Als Churchill den "Fanfarenstoß zum Kalten Krieg" gab

Am 5. März 1946 sprach der frühere britische Premierminister Winston Churchill von einem "Eisernen Vorhang" in Europa - und prägte damit den Begriff. Dabei hatten ihn schon die Nazis gebraucht.

Sir Winston Churchill
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Sir Winston Churchill
Sir Winston Churchill – (c) imago/United Archives Internatio (imago stock&people)

„Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria ist ein ‚Eiserner Vorhang' über den Kontinent gezogen. Hinter jener Linie liegen alle Hauptstädte der alten Staaten Zentral- und Osteuropas, Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Alle jene berühmten Städte liegen in der Sowjetsphäre, und alle sind sie in dieser oder jener Form nicht nur dem sowjetrussischen Einfluss ausgesetzt, sondern auch in ständig zunehmendem Maße der Moskauer Kontrolle unterworfen.“ 

Es war der 5. März 1946, als Winston Churchill diese Worte aussprach. Der im Jahr zuvor als britischer Premierminister abgewählte und auf die Oppositionsbank verschobene Staatsmann hielt an diesem Tag eine Rede an der Universität Fulton im US-Bundesstaat Missouri. Dabei warnte der 71-Jährige seine rund 3000 Zuhörer eindringlich vor der Spaltung des ausblutenden europäischen Kontinents, die er in einem Begriff aus der Theatersprache zusammenfasste: „iron curtain“.

War es ursprünglich die Funktion eines eisernen Vorhanges bei Notfällen, wie beispielsweise einem Brand, den Bühnenbereich von jenem des Publikums mithilfe einer feuersicheren und rauchdichten Trennwand abzugrenzen, wurde der Begriff fortan zur Metapher für die Teilung Europas, die in den kommenden Monaten und Jahren nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene vonstatten gehen, sondern sich auch in Stacheldrähten, Wachtürmen und dem Bau der Berliner Mauer manifestieren sollte.

>>> Zum Nachlesen: Churchills ganze Rede auf Englisch

Nur in einem Punkt sollte Churchill irren: Wien verschwand nicht hinter dem Wall im Osten, sondern konnte sich dank des Staatsvertrages und des Neutralitätsgesetzes der sowjetischen Besatzungssoldaten wieder entledigen.

Churchill, "Geburtshelfer der Truman-Doktrin"

Churchill war nicht nur in die Vereinigten Staaten gereist, um den Amerikanern zu berichten, dass die Sowjets das alte Europa brutal geteilt hätten, dass Osteuropa abgekapselt wurde. Er war auch gekommen, um in seiner Ansprache, die im Radio übertragen wurde, für eine Politik der Stärke zu werben. Denn nichts würden die „russischen Freunde“ so sehr bewundern „wie Kraft und Macht, und nichts verachten sie so sehr wie militärische Schwäche“, betonte er. Daher müssten die freien Völker, allen voran die englischsprachigen, zusammenstehen und einen „Bruderbund“ eingehen, um der sowjetischen Expansionspolitik, die die westliche Freiheit bedrohe, Einhalt zu gebieten.

US-Präsident Harry Truman spielten die Sätze des britischen Charismatikers in die Hände, konnten sie doch als Legitimierung seines zunehmend antisowjetischen außenpolitischen Kurses herangezogen werden. Als „Geburtshelfer der Truman-Doktrin“ wurde Churchill deshalb von der „Neuen Zürcher Zeitung“ im Jahr 2012 betitelt. Der Historiker David Reynolds ging 2006 in „From World War to Cold War“ sogar noch einen Schritt weiter und nannte die Rede einen „Fanfarenstoß für den Kalten Krieg“. Denn schon 1947 sollte Truman einen neuen politischen Kurs ausgeben, nämlich, dass sein Land allen Staaten beistehen würde, die vom (sowjetischen) Kommunismus bedroht würden.

