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Harry Potter: Im sechsten Teil lernt er Biochemie

09.07.2009 | 18:22 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Die vorletzte und schwierigste Verfilmung der Zauberschülersaga, "Harry Potter und der Halbblutprinz", konzentriert sich auf Säfte, Gifte, Liebelei und Erwählung.

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Ich habe noch nie so sehr begriffen, wie wunderschön dieser Ort ist.“ Harry Potter sagt das, von den Zinnen des Schlosses Hogwarts blickend, ganz am Schluss, nach der Ermordung des guten Direktors Dumbledore. Alles scheint vorbei, nur die Schule steht noch: ein massiver Zufluchtsort aus Stein und Tradition, wo alles andere aus den Fugen ist.

Harry Potter liebt die Schule, sein Möchtegernkontrahent Draco Malfoy hasst sie ganz explizit: Auch so äußert sich die immer schärfere Zuspitzung der Story, die immer klarere Trennung in zwei Lager, in Gut und Böse. Es macht einen Reiz der Potter-Saga aus, dass Autorin Joanne Rowling ihre Abneigung gegen solchen Manichäismus spüren lässt, dass sie Verwandtschaften zwischen Gut und Böse sucht, bis hin zu ihrem wunderbaren Satz über Harry Potter: „Hogwarts war das erste und beste Heim, das er gekannt hatte. Er und Voldemort und Snape, die verlassenen Buben, sie alle hatten dort ein Heim gefunden.“

 

Snape bleibt kalt, leer und böse

Dieser Satz ist aus dem siebten, letzten Buch, in dem sich nach gehörigem Blutzoll alles in Wohlgefallen auflöst. Filmisch sind wir nun beim sechsten Teil angekommen, dem wirrsten, erzählstrategisch schwächsten, in dem viele Handlungsfäden nur gelegt werden, damit sie im letzten Band gebündelt werden können. Sein Schluss ist auch ein mörderischer Trugschluss: Der sinistre Lehrer Snape ist als Mörder Dumbledores eindeutig auf der dunklen Seite. Im siebten Band wollte Rowling ihn rehabilitieren, als zerrissenen Doppelagenten darstellen, es ist ihr nicht wirklich gelungen.

In den Filmen ist Severus Snape – dargestellt von Alan Rickman – gar kein Charakter, nur eine Maske: ein bleicher, großlippiger, starräugiger Flüsterer, der stets das Böse schafft. Bestenfalls ein williges Werkzeug. Rowling versuchte wenigstens, ihn mit einem Hauch von Motiv auszustatten, wenn sie ihn etwa im Showdown mit Potter „Nenn mich nicht Feigling!“ brüllen ließ; im Film ist er nur kalt und leer.

Den anderen „verlassenen Buben“, Tom Riddle alias Lord Voldemort, sieht man in dieser Folge nicht in seiner grässlichen, nasenlosen Maske, sondern – im Rückblick – als schüchternen Buben. Doch seine Augen sind weniger leer als traurig, „I think I'm different“, sagt er tonlos zum jovialen Lehrer Horace Slughorn (das nuancierteste Schauspiel dieses Films: Jim Broadbent) – und bittet ihn, ihn in die schwarze Magie einzuweihen. Harry Potter, in aufklärerischer Mission, wiederholt diese Bitte in der Gegenwart: eine gut konstruierte Parallele.

 

Zwei, die sich „Erwählte“ nennen

Auch Harry Potter bleibt freilich beinahe gesichtslos. Daniel Radcliffe spart mit Mimik – was, abgesehen davon, dass man sich schon daran gewöhnt hat, auch eine Interpretation sein könnte: Auch sein Harry Potter ist im Wesentlichen nur ein Werkzeug, des Guten diesfalls. „Wie sehe ich aus?“ fragt er einmal, die Antwort ist treffend: „Exceptionally ordinary.“ Im sechsten Teil setzt sich die Bezeichnung „der Erwählte“ („the chosen one“) durch, es bleibt kein Zweifel daran, dass ihn die Erwählung überfordert. Erst kurz vor dem Finale sagt er halbwegs mit Verve: „Yes, I'm the chosen one.“

Sein Schulfeind Malfoy maßt sich von Beginn an denselben Titel an: Er bleibt in der Darstellung Tom Feltons nur unsympathisch, ein Angeber, der im Weg steht, bis die eigentlichen Gegner kommen: Tom Riddle und Snape. Dieser auch in Form eines alten, zerlesenen Zaubertrank-Lehrbuchs, dessen Autor sich „Halbblutprinz“ nennt: Wie die anderen „verlassenen Buben“ Harry Potter und Tom Riddle ist Snape ja „Halbblut“, hat nur einen Elternteil mit magischen Kräften. Entsprechend wird Harry von Slughorn – schon bevor Snapes Autorenschaft aufgedeckt wird – als „prince of potion“ bezeichnet: Böse und Gut kochen nach denselben Rezepten.

