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"Public Enemies": Die Raserei des John Dillinger

06.08.2009 | 18:19 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Michael Manns epischer Gangsterfilm „Public Enemies“ setzt in jeder Hinsicht neue Maßstäbe. Der Film ist voller Dinge, die man so im Kino noch nie gesehen hat.

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Ein unvergessliches Bild, gefilmt aus einem rasenden Auto: das Gesicht eines Gangsters in Großaufnahme, neben dem Trittbrett, wie schwerelos – als würde es über der staubigen Straße fliegen. Die Hand des Mannes hält Staatsfeind Nr.1, John Dillinger: Eben ist seine Gang ausgebrochen, der Komplize ist angeschossen worden, hat den Sprung in den Fluchtwagen nicht mehr geschafft. Dillinger packt den Verwundeten, um ihn ins Auto zu hieven – und lässt erst los, als dessen Griff im Tod erlahmt. Kurzerhand stößt Dillinger daraufhin den fürs fatale Unglück verantwortlichen Komplizen aus dem Wagen.

Regisseur Michael Mann bringt die Zwiespältigkeit und Raserei seines Dillinger sofort auf den Punkt. Sein gewaltiger Gangsterfilm Public Enemies schildert die letzten Monate des berüchtigten Bankräubers als Sturz in den Tod: „Rushing towards death“ nannte es Humphrey Bogart als von Dillinger inspirierter Outlaw im Film High Sierra.

 

Tödliche Trittbrettfahrer der Geschichte

Manns Dillinger, faszinierend und feinfühlig gespielt von Johnny Depp, ist auch die Verkörperung eines historischen Impulses: Im Umbruch der US-Depressionszeit wird der Verbrecher zugleich Volksheld, als krimineller Rebell einer neuen Ära der Geschwindigkeit. Als MG-Schützen mit ihren ikonischen Tommyguns auf schlingernden Fluchtautos sind Manns Gangster buchstäblich die tödlichen Trittbrettfahrer der Geschichte.

Atemlos treibt Depp als Dillinger auf sein Schicksal zu, Zeit und Worte sind knapp: „I am Dillinger. I rob banks“, stellt er sich nur vor. Dem Garderobenmädchen (Marion Cotillard), das seine Geliebte wird, zählt er auf, was er liebt: Baseball, Filme, schnelle Autos, schicke Kleidung – „and you. That's all you need to know.“ Die Gegenwart ist alles, was zählt, Dillinger ist ein Mann der Tat, das ist typisch für den Regisseur: Public Enemies ist, wie alle Filme von Michael Mann, ein action movie im eigentlichen Sinn.

Mann ist einer der wenigen großen Autorenfilmer im heutigen Hollywood, er verschränkt virtuoses Genrekino, existenziell und elementar wie bei Jean-Pierre Melville, mit komplexer Sozialkritik (etwa im Tabakindustriethriller The Insider):Public Enemiesverbindet beides auf verblüffende Weise, ist auch ein Film über den Aufstieg des FBI, detailliert recherchiert aus Bryan Burroughs 600-Seiten-Buch. Dillingers direkter Gegenspieler (unerbittlich: Christian Bale) ist nicht der Erzfeind, sondern Edgar J. Hoover (amüsant: Billy Crudup), dem Dillingers Selbststilisierung in die Hände spielt: Mit Panikmache und Kalkül holt er sich mehr Macht. Hoovers FBI setzt sehr gegenwärtige Methoden ein: Überwachung durch neueste Technik, Tortur der Gefangenen. Der scheinbar so simple Filmtitel ist extrem vieldeutig.

Michael Mann erzählt von Individualisten, die gegen das System anlaufen, obsessiv und desillusioniert. Public Enemies beginnt mit einem Bild der Füße von Kettensträflingen und endet mit einer sich schließenden Gefängnistür. Aber wie diese Bilder aussehen – und wie Public Enemies insgesamt aussieht –, das ist elektrisierend, fast utopisch: Mann arbeitet im Alleingang an einer neuen Ästhetik der Digitalvideotechnik, seit er sie 2001 bei Ali verwendete. Digitales dient sonst, um (künstlich) Zelluloidfilm zu simulieren, Mann tut das Gegenteil, betont die Eigenarten von Video, setzt so neue Maßstäbe: Die übergroße Klarheit und Schärfe der hochauflösenden Bilder, die Beweglichkeit der Kameras, das eigentümliche Licht – der Anblick ist ungewohnt, die Präsenz des Abgebildeten überwältigend.

