Das dumpfe, beunruhigende elektronische Dröhnen und eine Titelkarte, auf der Antichrist in wie von einem Geisteskranken hingekrakelten Lettern (das „t“ wird dabei zum Venussymbol) steht, scheinen eingangs zu verkünden, dass es Lars von Trier, dem ach so verspielten Enfant terrible, diesmal todernst damit ist, sein Publikum in Angst und Schrecken zu versetzen.
Dann kommt es knüppeldick mit der Urszene des Grauens für diesen Film: „Er“ (Willem Dafoe) und „Sie“ (Charlotte Gainsbourg) sind unter der Dusche miteinander zugange. In Superzeitlupe dreht sich die Waschmaschine und wird in Großaufnahme penetriert – indes im oberen Stockwerk das unbeachtete Kind aus dem Fenster klettert und samt Teddybär zu Tode stürzt. Arrangiert ist das in hingebungsvoller Parallelmontage als superschicker Kunstgewerbe-Videoclip zu Händels Arie „Lass mich beweinen mein grausames Schicksal“ in einem gelackten Schwarzweiß, wie man es von Modewerbungen kennt. Wie todernst kann es von Trier wirklich meinen?
Garantiert keinen Spaß haben die Charaktere dieses Zweipersonenstücks: Er und Sie begeben sich zur Traumabehandlung in eine abgelegene Waldhütte namens Eden – und machen sich das Leben zur Hölle. Der selbstgefällige, zu hypnotisch monotonen Verkündigungen neigende Psychotherapeut und die zusehends hysterische Historikerin mit besonderem Interesse am Okkulten zerstören einander systematisch.
Sie forscht über Hexenverbrennung
Im schön surrealen Märchenwald, wo Tiere sprechen und auch sonst allerhand Seltsames aus dem Nebel auftaucht (gern vom unguten Elektrodröhnen begleitet), werden Psychologie und Psychoanalyse kurzerhand der Parodie überantwortet: Er steigt, obwohl er penetrant Rationalismus predigt, mit seiner Patientin ins Bett, sie schreit bald darauf eines Morgens „Du liebst mich nicht mehr!“ – und beginnt ihre Forschungsarbeit zu Hexenverbrennung und „Gynozid“ gänzlich neu zu deuten. Sollte es gar stimmen, was ein abergläubisches Patriarchat seit dem Mittelalter über Frauen verkündet hat?
Die Konfrontation der Geschlechter (bzw. von „Natur“ und „Vernunft“) kulminiert in schwerem Missbrauch von Werkzeug, Metaphern: Die viel zitierten überspitzten Eingriffe an den Sexualorganen werden jedenfalls von der Szene übertroffen, als der allegorische (Schleif-)Stein am Bein ganz buchstäblich angeschraubt wird. Bei allem Getue wegen der blutigen Bilder in der (irgendwann ermüdend) die Exzesse eskalierenden zweiten Hälfte und der Regisseurs-Aussagen über seinen Film als persönliche Depressionstherapie ist die gleichermaßen hirnrissige wie abstrakt hintersinnige Heiterkeit vieler Details von Antichrist unleugbar – bis in den Abspann, wo von Trier extra einen Berater in Gynozid-Fragen ausweist.
Die abschließende Widmung des Films gilt hingegen dem russischen Kino-Metaphysiker Andrei Tarkowski: Abgesehen vielleicht von der Naturmystik ebenso irreführend wie die von verblüffend einfach zu beeindruckenden Kritikern herbeizitierten Verweise zwischen Kunstgeschichte und Kubrick. Als alte Spielernatur treibt von Trier zwar sein durchaus persönliches und pervers unterhaltsames Unwesen mit dem historischen Erbe und suggeriert einen Über-Horrorfilm in der Art von Shining, aber es kommt nicht mehr dabei heraus als eine zur Groteske aufgeblasene Genre-Übung mit dem alten Motto épater la bourgeoisie: Wie die Reaktionen belegen, genügen offenbar eine mittelprächtige Anwendung der ungustiösen Mittel derzeitiger Folterhorrorfilme und ironisch überhöhte Frauenfeindlichkeit als Bürgerschreckstrategie.
Ergiebiger als Schockdebatten und Konzeptkunst-Diskurse wäre eine Rückschau in ein von der Intelligentsia vernachlässigtes Gebiet: Es ist unwahrscheinlich, dass der dänische Regie-Schlawiner den Titel seines Films gewählt hat, ohne einen Vorläufer zu berücksichtigen: Antichrist war auch der internationale Titel des zu Unrecht vergessenen psychedelischen italienischen Horrorfilms L'Anticristo, den Alberto de Martino 1974 im Gefolge des Welterfolgs von Der Exorzist inszenierte. Die Parallelen sind bemerkenswert. Auch der alte Film beginnt mit einer orgiastisch orchestrierten Szene, die in einem Todessturz endet und ihren Schatten über die Handlung wirft: Bei einer Jesusprozession in Italien greift Besessenheit um sich, ein Ehepaar wird Zeuge, wie sich ein Wahnsinniger vom Mauersims wirft. Die traumatisierte Frau erinnert sich dann unter Hypnose an ein vergangenes Leben: Im Mittelalter wurde sie als Hexe verbrannt. Die frühere Inkarnation ergreift wieder von ihr Besitz, was zu mörderischer Erotik führt und Exorzisten auf den Plan ruft. Im Prinzip ist schon alles da, was der neue Film verwendet: Surreale Bilder samt Tiererscheinungen, patriarchale Unterdrückung und psychologische Ängste, sexuelle Symbole – sogar von Triers Bild von sich nach Nackten streckenden Händen mitten im Wald wird vorweggenommen – sowie die großspurige und selbstverständlich zum Scheitern verurteilte Anrufung von wissenschaftlicher Ratio als Allheilmittel gegen die dämonische Besessenheit.
Auch am alten Antichrist ist vieles bizarr, aber im Gegensatz zum neuen erschöpft er sich nicht exklusiv in postmoderner Provokation. Ebensolche macht aber heute offenbar mehr her: Das ist, wenn man so will, Lars von Triers satanischer Triumph.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2009)

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