Nach Sex und Drogen nun der Rock 'n' Roll

„Hotel Rock 'n' Roll“ ist nach „Nacktschnecken“ und „Contact High“ der dritte Teil des Hedonismus-Triptychons von Michael Glawogger. Nach dessen Tod hat Hauptdarsteller Michael Ostrowski die Regie übernommen. Das passt.

Bei Tisch: Gerald Votava und Michael Ostrowski, bedient von Hilde Dalik.
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Bei Tisch: Gerald Votava und Michael Ostrowski, bedient von Hilde Dalik.
Bei Tisch: Gerald Votava und Michael Ostrowski, bedient von Hilde Dalik. – (c) Lunafilm

Die Eröffnungsszene von „Hotel Rock 'n' Roll“ ist zu gleichen Teilen narrative Ouvertüre und augenzwinkernder Abgesang: Mao (Pia Hierzegger) sitzt am Sterbebett ihres Altrocker-Onkels Waberl, der ihr in seinen letzten Atemzügen ein Hotel im steirischen Hinterland vermacht – mit der Bitte, sein Erbe weiterzuführen. Der Onkel wird gespielt von Willi Resetarits, sieht aber jemand anderem viel ähnlicher: dem österreichischen Regisseur Michael Glawogger, der 2014 bei den Dreharbeiten zu einem weltumspannenden Dokuprojekt einer Malariainfektion zum Opfer fiel. Es ist sein (Spielfilm-)Erbe, das hier weitergeführt wird; fast schon unheimlich, dass er die Waberl-Rolle ursprünglich selbst übernehmen wollte.

Mit „Nacktschnecken“ (2004) und „Contact High“ (2009) haben Glawogger und sein Ko-Autor/Hauptdarsteller Michael Ostrowski die Slacker-Komödie erfolgreich ins Österreichische transponiert. Erst ging es um Sex, dann um Drugs – fürs Hedonismus-Triptychon fehlte nur noch der Rock 'n' Roll. Als Glawogger starb, war das Drehbuch des dritten Teils fast fertig. Um diesen doch noch ins Kino zu bringen, hat sich Ostrowski selbst auf den Regiestuhl gewagt. Das Ergebnis kann nicht ganz mit seinen Vorgängern mithalten, doch dem Geiste Glawoggers bleibt es treu – und ist als heiteres Gedenkstück mehr mexikanische Totenfeier als friedliche Andacht.

Denn der Spaß an der Freude hat hier (zum Glück und wie gehabt) Vorrang gegenüber dramaturgischer Stringenz, trotz alibimäßiger Handlungshalterungen: Mit dem Hotel hat Mao einen Haufen Schulden geerbt, und die gilt es in kürzester Zeit abzubezahlen. Ihre „schwindlichen Freind“ Max (Ostrowski) und Jerry (Gerald Votava) sollen ihr dabei helfen, den heruntergekommenen Laden zu schmeißen und Geld in die maroden Kassen zu spülen. Da kommt nicht ungelegen, dass der sensible Strizzi-Hitzkopf Schorsch (fantastisch wie eh und je: Georg Friedrich) seine rote Corvette mit fetter Banküberfallsbeute versehentlich im Gartenteich versenkt. Was wiederum dessen piekfeinen Ganovenkollegen Harry (Detlev Buck) auf den Plan ruft – der betreibt nämlich nebenan den „Alpengasthof Alzheimer“. Damit wäre das Stammensemble der ersten beiden Filme versammelt – mit Ausnahme von Raimund Wallisch, der von Votava vertreten wird –, und die große Possenreißerei kann beginnen.

Es geht um nichts, darum ist alles erlaubt. Das titelgebende Hotel – eigentlich ein kleines Anwesen im Grünen – bildet mit seinen Velourstapeten und Tschocherl-Interieurs den abgeranzt-charmanten Dreh- und Angelpunkt für eine lässige Blödelparty, die sich immer weiter zuspitzt und zuweilen an die Hippie-Variante einer Heimatfilmklamotte aus den Sechzigern erinnert. Das Chaotische, Erratische, Anarchische, das schon „Nacktschnecken“ und die komplett überkandidelte Rauschreise „Contact High“ ausgezeichnet hat, ist auch diesmal leitendes Prinzip. Alles, was passiert, passiert zwischendurch, der Film stolpert von Szene zu Szene, was sich auch im Soundtrack niederschlägt – immer wieder werden Songs (u. a. von den Stooges und Wolfgang Ambros) kurz angespielt und brechen abrupt wieder ab. Statt ausgefeilter Pointen setzt es schrullige Sprüche, skurrile Details und improvisierte Faxen. Ob man die Vorgängerfilme kennt, spielt keine wirkliche Rolle, aber Fans werden mit Referenzen belohnt, manche davon offensichtlich (Schorschis Radarfallenhass), andere völlig obskur: In „Nacktschnecken“ schlug Mao beim Brainstorming für den Amateurpornoplot ein Szenario vor, „wo einer die Tür zuschmeißt, und dann wird aus dem Neuner ein Sechser“. In „Hotel Rock 'n' Roll“ findet man es wieder.

 

Das Lied: „Futschikato Masalani“

Und weil der Titel laute Gitarrenmusik verspricht, haben die Protagonisten diesmal eine Band, die ab und zu proben und zum Schluss ein kathartisches Freiluftkonzert geben darf. Ihr einziges Lied – die Nonsenshymne „Futschikato Masalani“ – ist glücklicherweise gut genug, um auch im Reggae- oder Punkgewand nicht fad zu werden. Musikern gehören auch die bizarrsten Gastauftritte des Films: Der Frontmann von Element of Crime, Sven Regener, darf als Pop-Priester psalmodieren, Rapper Skero gibt den Barpianisten, Schlagzeuger Lukas König wartet am Grund des Teichs als Unterwasseralb.

Das Einzige, was diesem Film fehlt, ist eigenständige Bildsprache: Trotz der Beteiligung von Glawogger-Kameramann Wolfgang Thaler sieht er aus wie eine TV-Produktion. Alles ist schön bunt, und die eine oder andere Spielerei (etwa ein Lichtschalter, der den Mond ausknipst) erinnert an die formalen Eskalationen von „Contact High“, doch die Inszenierung hebt nie so richtig ab. Das ärgert besonders, wenn eine Szene elektrisieren will. Wie die abschließende Open-Air-Sause, die bei aller Hingabe wirkt wie ein gekünstelter Kindergeburtstag. Aber die Chancen stehen gut, dass man bis dahin bereits Herz und Hirn an dieses Hotel verloren hat; dann wippt man trotzdem gern im Kinosessel mit.

Ein Interview mit Michael Ostrowski ist am 20. August erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2016)

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