Ein unvergessliches Bild, gefilmt aus einem rasenden Auto: das Gesicht eines Gangsters in Großaufnahme, neben dem Trittbrett, wie schwerelos – als würde es über der staubigen Straße fliegen. Die Hand des Mannes hält Staatsfeind Nr.1, John Dillinger: Eben ist seine Gang ausgebrochen, der Komplize ist angeschossen worden, hat den Sprung in den Fluchtwagen nicht mehr geschafft. Dillinger packt den Verwundeten, um ihn ins Auto zu hieven – und lässt erst los, als dessen Griff im Tod erlahmt. Kurzerhand stößt Dillinger daraufhin den fürs fatale Unglück verantwortlichen Komplizen aus dem Wagen.
Regisseur Michael Mann bringt die Zwiespältigkeit und Raserei seines Dillinger sofort auf den Punkt. Sein gewaltiger Gangsterfilm Public Enemies schildert die letzten Monate des berüchtigten Bankräubers als Sturz in den Tod: „Rushing towards death“ nannte es Humphrey Bogart als von Dillinger inspirierter Outlaw im Film High Sierra.
Tödliche Trittbrettfahrer der Geschichte
Manns Dillinger, faszinierend und feinfühlig gespielt von Johnny Depp, ist auch die Verkörperung eines historischen Impulses: Im Umbruch der US-Depressionszeit wird der Verbrecher zugleich Volksheld, als krimineller Rebell einer neuen Ära der Geschwindigkeit. Als MG-Schützen mit ihren ikonischen Tommyguns auf schlingernden Fluchtautos sind Manns Gangster buchstäblich die tödlichen Trittbrettfahrer der Geschichte.
Atemlos treibt Depp als Dillinger auf sein Schicksal zu, Zeit und Worte sind knapp: „I am Dillinger. I rob banks“, stellt er sich nur vor. Dem Garderobenmädchen (Marion Cotillard), das seine Geliebte wird, zählt er auf, was er liebt: Baseball, Filme, schnelle Autos, schicke Kleidung – „and you. That's all you need to know.“ Die Gegenwart ist alles, was zählt, Dillinger ist ein Mann der Tat, das ist typisch für den Regisseur: Public Enemies ist, wie alle Filme von Michael Mann, ein action movie im eigentlichen Sinn.
Mann ist einer der wenigen großen Autorenfilmer im heutigen Hollywood, er verschränkt virtuoses Genrekino, existenziell und elementar wie bei Jean-Pierre Melville, mit komplexer Sozialkritik (etwa im Tabakindustriethriller The Insider):Public Enemiesverbindet beides auf verblüffende Weise, ist auch ein Film über den Aufstieg des FBI, detailliert recherchiert aus Bryan Burroughs 600-Seiten-Buch. Dillingers direkter Gegenspieler (unerbittlich: Christian Bale) ist nicht der Erzfeind, sondern Edgar J. Hoover (amüsant: Billy Crudup), dem Dillingers Selbststilisierung in die Hände spielt: Mit Panikmache und Kalkül holt er sich mehr Macht. Hoovers FBI setzt sehr gegenwärtige Methoden ein: Überwachung durch neueste Technik, Tortur der Gefangenen. Der scheinbar so simple Filmtitel ist extrem vieldeutig.
Michael Mann erzählt von Individualisten, die gegen das System anlaufen, obsessiv und desillusioniert. Public Enemies beginnt mit einem Bild der Füße von Kettensträflingen und endet mit einer sich schließenden Gefängnistür. Aber wie diese Bilder aussehen – und wie Public Enemies insgesamt aussieht –, das ist elektrisierend, fast utopisch: Mann arbeitet im Alleingang an einer neuen Ästhetik der Digitalvideotechnik, seit er sie 2001 bei Ali verwendete. Digitales dient sonst, um (künstlich) Zelluloidfilm zu simulieren, Mann tut das Gegenteil, betont die Eigenarten von Video, setzt so neue Maßstäbe: Die übergroße Klarheit und Schärfe der hochauflösenden Bilder, die Beweglichkeit der Kameras, das eigentümliche Licht – der Anblick ist ungewohnt, die Präsenz des Abgebildeten überwältigend.
Die Vergangenheit gegenwärtig gemacht
Das Züngeln des Mündungsfeuers in der Nacht oder die Transparenz von Cotillards Tränen (überhaupt: der unschmeichelhafte Teint der wie unter die Lupe genommenen Gesichter): Public Enemies ist voller Dinge, die man so im Kino noch nie gesehen hat. Die Welt der Dreißigerjahre rekonstruiert im Spiegel der damals undenkbaren Digitaltechnik: Mann macht Unmögliches möglich. Blut, Rauch, Konturen in der Dunkelheit: Alles ist vertraut und doch neu, der Effekt ist brechtisch und mitreißend zugleich – es regiert das irre Gefühl, die Vergangenheit als absolut gegenwärtig zu erleben.
Eine Gegenbewegung – Manns Dialektik ist umfassend konsequent – erfolgt in das Reich des Mythos: Dillinger inszeniert sich für die Öffentlichkeit, wirkt andererseits oft wie ein Phantom. Etwa in der wunderbaren Szene, als er unerkannt durchs Büro seiner Jäger streift und seiner Legende anhand von Fotos und Akten folgt. Das Finale ist pure Epiphanie, zeigt Dillinger am 22. Juli 1934 beim Besuch im Chicagoer Biograph-Kino, bevor er in einer unerwartet stillen Szene erschossen wird. Draußen versammeln sich schon die todbringenden G-Men, drinnen sieht Dillinger den Gangsterfilm Manhattan Melodrama mit Clark Gable – und erkennt auf der Leinwand sein Leben wieder. Es ist eine unglaubliche Szene, die alle Motive des Films bündelt. Danach aber kann Dillinger in aller Ruhe in den Tod gehen: Er weiß, dass ihm – oder eigentlich: seinem selbst gewählten Mythos – die Ewigkeit gehört.
■John (Herbert) Dillinger (*1903, Oak Hill) wurde als Erster von FBI als Staatsfeind Nr.1 bezeichnet, das Kopfgeld (25.000Dollar) war eine Rekordsumme. Wie viele Depressionszeit-Gangster wurde Dillinger auch als eine Art Robin Hood stilisiert. 1934 wurde der berüchtigte Bankräuber verraten und nach einem Kinobesuch erschossen.
■Vor Public Enemies (ab heute im Kino) entstanden 1945 und 1973 (gute) Kinofilme namens Dillinger über den Gangster.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2009)

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