Woody Allen ist zurück auf vertrautem Terrain. Seine letzten vier Filme hat der New Yorker Regisseur in Europa gedreht: drei davon in London, einen in Spanien. Aufgrund der hohen Produktionskosten in seiner Heimatstadt. Whatever Works eben: Was auch immer funktioniert. So lautet auch der Titel seiner 40.Regiearbeit: Allen ist ein Pragmatiker, Film ist für ihn weniger Kunstwerk als ein selbsttherapeutisches Instrument. Nicht zuletzt daher stellt er jedes Jahr einen fertig: wie am Fließband. So gehört sich das für einen Vorzeigeneurotiker.
Whatever Works basiert auf einem Drehbuch, das Allen in den Siebzigerjahren verfasste: Gemessen am Wortschmäh und der bittersüßen Tonalität passt es gut zwischen Der Stadtneurotiker (1977) und Manhattan(1979). Boris Yelnikoff ist ein Grantscherben: Der pensionierte Physiker mit einem IQ jenseits der 200 (laut eigenen Angaben) lebt in einer Wohnung in New Yorks Greenwich Village. Den meisten seiner Mitmenschen fühlt er sich überlegen: Er sieht, was andere nicht sehen, weiß, was andere nicht wissen, hat einfach verstanden, wie die Welt sich zusammensetzt. How everything works.
Wie könnte es anders sein: Allen eröffnet die als romantische Komödie angelegte Misanthropen-Farce mit einem Straßenbild aus seiner Stadt: Yelnikoff hockt mit alten Herren vor einem Laden, bespricht das Leben, erhebt sich plötzlich vom Stuhl und redet in die Kamera: Das Durchbrechen der Barriere zwischen Darsteller und Zuschauer galt lange Zeit als dramaturgisch riskant. In der durchironisierten Meta-Medienwelt der Gegenwart ist es nur mehr ein Gag unter anderen: Der Ungustl empfiehlt den Zusehern, keinen Wohlfühlfilm zu erwarten. Obwohl Whatever Works genau ein solcher ist.
Der jüdische Starkomiker Zero Mostel hätte Yelnikoff in den Siebzigern gespielt, heute macht es Larry David. Gute Wahl. Der „Seinfeld“-Erfinder mit dem weißen Haarkranz lässt die Figur zwischen monologischen Stand-Up-Routinen und pointierten Dialogen rotieren, gefährdet dabei kaum den Fluss des Films. Kein Wunder: David ist in englischsprachigen Ländern ein Superstar unter den Mieselsüchtigen und dazu im Spiel mit verschiedenen Realitäts- und Erzählebenen erprobt. Seine bahnbrechende Serie „Curb your Enthusiasm!“ (also „Drossle deine Begeisterung!“) läuft seit 2000: In ihr spielt David eine Version seiner selbst, die dank „Seinfeld“-Meriten ein luxuriöses Leben in Los Angeles führt, doch der Welt mit Spott und Missachtung begegnet. Tief drinnen also ein Verletzter, ein Verunsicherter.
Verliebt in den sarkastischen alten Sack
Sein Yelnikoff in Whatever Works ist eine leicht abgewandelte Version davon. Allen schnürt ihn mit dem größtmöglichen Gegensatz zusammen: Die 21-jährige Südstaatlerin Melodie (entzückend: Evan Rachel Wood) bittet um Hilfe, Yelnikoff gewährt sie ihr – nach langem Zögern. Die junge Frau verbringt eine Nacht auf seiner Couch, vermag aufgrund ihres beschränkten Horizonts nicht, die sarkastischen und beleidigenden Kommentare des alten Sacks als solche zu dechiffrieren – und verliebt sich schließlich in den genialen Grantler.
Und als auch noch Melodies geschiedene neurotische Eltern (wundervoll: Patricia Clarkson & Ed Begley jr.) in Yelnikoffs New Yorker Wohnung einfallen und in der Großstadt ihr neues Glück suchen und finden (sie als Avantgardekünstlerin, er in einer schwulen Beziehung), resümiert Allen via Yelnikoff: „Welche Liebe man auch immer bekommen und weitergeben kann, welches Glück man auch immer klauen oder bereitstellen kann, was auch immer funktioniert.“
■Woody Allen (*1935 als Allan Stewart Konigsberg in Brooklyn, New York) begann schon als Teenager im Showbusiness. In den Sechzigerjahren gelang ihm der Durchbruch als Stand-Up-Komiker, bald wechselte er zum Film und wurde mit Klassikern wie Der Stadtneurotiker zur Ikone. Unermüdlich dreht Allen noch immer einen Film pro Jahr: Der nächste wird gerade fertig gestellt und heißt You Will Meet a Tall Dark Stranger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2009)

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