Und auf die Rezepte kommt es an, auf die Tränke, auf die Säfte, auf die Chemie. Das Drehbuch konzentriert sich auf dieses Motiv: Der Lehrsaal ist liebevoll als verstaubtes Chemielabor eingerichtet, es wird geschüttelt, gekocht und gekostet. Und vergiftet. Der gute Ron Weasley – der, gespielt von Rupert Grint, immer mehr aussieht wie eine keltische Ausgabe des jungen Mick Jagger – wird, bevor er einem ernsteren Anschlag fast erliegt, mit einem Liebestrank so verwirrt, dass er sich untersteht, mit der hübschen Lavender körperlich zu werden. Was seine ihm von Rowling vorbestimmte Lebenspartnerin, die kluge Hermione – gewohnt zaubernd und bezaubernd: Emma Watson –, gar nicht freut: Erst im Krankenbett findet er wieder auf den rechten Weg, der ja im Epilog in die Ehe münden soll.

Das Bild Hormone = Zaubertränke ist offensichtlich. Die Harry-Potter-Saga ist ja nicht zuletzt eine Geschichte über die Pubertät, wenn vor allem Harry selbst die meiste Zeit nicht wirklich versteht, was da mit ihm geschieht, steht das auch für die Nöte dieser Lebensphase.

 

Schlechtes Wetter in Zauber-England

Die bei mindestens genauso schlechtem Wetter stattfindet wie in den früheren Folgen: Schon der Vorspann ist so vernebelt, dass man sich gar nicht wundert, wenn die schrecklichen Dementoren aus dem Himmel über London erdwärts rasen; gleich bei der ersten Zauberreise landet Harry bei schwerem Regen in einem Sumpf; die ersten Zusammenbrüche spielen in einer stillen, kargen Schneelandschaft.

Eine wichtige Nebenrolle spielt (wie schon in den ersten beiden Potter-Filmen) die Kathedrale von Gloucester: Ihre gotischen Gewölbe verstärken das quasireligiöse Flair. Wenn Dumbledore seine Ansprache hält, wirkt er wie ein Priester bei der Predigt. Dass für mindestens zwei Szenen Kreuze in die Landschaft gestellt wurden, ist freilich rein dekorativ zu verstehen. Dagegen das mannshohe Kornfeld, durch das Harry und Ginny (auch programmatisch ausdruckslos: Bonnie Wright) laufen, fast verliebt, fast erwachsen, fast verloren: ein schönes Bild. Viel schöner als all die Flammenwände und Untotenattacken. Fast so schön wie der Blick von der Schule auf die Schule, auf das Leben.

ZUM FILM

Regie geführt hat – wie bei der fünften Folge – David Yates. Er wird auch die letzten beiden Filme drehen: Der siebte Band der Serie („Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“) wird aufgrund des Reichtums der Handlung in zwei Teilen verfilmt.

Filmstart ist in den USA, in Großbritannien und auch in Deutschland und Österreich am Mittwoch, dem 15.Juli. Der Film dauert 153 Minuten. In IMAX-Kinos wird eine Fassung mit zwölf Minuten in 3-D gezeigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2009)

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10 Kommentare
Gast: Kesselbrand
24.08.2010 15:04
0 0

Keine gute Kritik aber auch kein guter Film

Allgemein gilt das für jeden eingefleischten Harry Potter Leser, dass die Filme nicht unbedingt ansprechend sind. Der sechste Teil jedoch unterbietet alles bisher dagewesene. Wer das Buch nicht kennt, hat Probleme der Handlung zu folgen.

Nicht nur die fehlende Handlung und ihr Zusammenhang machen den Film zum Desatster, sondern vorallem wohl die übertriebenen Liebesszenen. Dumbledore rät Harry sich zu rasieren??? Was für ein Quatsch. Die Bücher sind auf einen anderen Niveau, ja klar auch hier verliebt sich Harry in Ginny, jedoch benimmt er sich dort nicht so kindisch und es gehört auch nicht zur Hauptstory. Ich selbst war im Kino mit Nicht-Lesern der HP Reihe und zu meinem Übel wurde ich danach ständig von ihnen mit Fragen bombabiert. Was sind jetzt Hokruxe? Wieso muss man die vernichten? Was sollten all die Erinnerungen die gezeigt wurden? ETC

Gast: Theodoric
18.07.2009 02:28
0 0

Danke

Leider dolcht mich das Gefühl, die Kinogänger sind gedopt. Seien es die Potter-Fans durch ihren unzerstörbaren Glauben, jedes Potter-Produkt sei ein gutes Produkt. Oder Kritiker durch ein mich nachdenklich stimmendes Interesse, diesen 6. Potter-Film schön zu reden.

