Schicke Designercouch, stramme Messersammlung, säuberlich aufgehängte Anzüge – willkommen in der Yuppie-Welt von Frederik Feinermann. Es scheint, als hätte jemand seinen „American Psycho“ aufmerksam gelesen. Bret Easton Ellis' Albtraum vom Wall-Street-Broker, der seine Schickimicki-Leere durch Morde auffüllt, kommt nicht nur optisch in den Sinn bei Maximilian Erlenweins Film Schwerkraft. Hier ist es ein Banker mit Doppelleben, aber die Buhmänner der Wirtschaftskrise eignen sich derzeit auch besser.
Frederik Feinermann (Fabian Hinrichs) ist also ziemlich angeödet, nicht nur vom Nippes seiner Kollegen, und vertreibt sich die Abende damit, seine Exfrau (Nora von Waldstätten) zu beschatten. Seltene Höhepunkte sind es, wenn er Kreditnehmern sagt, dass „es gar nicht gut aussieht“. Da wünscht ihm seine verhassteste Kollegin dann „viel Vergnügen“. Kann ja keiner damit rechnen, dass es einmal einer dieser Schuldner nicht so vergnüglich findet, vor dem Nichts zu stehen, und sich vor Feinermanns Augen erschießt. Das bringt den so aus der Balance, dass er in einem Elektromarkt den Slogan „Geiz ist geil“ ernst nimmt und eine CD mitgehen lässt.
Seltsames Happy End
Dabei trifft er auf einen alten Bekannten, Vince (Jürgen Vogel), einen Ex-Kleinganoven. Diesen Vince ernennt Feinermann nun munter zu seinem Mentor in Sachen Kriminalität. Nachdem er die Aufnahmsprüfung „Willkürlich ausgewählte Skins vermöbeln“ bestanden hat, gehen sie auf Raubzug bei Feinermanns Bankkunden, über deren Vermögensverhältnisse er bestens Bescheid weiß. Dadurch gewinnt der Banker so viel Mut und Kraft, dass er nicht nur im Ringen auf dem Firmenparkplatz besteht, sondern sich auch Exfrau Nadine wieder anzusprechen traut. Der sagt er: „Normalsein, das ist was für Arschlöcher!“, und sie glaubt es. Kunststück, die bestellt ja auch im Restaurant vier Getränke gleichzeitig und dazu „'nen Keks“. Das geht alles ganz gut, bis Vince natürlich die kriminelle Vergangenheit einholt, aber zumindest für Frederik und Nadine ein seltsames Happy End herausschaut.
Die Vorbilder von Regisseur Erlenwein sind offensichtlich die Gebrüder Coen sowie Quentin Tarantino und wohl auch Aki Kaurismäki. Das ist oft nervig und stereotyp, führt aber auch zu ganz schönen Szenen wie jener, in der die verhassteste Kollegin im Büro in ein mit Tixo zugeklebtes Gesicht vom mittlerweile total naturbreiten Feinermann spricht. Oder jene, in der der Banker seine polnische Putzfrau sozusagen nötigt, mit ihm seinen kolumbianischen Espresso zu trinken. Da erzählt er der nicht deutschsprachigen Frau im beiläufigen Smalltalk-Ton, wie sich ein Mann vor seinen Augen umgebracht hat, und sie sagt freundlich „Gut, schön“, als würde er noch immer von seinen importierten Bohnen plaudern. Schwerkraft kann man deshalb wohl weniger als Kommentar zur Wirtschaftskrise sehen, denn als Plädoyer für die verfrühte Midlife-Krise in der Wohlstandsverwahrlosung. Und doch immerhin versöhnlicher als „American Psycho“. Ab Freitag im Kino
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2010)
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