60. Berlinale: Wiens Polizei davongelaufen

Die Austro-Koproduktion „Der Räuber“ beeindruckt im Wettbewerb, Martin Scorsese verstört mit einem Thriller, und Künstler Banksy veralbert seine Welt.

Graffiti-Künstler Banksy
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Graffiti-Künstler Banksy
(c) Berlinale

Bumm, bumm, bumm. Furios fressen sich Trommelschläge ins Hirn, prägen die Wahrnehmung vom Rettenberger Hans, der läuft und läuft und läuft; durch Wien, über Wiesen, durch Wälder. Er ist Der Räuber, die Hauptfigur von Benjamin Heisenbergs österreichisch-deutschem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Buch von Martin Prinz, einer Fiktionalisierung des spektakulären Falls des Bankräubers und ausgezeichneten Marathonläufers Johann Kastenberger (alias „Pumpgun-Ronnie“), der sich am Ende der größten Fahndung der österreichischen Nachkriegsgeschichte eine Kugel in den Kopf jagte.

Wieso Rettenberger nach seiner siebenjährigen Haftstrafe wieder rückfällig wird, erzählt der Film nicht. „Es ist ein apsychologischer Charakter. Wir haben es eher mit einem Phänomen zu tun“, sagt Heisenberg. Es ist die Stärke seines Films, die Hauptfigur nur über Beobachtungen zu zeichnen. Das Ausnahmetalent von Hauptdarsteller Andreas Lust macht diesen Stoiker und Solipsisten für ein Publikum nachvollziehbar: „Er will sich auflösen“, sagt der Darsteller über seine Figur. Nach der Entlassung quartiert ihn die AMS-Beamte Erika (still und verzweifelt: Franziska Weisz) in ihrem Wiener Altbau ein und verrät ihn an die Polizei, als sie bemerkt, dass Hans wieder abrutscht.

 

Eine Figur wie ein exotisches Tier

Heisenberg lässt keinen Zweifel daran, dass sein Räuber nicht anders kann: Er beschreibt mehr einen Seinszustand als eine Figur, mehr ein Wesen als einen Menschen. Wenn er läuft, dann „wie ein Wolf, den wir verfolgen“. Man bewundert ihn wie ein exotisches Tier, das den heimischen Bürokraten immer wieder durch die Finger schlüpft, gegen dessen windschnittige Physis die Schwerfälligen zwischen Schrebergartensiedlung und Polizeiinspektion kaum etwas ausrichten können: „Derjenige, der einen Beamten tötet, da wird die Polizei natürlich besonders energisch“, singsangt ein wuchtiger Oberkommissar (gespielt von einem ehemaligen Wiener Oberkommissar), bevor Rettenberger beim Verhör aus dem Fenster springt und wieder losrennt. „Irgendwann geht ihm die Luft aus“, hofft man da noch.

Der Räuber spiegelt die Widersprüchlichkeit der Hauptfigur auf jeder Ebene wider: Reinhold Vorschneiders exzellente Kameraarbeit ändert sich mit der Laufgeschwindigkeit der Handlung, schaltet mühelos um vom Statischen aufs Dynamische (atemberaubend: eine Verfolgungsjagd durch Wiener Untergeschoße) und wieder zurück, während Lorenz Dangels Soundtrack vom primitiven Herzschlag-Trommelrhythmus zur schöngeistigen Klassik reicht.

Szenenbild aus ''Der Räuber''
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Szenenbild aus ''Der Räuber''
(c) Berlinale

Die Zeit der einfachen Erklärungen und schnell konsumierbaren Sinnhaftigkeit im Weltkino scheint jedenfalls vorbei: Global regiert das Unsicherheitsgefühl, auf der Berlinale erheben sich die großen Stilisten aus dem Dämmerschlaf. In Martin Scorseses halluzinatorischem Horrorthriller Shutter Island nach dem Roman von US-Autor Dennis Lehane taucht gleich zu Beginn ein Boot aus einer Nebelwand auf: Mit der Ankunft auf der titelgebenden Insel betritt US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) eine „Twilight Zone“. Im Jahr 1954 ist aus einer von zwei Ärzten (Ben Kingsley und ein großartiger Max von Sydow) geführten Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eine Patientin verschwunden. Daniels untersucht und gerät immer tiefer in einen Abwärtsstrudel, in dem sich sämtliche Gewissheiten verflüchtigen und letztendlich sogar die Identitäten aufzulösen drohen.