DANKE FÜR DIESE KRITIK, DIE MIR AUS DER SEELE SPRICHT!

Es ist doch eindeutig: Für den Potter-Laien ist dieser Film ein schnöde Liebesromanze, die selbst bei Rosamunde Pilcher nicht hätte schlechter sein können. Für den wahren Fan dagegen ist der Film doch bitteschön komplett am Buch vorbei! An WEN also bitte richtet sich dieser Film?

Es ist für mich erschreckend und damit vielleicht auch die Antwort auf alles, dass dieser Film schon am ersten Spieltag so viel Geld eingespielt hat wie kein anderer zuvor. Offenbar geht es nämlich NUR darum: hohe Einnahmen. Von einer Potter-Verfilmung hätte ich doch wirklich mehr erwartet.

P.S. Schade nur, dass Herr Kramar durch ein paar inhaltliche Fehlgriffe (Dementoren, Harrys Eltern können nicht zaubern?) eine Angriffsfläche für alberne Attacken Desorientierter liefert.
P.P.S. Kannte denn irgendwer NICHT den Ausgang des 6. Buches???

Gast: Kritikerin
17.07.2009 15:45
0 0

Augen auf!

Was da aus dem Himmel über London erdwärts rast sind keine Dementoren sondern Todesser. Und was das mannshohe Kornfeld anbelangt, durch das Harry und Ginny laufen... Nun, ich bin kein Botaniker, aber Getreide wird wohl nur schwerlich inmitten eines Sumpfs gedeihen.

Gast: katy
13.07.2009 01:07
0 0

Super

Ich würde erstmal vorschlagen dass sie ihren Artikel mit einer Spoilerwarnung versehen, da Sie uns nun schon beinahe die ganze Handlung des Films geschildert haben...
Nebenbei möchte ich auch bemerken, dass ich nicht wirklich mit Ihnen übereinstimme, besonders Ihr Kommentar zu Alan Rickman und seiner Charaktere....

Gast: Marie
12.07.2009 20:56
0 0

Na toll...

Sie haben viele wichtige Dinge verraten die ich für meinen Teil lieber im Film gesehen hätte. Damit habe ich in einer Kritik nicht gerechnet, denn normalerweise wird darauf Rücksicht genommen, schlißlich dient der Film der Unterhaltung, und da ist Spannung ein enorm wichtiges Element. Außerdem finde ich ihre Kritik an der, wie sie es ausdrücken Rehabilitation, Snape als zerrissenen Doppelagenten darzustellen nicht begründet. Im Übrigen ist dies nicht Kritik am Film, sondern am Buch.

Meiner Meinung nach eine nicht gelungene Kritik.
Nur in einem stimme ich mit ihnen überein:
Die Mimik des Daniel Radcliffe ist nicht wirklich anspruchsvoll.

Gast: mm
12.07.2009 13:10
0 0

spoil the party

lieber herr kramar,

für jemanden der sich wirklich auf den film gefreut hat haben Sie mit dieser kritik (abgesehen davon dass ich inhaltlich nur teilweise mit Ihnen übereinstimme) wirklich ALLES vorweggenommen - ein einziger spoiler, dieser text! mal überlegt dass wer ins kino gehen will, um auf spannende weise zu erfahren wie's ausgeht? das wär fast gemein zu nennen, wenns nicht so gedankenlos wäre.

grantig,
mm

Gast: bocabozo
10.07.2009 13:55
0 0

Hallo?

Haben wir die gleichen Filme gesehen und die gleichen Bücher gelesen? Ich bin so grundsätzlich anderer Meinung, insbesondere hinsichtlich Alan Rickmans Darstellung von Snape, dass ich das zu tiefst bezweifle...

Fränk
10.07.2009 13:36
0 0

danke für auflösung...

;-((

1 0

Wird Zeit,

dass es weitergeht. Fast hätte ich mir schon die Bücher gekauft in dieser unerträglich angespannten Situation des Wartens... :-)

Gast: Stefan
09.07.2009 19:38
0 0

H.P.

Scooter spielen im neuen Harry Potter mit?