Date überreden zu lassen.

So sitzt er im Coffeeshop und wartet: ein Mann mittleren Alters, Brillenträger, auch sonst garantiert kein Adonis, von den Trennungsneurosen ganz zu schweigen – wer sollte sich schon mit ihm einlassen? 18:09 zeigt die Uhr, und Marshalls Nerven flattern: „Oh Gott, darf ich bitte sterben?“ Vielleicht ist es doch die hübsche Blonde am Tisch nebenan? Aber sie entpuppt sich als Freundin eines seine Privatangelegenheiten in die Welt brüllenden Handytelefonierers, wie sie dem sowieso soziophoben Marshall ein besonderer Dorn im Auge sind. Bleibt nur noch die schon leicht runzlige Dame einen Tisch weiter. Aber sie winkt ab: „Ein Glück!“, freut sich Marshall – um zu erfahren, dass sich die Dame bei seinem Anblick auch freut, nämlich darüber, „nicht die einzige Seniorin unter all den Jungen zu sein“.


Nur nichts Falsches sagen. Inzwischen fragt Marshall schon resigniert nach Alkohol. Doch da steht plötzlich ein attraktives Wunderwesen vor ihm: Natalie hatte sich nur im Lokal geirrt! Auch sie sucht den Neuanfang nach einer gescheiterten Beziehung, und schon bei den ersten Wortwechseln scheint sich eine Seelenverwandtschaft in den entscheidenden Details abzuzeichnen (beide lesen am liebsten den Erotikteil ihrer Zeitung – und diese aufdringlichen Handytelefonierer gehen ihr auch auf die Nerven). Marshalls Herz schlägt höher – und noch unruhiger: Denn das Schwierigste kommt erst. Jetzt das Gespräch am Laufen halten. Nur nichts Falsches sagen. Oder tun. Was Marshall unweigerlich doch passieren wird, im Zuge einer langen Nacht, die auf einer Party endet, auf der er ausgerechnet mit Natalies Ex aneinandergerät . . .

Durch die Verfilmung seines gleichnamigen Bildergeschichten-Entwicklungsromans „Ghost World“ im Jahr 2001 ist der produktive US-Comickünstler Daniel Clowes längst – und verdientermaßen – über die Grenzen seines Mediums hinaus berühmt geworden: Clowes verfasste das Drehbuch zusammen mit Regisseur Terry Zwigoff, die tragikomische und bittersüße Magie seiner Außenseiterwelten wurde kongenial auf die Leinwand gehievt. Auch der zweite gemeinsame Streich, die um einiges sarkastischere Comicverfilmung „Art School Confidential“ (2006), traf den rechten Ton, wurde aber leider – trotz Star John Malkovich in einer tragenden Rolle – vernachlässigt. Dafür kann man den speziellen Clowes-Zauber in seinem nun ins Deutsche übersetzten Comic „Mister Wonderful“ wieder auffrischen: Für den charakteristisch sarkastischen Blick auf die Dinge sorgt hier der durchgängige Erzählkommentar des in die Krise geschlitterten Protagonisten. Aber seine bittere Ironie kann nicht verbergen, dass er darunter noch Hoffnung im Herzen trägt. Marshall ist die Quintessenz einer typischen Clowes-Figur: der liebenswerte Griesgram, der sich zwar für absolut bedeutungslos hält, das aber durch größenwahnsinnige Ich-Bezogenheit unterbewusst überkompensiert.


Selbst erklärter Unglücksrabe. Clowes hat einen perfekten Kunstgriff gefunden, um diese Gespaltenheit und Unsicherheit von Marshalls Innenleben auszudrücken: Sein innerer Monolog legt sich häufig über das Geschehen – inklusive der Sprechblasen von anderen Figuren. Selbst was seine angehimmelte Natalie erzählt, wird oft unter Marshalls paranoidem Bewusstseinsstrom ausgeblendet. Der Effekt ist gleichermaßen schonungslos wie amüsant, weil Clowes die ängstliche Egozentrik seiner Hauptfigur zuspitzt und reflektiert, ihr aber eben nicht verfällt. Denn der Schöpfer weiß: Wie so viele selbst erklärte Unglücksraben will Marshall im tiefsten Innern doch widerlegt werden.

Es ist das Beharren auf dieser Möglichkeit, das Clowes' Buch berührend macht: Gegen die grassierende Midlife-Crisis hilft nur der Traum einer „Midlife-Romanze“, wie es im Klappentext heißt. (Die deutsche Edition, liebevoll bis ins hier so entscheidende Handlettering, ist beim Clowes-Stammverlag Reprodukt erschienen.) Bei Clowes heißt das Prinzip Hoffnung allerdings auch: keine romantischen Verklärungen oder sentimentalen Klischees, sondern Überzeugungskraft durch treffsichere, in jeder Hinsicht pointierte Details.

Wie derzeit Quentin Tarantino seinen 70-mm-Film „The Hateful Eight“ – mit dem „Mister Wonderful“ sonst garantiert nichts gemeinsam hat – präsentiert Clowes sein Werk als eine Art Breitwand-Kammerspiel: Das ungewöhnliche Querformat verdankt sich wohl auch der Erstveröffentlichung des Stoffs als zwanzigteilige Fortsetzungsgeschichte im „New York Times Magazine“. Für die Buchfassung hat Clowes nicht nur die Seiten neu gezeichnet, sondern vor allem beeindruckende großformatige Übergänge eingebaut. Gleich die riesige Uhrzeitanzeige zu Beginn wirkt geradezu wie ein Menetekel, später streift Marshall durch die nächtliche Stadt: eine einsame Figur auf einer schwarzen Doppelseite, umgeben nur von vielfarbigen, reduzierten Lichtsilhouetten – das Gefühl der Verlorenheit wird dadurch gesteigert.

Irgendwo in der Dunkelheit dieses atmosphärischen Bilds mag man schon den nächsten Clowes-Protagonisten wähnen: Der geschiedene Misanthrop „Wilson“, ein Seelenverwandter Marshalls, wird im Lauf des Jahres im Kino zu erleben sein, gespielt von Woody Harrelson. Diesen Comic wird Reprodukt aus dem Anlass ebenfalls in deutscher Übersetzung vorlegen.

Steckbrief

1961 wird Daniel (Gillespie) Clowes in Chicago geboren. Er studiert an einer New Yorker Kunsthochschule.

1989.Clowes' Comicreihe „Eightball“ (Untertitel: „Eine Orgie von Trotz, Vergeltung, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und sexueller Perversion“) startet und wird zu einer der einflussreichsten Publikationen der alternativen US-Comicszene.

1997. „Ghost World“ wird zum Durchbruch: 2001 wird es von Terry Zwigoff mit Thora Birch, Scarlett Johansson und Steve Buscemi verfilmt.

2003.Clowes wird von der Kunstwelt entdeckt und zeichnet Titelseiten für den „New Yorker“. Seine neueste Graphic Novel, „Mister Wonderful“ (80 Seiten, 24 Euro), ist übersetzt bei Reprodukt erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2016)

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