Einst Kamerad, jetzt Feind

Churchill hatte in dem einstigen „Kriegskameraden“ einen neuen Gegner erkannt. Und lag damit richtig, wie die Reaktion Josef Stalins auf seine Äußerungen belegte. So betonte der sowjetische Diktator in einem Interview mit der Zeitung „Prawda“ am 13. März 1946: „Dem Wesen der Sache nach stellten Mr. Churchill und seine Freunde in England und in den Vereinigten Staaten den nicht Englisch sprechenden Nationen eine Art Ultimatum: Erkennt ihr unsere Herrschaft freiwillig an, so wird alles in Ordnung sein, im entgegengesetzen Fall ist der Krieg unvermeidlich.“

Der „Eiserne Vorhang“ war gefallen, der „Kalte Krieg“ hatte begonnen – ohne offizielle Kriegserklärung, dafür in Form von Stacheldrähten, Selbstschussanlagen und Minenfeldern, die das System des westlichen Kapitalismus von jenem des östlichen Kommunismus abschotteten. Eine Überquerung der Grenze war lebensgefährlich, trostlos und gefährlich auch das Leben in ihrer unmittelbaren Nähe: Traditionelle nachbarschaftliche Beziehungen zwischen den Ländern und den Menschen diesseits und jenseits des Vorhanges verschwanden, Betriebe wanderten ab. Erst am 2. Mai 1989, als Ungarn als erstes Land mit dem Abbau seiner Grenzanlagen begann, sollte sich die Lage bessern.

Schon Goebbels schrieb vom "Eisernen Vorhang"

Zurück zu Churchills Rede: Entgegen vieler Darstellungen war der 5. März 1946 nicht der Tag, an dem der Begriff „Eiserner Vorhang“ erfunden wurde – weder von Churchill noch überhaupt. Zwar sprach der Brite die Metapher an diesem Tag erstmals öffentlich aus, hatte sie aber tatsächlich bereits vor seinem Auftritt in Fulton in zwei Telegrammen an Truman in eben diesem Sinne verwendet. Aber auch damit war er nicht der Erste.

Der einstige Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte in der nationalsozialistischen Wochenzeitung „Das Reich“ am 25. Februar 1945 geschrieben: Würde das „Dritte Reich“ die Waffen strecken, dann „würden die Sowjets (…) ganz Ost- und Südosteuropa zuzüglich des größten Teils des Reiches besetzen. Vor diesem einschließlich der Sowjetunion riesigen Territorium würde sich sofort ein eiserner Vorhang herunter senken, hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker, wahrscheinlich noch unter dem Beifall der Londonder und New Yorker Judenpresse, begänne.“ Damit wiederum griff Goebbels eine Formulierung auf, die am 18. Februar 1945 Max Walter Clauss unter dem Kürzel „cl Lissabon“ in dem Blatt verwendet hatte, um die Folgen der Konferenzen von Moskau im Oktober 1944 und Jalta Anfang Februar 1945 zu kommentieren. So hieß es bei ihm: „Ein eiserner Vorhang vollendeter bolschewistischer Tatsachen ist, trotz Churchills Bittgang nach Moskau vor der Roosevelt Wahl, vor ganz Südosteuropa niedergegangen.“

Manche Historiker verorten den Begriff noch tiefer in der Geschichte, konkret im Babylonischen Talmud, wo es heißt: Nicht einmal eine „Eiserne Barriere“ könne das Volk Israel von Gottvater trennen. Weiters taucht in H.G. Wells Roman „The Food of the Gods“ aus dem Jahr 1904 ein „Eiserner Vorhang“ auf. Der Religionsphilosoph Wassili W. Rosanow beklagte indes 1918 in seiner „Apokalypse unserer Zeit“, die russische Revolution als das tragische Ende der Geschichte Russlands: „Unter Rasseln, Knarren und Kreischen senkt sich ein eiserner Vorhang auf die russische Geschichte herab.“

Zum Nachhören: Ein Teil von Churchills Rede

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