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„Ist die Kunst ein großer Witz?“ – JA!

Maestro Scorsese ist einer der letzten klassischen Expressionisten der Traumfabrik. In Shutter Island frönt er seiner cinephilen Leidenschaft für hintersinnige Nachtschattengewächse von B-Filmproduzent Val Lewton (besonders Isle of the Dead und Bedlam),bastelt eine überbordende Phantasmagorie: Das Kino ist ein Zauberraum, Scorseses Stilmittel sind metaphysische Instrumente. Reale Umgebungen verwandeln sich ohne Ankündigung in surreale Landschaften: Die Primärfarben des Schreckens, Rot und Grün, leuchten hinter Ecken hervor, es regnet Blut und Asche, aus Zugwaggons ergießen sich die toten, erfrorenen Körper von KZ-Insassen auf den Boden, erstarren zur Eisskulptur. Scorsese verstört, indem er einem den Boden der Vernunft unter den Füßen wegreißt, Wirklichkeit und Fantasie parallel laufen lässt und gerade so zur Wahrheit findet: „Was ist schlimmer: Als guter Mensch zu sterben oder als Ungeheuer zu leben?“, fragt DiCaprio gegen Ende, und kennt die Antwort schon so gut wie die Zuseher.

Mit Verunsicherungen kennt sich auch der britische Street-Artist Banksy aus: Seit über 15 Jahren sprüht, klebt und hängt er seine Arbeiten an die Häuser der Welt. Als stets vermummter Mystery Man eignet er sich pop- und hochkulturelle Artefakte vom Werbeslogan bis zum klassischen Gemälde an, deutet sie um und pflanzt sie als subversive Irritationskunst mitten in den Alltagsfluß. Banksys erster Film, Exit through the Gift Shop, veralbert die gediegene Museumskultur mit ihren Souvenirläden schon im Titel, ist aber alles andere als eine klassische Dokumentation. Ausgehend vom Franzosen Thierry Guetta alias „Mr. Brainwash“, der die Street-Art-Szene über ein Jahrzehnt mit der Analogkamera begleitet hat und schließlich selbst ein Teil davon wird, stellt Banksy die Frage: „Ist Kunst nur ein großer Witz?“

Am Ende des Films, das tonnenweise rares Material vom Entstehen der Guerillawerke präsentiert, antwortet man laut JA! Wo Banksy in der ersten Filmhälfte dem originären Impuls einer innovativen Bewegung nachstellt, sieht man in der zweiten dessen Markteinschlag: Eingerahmt und versteigert von Sotheby's und verehrt von Brangelina, verlässt die Street Art die Straße, wird zum Collector's Item, zur Spielwiese von Eklektikern wie Thierry Guetta. Der hat aus seinen Beobachtungen gelernt, imitiert in seinen Werken befreundete Künstler, verschafft sich mediale Aufmerksamkeit und verdient mit der ersten Ausstellung Millionen. Was übrig bleibtist die Gewissheit, dass nichts gewiss ist: Kunst ist Kapital, die Wirklichkeit ein Traum, der Albtraum die Wirklichkeit. Oder? 

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Berlinale

„Der Räuber“ ist der erste Wettbewerbsfilm mit österreichischer Beteiligung in Berlin, die beiden anderen laufen am Donnerstag: „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ mit Tobias Moretti vom Deutschen Oskar Roehler sowie „Auf dem Weg“ („Na putu“) von der Bären-Gewinnerin Jasmila ?bani? aus Bosnien.

Favoriten gab es keine nach dem ersten Wochenende. Zwar erregte Roman Polanskis Politkrimi „The Ghostwriter“ Aufsehen, doch eher weil der Regisseur ausblieb: Er sitzt noch immer im Schweizer Hausarrest. Mehr Beachtung galt Filmen außer Konkurrenz: Das Bollywood-Epos „My Name is Khan“ mit Shahrukh Khan, Scorseses starbesetzter „Shutter Island“ und die Doku „Exit Through the Gift Shop“ von Künstler Banksy, der zwar das Geheimnis um seine Identität nicht lüftete, aber eine Videobotschaft mitschickte – sein Bild blieb selbstverständlich verzerrt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2010)

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