 

Die Vergangenheit gegenwärtig gemacht

Das Züngeln des Mündungsfeuers in der Nacht oder die Transparenz von Cotillards Tränen (überhaupt: der unschmeichelhafte Teint der wie unter die Lupe genommenen Gesichter): Public Enemies ist voller Dinge, die man so im Kino noch nie gesehen hat. Die Welt der Dreißigerjahre rekonstruiert im Spiegel der damals undenkbaren Digitaltechnik: Mann macht Unmögliches möglich. Blut, Rauch, Konturen in der Dunkelheit: Alles ist vertraut und doch neu, der Effekt ist brechtisch und mitreißend zugleich – es regiert das irre Gefühl, die Vergangenheit als absolut gegenwärtig zu erleben.

Eine Gegenbewegung – Manns Dialektik ist umfassend konsequent – erfolgt in das Reich des Mythos: Dillinger inszeniert sich für die Öffentlichkeit, wirkt andererseits oft wie ein Phantom. Etwa in der wunderbaren Szene, als er unerkannt durchs Büro seiner Jäger streift und seiner Legende anhand von Fotos und Akten folgt. Das Finale ist pure Epiphanie, zeigt Dillinger am 22. Juli 1934 beim Besuch im Chicagoer Biograph-Kino, bevor er in einer unerwartet stillen Szene erschossen wird. Draußen versammeln sich schon die todbringenden G-Men, drinnen sieht Dillinger den Gangsterfilm Manhattan Melodrama mit Clark Gable – und erkennt auf der Leinwand sein Leben wieder. Es ist eine unglaubliche Szene, die alle Motive des Films bündelt. Danach aber kann Dillinger in aller Ruhe in den Tod gehen: Er weiß, dass ihm – oder eigentlich: seinem selbst gewählten Mythos – die Ewigkeit gehört.

Zur Person

John (Herbert) Dillinger (*1903, Oak Hill) wurde als Erster von FBI als Staatsfeind Nr.1 bezeichnet, das Kopfgeld (25.000Dollar) war eine Rekordsumme. Wie viele Depressionszeit-Gangster wurde Dillinger auch als eine Art Robin Hood stilisiert. 1934 wurde der berüchtigte Bankräuber verraten und nach einem Kinobesuch erschossen.

Vor „Public Enemies“ (ab heute im Kino) entstanden 1945 und 1973 (gute) Kinofilme namens „Dillinger“ über den Gangster.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2009)

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12 Kommentare
otalP
07.08.2009 20:12
0 0

Kommentarlöschung

Warum wurde mein Kommentar gelöscht? Was ist schlimm daran, wenn ich Hollywoodfilme als "Soylent Green" bezeichne? Hat die Produktionsfirma interveniert? Oder der Verleih? Oder Johnny Depp?

Gast: Kino-Amateur
07.08.2009 13:06
0 0

gestern

Ich durfte gestern auf EInladung der Presse den Film ansehen - und war beeindruckt, so wie, denke ich, die meisten im Saal.

Was mich interessieren würde - was denkt Herr Huber über die Leistungen der Schauspieler?
Johnny Depp, aus meiner Sicht gut aber nicht seine größte Rolle.
Christian Bale, ich habe in anderen Kritiken bereits gelesen "140 Minute, ein Gesichtsausdruck" - ist das eine Leistung oder nicht?
usw

Danke nochmals für die Karte, war toll!

Gast: ProConsul
06.08.2009 23:08
0 0

aufgrund dieser guten Kritik

werde ich mir den Filma auch anschauen...bin schon gespannt.

Antworten Gast: Balduin Hugo
07.08.2009 15:01
0 0

Re: aufgrund dieser guten Kritik

Nun dann lassen Sie sich von mir gewarnt sein.
Die Charaktere sind äußert seicht und teilweise sehr unmotiviert. Die Frage "Warum machen die das?" ist beinahe völlig ausgeklammert. Hintergründe und Biographie spielen fast keine Rolle.

