Es gibt diesen einen Moment, in dem die matronenhafte Regentin Caterina de‘ Medici ihre laszive Tochter Margot übers Knie legt, ihren Rock hochreißt und ihr voller Lust und Wut in die Arschbacke beißt. Da wittert man in Jo Baiers Henri 4 einen Hauch von jenen exzessiven Historienfilmen, die das europäische Kino in den 1960er- und 1970er-Jahren zustande brachte. Wenige Sekunden später, als sich der Wahnsinn lichtet und die harte Logik eines deutschen Fernsehspiels – aufgerüstet zur 20-Millionen-Euro-Koproduktion, die es mit Hollywood aufnehmen will – erneut regiert, bricht alle Glückseligkeit beim Betrachter wieder in sich zusammen, bleibt nichts als Fassungslosigkeit.
Kitsch und dramaturgische Ineffizienz
Und zwar ob des pragmatischen Historiendonners, den Drehbuchautor Baier aus Heinrich Manns Fiktionialisierung des Lebens von Heinrich (Henri) von Navarra ableitet. Ob der Kitschornamente und der überkandidelten Schauspielleistungen, dargeboten nicht zuletzt von Bekannten und Beliebten des deutschsprachigen Films wie Joachim Król (als Henris ewig treuer Agrippa) und Ulrich Noethen (als hysterischer französischer König Karl IX). Und ob der dramaturgischen Ineffizienz dieses Koproduktionsbombers, der sich von Episode zu Episode hangelt, aber vergisst, dem Gezeter über Intrigen, Hochverrat und Rebellion so etwas wie ein Hauptthema, geschweige denn einen emotionalen Anker zu verleihen.
Das mag mitunter darin begründet liegen, dass es sich bei Henri 4 um einen "Amphibienfilm" handelt, einen, wie der Name schon sagt, hybridartigen Produktionsmodus, bei dem zwecks Lukrierens eines höheren Budgets gleichzeitig eine Kinofassung sowie eine – üblicherweise mehrteilige – Fernsehversion hergestellt werden. Das Ergebnis ist eine ästhetische wie inhaltliche Kompromisslösung: Der Zuschauer wird intellektuell unterfordert, jede Figur und jeder Handlungsstrang werden bis ins kleinste Detail ausbuchstabiert, und statt auf Nuancen setzt man auf leicht identifizierbare Charaktere: Henri von Navarra (passgenau: Julien Boisselier) bleibt über 155 Minuten lang eine Erlöserfigur, die sich gegen die wechselnden Intrigen durchsetzen muss und eine Verbrüderung zwischen den erzkatholischen Aristokraten in Paris und seinen Hugenotten anstrebt.
Anstatt das Spekulative und damit das Vulgäre anzustacheln und aus Henri 4 eine Pulp Fiction mit wippenden Brüsten, edlen Rittern und finsteren Regentinnen zu machen, will Baier seine Verdummungsstrategie auch noch kaschieren, streut wie zum Beweis dafür Kurzauftritte von respektierten Kapazundern wie Katharina Thalbach oder Paulus Manker in seine fade Seifenoper: Letzterer versucht als spitzzüngiger Vatikangesandter, dem neuen französischen König Henri IV. die römisch-katholische Kirche auf den Nebenthron zu setzen, scheitert und schiebt ein mörderisches Komplott an. Ein kurzer Moment des Glücks im Stahlbad der europäischen Koproduktionen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2010)
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