Wird Werner Herzog in der Hölle sterben? Der bayerische Filmemacher, populär für seine Klaus-Kinski-Kollaborationen wie Fitzcarraldo und Aguirre, ist ja berüchtigt dafür, abenteuerliche Herausforderungen zu suchen – ob bei Dreharbeiten oder im Privatleben (gern verbindet er beides: 2007 verbrachte er zur Vorbereitung für den Dokumentarfilm Encounters at the End of the World vergnügte Monate in der Antarktis). Aber selbst Herzogs berüchtigte Dschungeleskapaden mit Kinski verblassen gegen die Verdammnis, die ihm für sein Remake des Kultfilms Bad Lieutenant (1992) angedroht wurde. Denn dessen Regisseur Abel Ferrara, ein ebenso exzentrischer Gesell wie Herzog, schäumte wegen der Neuauflage: Herzog und Konsorten (darunter der Produzent des Originals) mögen „in der Hölle sterben“.
Als Herzogs Version mit dem ausufernden Titel Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleans (auf Deutsch: Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen) 2009 im Wettbewerb von Venedig uraufgeführt wurde, munkelten Voreilige schon von der anstehenden handgreiflichen Auseinandersetzung der Autorenfilmer: Auch Ferrara war da, um sein Dokudrama Napoli Napoli Napoli zu zeigen.
Cages Cop plagen symbolschwere Qualen
Zur Konfrontation kam es jedoch nicht, dafür lud Herzog Ferrara zum Film und einem anschließenden Gespräch bei einer Flasche Whisky ein: „Obwohl es Spekulationen gab, bevor irgendjemand den Film gesehen hat, ist Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleanskein Remake“, schrieb Herzog im Festivalkatalog. Typischer Nachsatz: „Allerdings ist es das Wesen solcher Spekulationen, die Tatsachen zu überdauern. So sei es.“
In Ferraras Seelenkrimi war die Krise des Titelhelden auch eine Glaubensfrage: Sein getriebener New Yorker Polizist (enthemmt: Harvey Keitel) war ein abgefallener Katholik. Bei Herzog geht es weltlicher, wenn auch unglaublicherweise noch etwas hysterischer zu: Ein hinreißend geistesgestörtes Genrestück, zugeschnitten auf seinen absolut entfesselten Hauptdarsteller Nicolas Cage. „Zu unserer Bestürzung stellten wir so gut wie gleichzeitig fest, dass wir noch nie zusammengearbeitet hatten; wir fanden es seltsam“, so Herzog. Ob die beiden sonst etwas seltsam finden, bleibt nach ihrem entwaffnend unverfrorenen Thriller offen.
Cages Cop plagen nicht spirituelle Qualen, sondern physische (wenn auch symbolschwere): Im Vorspann rettet er widerwillig während der Überflutung von New Orleans durch Hurrikan Katrina einen Gefangenen, wegen der resultierenden Rückenschmerzen wirft er Medikamente und Drogen en gros ein: Herzog, bekanntlich kein Freund von illegalen Substanzen, reduzierte die einschlägigen Szenen, wenn auch nicht die halluzinatorische Dynamik. Der Titelheld neigt zu unguten Auftritten mit Waffenschwenken in der Apotheke, gierigen Übergriffen an trippenden jungen Clubbern und den Freiern seiner koksenden Prostituiertenfreundin (einfach entspannt: Eva Mendes). Bei Ermittlungen wegen der Ermordung eines illegalen Einwanderers klemmt der Cop dieweil unter anderem unkooperativen alten Damen die Sauerstoffzufuhr ab.
Tote tanzen und Leguane singen
Cage geht gebückt und reagiert verrückt: Sein spezieller Hang zur stummfilmhaften Extravaganz passt perfekt zu Herzogs charakteristischem Irrwitz. Gemeinsam sprengen sie die Grenzen der Krimikonvention, übertreiben erst genussvoll Klischees, dann wuchern absurde Details und verblüffen seltsame Schlenker: Cage präsentiert wie selbstverständlich seine „lucky crack pipe“, sieht zu flotten Cajun-Klängen den Geist eines Erschossenen beim Breakdance neben der eigenen Leiche oder einen Leguan, der wie Tom Jones singt. Diese Echsenspezialaufnahmen hat Herzog persönlich besorgt: „Leguane sind so dumm und bizarr – ich liebe sie einfach. Das sind die besten Momente des Films“, erzählte der Regisseur bei der Venedig-Pressekonferenz neben seinen brav lächelnden menschlichen Stars.
Ein anderer heimlicher Star des Films ist der Schauplatz: New Orleans, halb leer, zerstört, noch immer verschlammt – ein guter Platz, nicht nur um Leichen zu loszuwerden. Die ruinöse Atmosphäre spiegelt die Charakterdefizite von Cages Cop: Im heimtückischsten Handstreich Herzogs werden die mit märchenhaftem Enthusiasmus einfach erlösend ausgehebelt. Eine Serie von Schlusspointen stellt alle Erwartungen auf den Kopf – und der Held die denkwürdige Frage: „Ob Fische träumen?“ Wenn, dann sähen die Resultate aus wie dieser Film.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2010)
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