Das größte Manko allerdings ist der Ton! Manchmal sind werfen einen die Sprünge in der Lautstärke einfach aus dem Film und kann sich nur wundern warum es auf einmal so laut ist. Dann wieder ist es so leise, dass selbst Englisch-muttersprachler nicht verstehen was gesagt wird.

Obwohl der Film mir schon etwas gegeben hat, finde ich ihn "hingehunzt" - schleißige Arbeit und charakterschwache Umsetzung.

Ich möchte den Film nicht völlig verdammen, aber warnen sollte man die Leute schon...

gilt für die Originalfassung

Bleeding
06.08.2009 21:26
1 0

Sehr gute Kritik ...

... die im Gegensatz zu vielen anderen den Blick für das Wesentliche an diesem Filmprojekt hat. Mann ist seiner Zeit weit voraus und versteht es, die neuen Horizone, die DV bietet, wie kein anderer in großartig fotografierte Filme umzusetzen. Ich bin zwar ein großer Fan des klassischen Hollywoodfilms, episch und cineastisch, mit großen Bildern die einen Blick auf das "big picture" erlauben, die man durch ihre ruhige Gewalt 3 Stunden lang in jedem Zug genießen kann (zuletzt in Perfektion gesehen in "There Will Be Blood" von Paul Thomas Anderson) - doch gerade deshalb gefällt mir der vollkommen konträre Ansatz von Mann, einen Kinofilm zu machen, mit jedem seiner Filme besser. Viele andere Regisseure verstehen unter modernem Kino im besten Fall übertriebene Künstlerei, im schlechtesten schnelle Schnitte und verwackelte Action-Szenen. Mann hingegen betreibt trotz seiner revolutionären Herangehensweise im Endeffekt nur eine Evolution des Films. Er bringt Hollywood ins digitale Zeitalter, ohne die Seele seiner Filme der Technik zu verkaufen.

otalP
06.08.2009 21:00
0 7

Was kriegt Die Presse für diese Werbung?

Was kriegt Die Presse für diese Werbung?

Antworten Gast: Kinogeher
07.08.2009 07:26
1 0

Re: Was kriegt Die Presse für diese Werbung?

So wie vieles sind auch Filme Geschmackssache! Dem Schreiber hat der Film gefallen und das schreibt er!
Mehr nicht! Niemand wird gezwungen ins Kino zu gehen....
Terminator IV wurde auch verrissen und war trotzdem spannendes Kino!
Also was soll`s!

Antworten Gast: 0815
06.08.2009 21:42
0 0

Re: Was kriegt Die Presse für diese Werbung?

Haben Sie den Film etwa schon gesehen? Nicht das ich den Film kennen würde, ich erlaube mir allerdings auch nicht darüber zu urteilen.

0 2

Habe diesen film seit........

ca. zwei wochen auf dvd (asien macht es moeglich :) )...............

Antworten Antworten otalP
06.08.2009 23:00
0 1

Re: Re: Was kriegt Die Presse für diese Werbung?

Lesen Sie bitte nochmals meinen Kommentar: Habe ich ein Urteil über den Film abgegeben?

Zu Ihrer Frage: Nein, sowas schaue ich mir nicht an.

Tipp: Wenn man in der Nacht einen Schatten sieht, könnte es auch der eigene sein ... ;-)

Antworten Antworten Antworten Gast: 0815
06.08.2009 23:14
0 0

Re: Re: Re: Was kriegt Die Presse für diese Werbung?

Nunja, nachdem Sie die positive Kritik als Werbung auffassen muss man wohl daraus schließen, dass Ihrer Ansicht nach der Film schlechter als seine Kritik ist. Insofern impliziert dies eine Bewertung des Films

Antworten Antworten Antworten Antworten otalP
06.08.2009 23:34
0 2

Re: Re: Re: Re: Was kriegt Die Presse für diese Werbung?

Werbung wird zwar häufig wie hier plump verpackt (was mich bei einem Qualitätsmedium wie Die Presse schon etwas wundert), aber nicht immer. (Obwohl bei Hollywoodfilmen eine differenzierte Kritik schwer möglich ist, insofern ist Die Presse wieder aus dem Schneider).

Die Ausgangsfrage war aber nicht als indirekte Kritik gemeint, sondern so wie ich sie gestellt habe: Mich interessiert einfach, was man für so eine Werbung bekommt.