Retro heißt das hässliche Zauberwort, mit dem sich ein Großteil der aktuellen Popkultur entschlüsseln lässt. Clubs spielen Synthie-Musik, Twix heißt Raider (in einer limitierten Edition!) und in den Kinos laufen renovierte Altwaren wie Wickie. Die Erinnerungsreservoirs der potenziellen Konsumenten werden gnadenlos angezapft: Denn was früher gut war und gefiel, das redet man sich heute um der Kindheit oder Jugend Willen schön. Und das nicht nur im Westen, sondern auch in Fernost.
The Good, the Bad, the Weird heißt ein aktueller südkoreanischer Unterhaltungsfilm, der sich nicht nur im Titel an Sergio Leones Meisterwerk The Good, The Bad and the Ugly (hierzulande: Zwei glorreiche Halunken)labt: Regisseur Kim Ji-woon kredenzt eine optisch eindrucksvolle Italowesternvariation, die allerdings weniger Hommage als Collage ist.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Die archetypische Figurentriangel aus dem Titel, chic frisiert und attraktiv inszeniert, jagt einer geheimnisvollen Schatzkarte hinterher und wird von der japanischen Armee und chinesischen Banditen verfolgt. Leones Original wird im referenzberauschten Werk Dutzende Male heraufbeschworen: Musik, Ausstattungsdetails und Dialogexzerpte des Klassikers sollen den Zuseher an vergangene Sehfreuden erinnern.
Ein Western wie eingelegter Chinakohl
Regisseur Kim Ji-woon beschreibt seinen Film als „Kimchi-Western“ (Kimchi meint ein südkoreanisches Nationalgericht aus eingelegtem Chinakohl): Die Mandschurei der Vierzigerjahre dient ihm als Analog zum westlichen Niemandsland, das noch nicht geteilte Korea wird von den Japanern besetzt gehalten. The Good, the Bad, theWeirdhegt jedoch nur oberflächliches Interesse an der explosiven geopolitischen Konstellation: Irgendwann rennt ein Mann durchs Bild, plärrt „Free Korea!“, fängt eine Watschen und fällt gegen die Wand. Dem Spaß sollte man im südkoreanischen Kino nicht im Wege stehen. Die dortige Unterhaltungsmaschine läuft geschmeidig, die Filme sind gelackter als die aus Hollywood.
Der Italowestern besteht nur mehr als eine Referenzquelle unter hundert möglichen: ein einsamer Rächer, ein kreischendes Mädel, dazu viel peng, peng. Dabei verhält sich The Good, the Bad, the Weird zum Leone-Original wie Stephen Sommers „Die Mumie“ (1999) zum klassischen Monsterfilm: Beide sind schlechte Coverversionen.
Wie man's besser macht, hat der japanische Regieexzentriker Takashi Miike 2007 vorgeführt. In seiner hintersinnigen Genrerenovierung Sukiyaki Western Django resümierte er die Kinomagie des Italowestern in faszinierenden Sequenzen. Seine japanischen Pistolenschwinger sprechen gebrochenes Englisch (Tribute an die groteske Synchronisation der Italowestern). Die Arbeiten von Sergio Leone sind große Tragödien: Das hat Kim Ji-woon nicht verstanden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2009)
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