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Inception: Der Granatwerfer der Traumfabrik

27.07.2010 | 18:44 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Leonardo DiCaprio als Traumdieb. Christopher Nolans Thriller bietet ein Effektespektakel und Sudoku-Spannung für Rätselfreunde. Aber die Konzepte sind haltlos überbestimmt und oft am Rande der Banalität.

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Als designiertes Hollywood-Filmereignis des Sommers war Christopher Nolans Thriller Inception vorab von großem Theater und großer Geheimnistuerei umgeben: Sogar im Trailer blieben die Rätsel des Films unangetastet, hieß es vielerorten. Stimmt nicht ganz. Denn es gibt darin eine Szene, in der die von Tom Hardy gespielte Figur sagt: „You mustn't be afraid to dream a little bigger, darling.“ Und zum Granatwerfer greift.

Das bringt Nolans Film nämlich auf den Punkt: Als aktuelle Blockbuster-Action ist es wohl ein monumentaler Entwurf mit einer Reihe virtuoser technischer Kabinettstückerln und einer Rästelknacker-Konstruktion, die zumindest im Umfang Nolans bisherige Zeit- und Strukturspielereien wie Memento weit hinter sich lässt. Ein Film über Ideen ist es trotzdem nicht wirklich. Genauer gesagt: Inception entfaltet sich zwar als Ideenfilm, aber die Konzepte sind haltlos überbestimmt und oft am Rande der Banalität. Es handelt sich sozusagen um den Granatwerfer unter den Traumfabrik-Sommerfilmen.

Aus Träumen fabriziert Nolan den Vorwand für die eindrucksvoll verschachtelte Version eines Einbrecherkrimis: „Mental espionage“-Spezialisten wie Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) stehlen Informationen aus dem Unbewussten anderer Menschen, indem sie auf komplizierte Weise in Träume eindringen. Ein Expertenteam mit Traumarchitektin (Ellen Page), Verwandlungskünstler (Tom Hardy) u.a. assistiert Cobb beim größten und (natürlich) letzten Coup: Er soll nicht Wissen stehlen, sondern einem Konzernerben (Cilian Murphy) einen Gedanken einpflanzen. Angeblich um die totale „Weltherrschaft über die Energie“ zu verhindern, aber das ist nicht weiter von Belang. Jedenfalls erfordert es ein ausgeklügeltes Traum-im-Traum-im-Traum-Manöver, das Nolan später hübsche Kunstgriffe erlaubt, etwa weil die Zeit auf verschiedenen Traumebenen verschieden schnell abläuft.

Escher-Stiegen werden Wirklichkeit

Die Traumarchitektin muss erst eingeschult werden: So wird viel mühsames Erklären der Regeln für den akrobatisch ambitionierten Showdown mit spektakulären Effekten aufgelockert. Eine Pariser Straßencafészene löst sich plötzlich in die Bestandteile auf, die fliegen den Figuren als Digitalschnitzel in Zeitlupe um die Ohren. Dann klappt ein ganzes Arrondissement hoch, und man schreitet einfach in der Senkrechten weiter. Trompe-l'œil-Stiegen à la Escher werden Wirklichkeit. Niedlich, nur beherzigt Nolan selbst nicht den wichtigsten Rat, der dabei für das Erschaffen von Träumen erteilt wird: Wichtiger als das Visuelle sei das Gefühl.

Angesichts der eindimensionalen Charaktere fällt echte emotionale Beteiligung nämlich schwer: Nolan hat sich immer mehr für knifflige Probleme interessiert als für Menschen, darum sind die reichsten Figuren in seiner Filmografie auch ein Mann im Fledermauskostüm und dessen Widersacher. In Inception fehlt gerade der entscheidenden Beziehung zwischen Cobb und seiner Frau (Marion Cotillard) die Substanz, was noch fataler auffällt, weil DiCaprio fast die gleiche gequälte Rolle spielt wie eben in Martin Scorseses (besserem) Shutter Island.Ein Trauma plagt ihn und manifestiert sich in Gestalt seiner toten Gattin, die in den Träumen auf- und seine Pläne durchkreuzt.

Statt das Finale zum Furioso zu steigern, sind diese Szenen einer Ehe eine Hemmschwelle im Montage-Gewitter, das teils mit schön surrealen Resultaten zwischen den Traumebenen herumspringt. Wie sich die Puzzleteile ineinanderfügen, erzeugt sozusagen Sudoku-Spannung. Sie wird sofort dadurch gemildert, dass Hans Zimmers Musik donnert, bis einem das Träumen vergeht.

Träume ohne jede Erotik

Überhaupt sind die Träume hier gar nicht traumhaft: frei von Erotik, dafür mit dem Flair schicker Popkultur-Abziehbilder – von urbanen Thrillern bis 2001. Ein winterlicher Festungskampf wirkt wie die Videospielvariante von Anthony Manns viel verträumterem Kriegsfilm Kennwort: Schweres Wasser.Nolan müht sich unnötig, die ohnehin offensichtliche Analogie zwischen Traum und Kino (und insbesondere Inception) zu betonen. Aber das bleibt ein vorgeschobenes Konzept: bezeichnend, dass immer der schwammige Begriff Unterbewusstes für Freuds Unbewusstes benutzt wird. Das Traum-oder-Wirklichkeit-Händeringen beeindruckt auch deshalb so wenig, weil die Visionen letztlich mehr mit Game-Design und Level-Bauplänen zu tun haben: Es ist der Stoff, aus dem die Computerspiele sind.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2010)

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9 Kommentare
Gast: Jiri
18.08.2010 14:32
0 1

Wieso glauben Zeitungen immer

Nichtweintrinker als Kritiker zu ner Edelweinverkostung schicken zu müssen?

Gast: Konrad der Beobachter
17.08.2010 20:52
1 0

Hervorragende Kritik!

Ich bin nach 90 Minuten gegangen.

Antworten Gast: Jiri
18.08.2010 14:34
0 1

naja, machen sie sich nichts draus

Kleinkinder haben nun mal keine längere Aufmerksamkeitsspanne.

Bleibt die Frage, wieso sie glauben nen Film für Erwachsenen gehen zu müssen...

Gast: SonntagsBesucher
02.08.2010 14:48
0 1

Kritik für mich nicht nachvollziehbar.

Natürlich kann ein Film nicht auf jeden gleich wirken, und dass der Film hier und da Logikfehler hat, möchte ich nicht abstreiten.

Dennoch war mein Gesamteindruck des Films einfach bombastisch. Jede Handlung war gut begründet, sowie jede Entscheidung - was in vielen Filmen einfach nicht gegeben ist. Mich hat ein Film noch nie so befriedigen können, mir wirklich jede Sekunde gefallen.

Selbst wenn er sich teilweise altbackenen Stilelementen bedient, erstrahlen diese in einem helleren Licht als je zuvor. Was bei Shutter Island in meinen Augen nicht so gut geklappt hat.

Muss nicht der beste Film aller Zeiten genannt werden (auch wenn er in meinen Augen ein Kandidat ist) aber sehenswert ist er allemal!! Außnahmsweise mal ein begründeter Hype, der MainStream als auch Filmkenner umhauen kann.

Gast: Käsek Rainer
30.07.2010 11:13
1 2

banaler Blockbuster

Hab mir den Film gestern im Haydn-Kino angeschaut. Fazit:

wenn man einen unterhaltsamen 0815-Blockbuster erwartet, wird man herrlichst bedient, für alles andere ist er nicht zu empfehlen.

Die zahlreichen Traumebenen haben, so scheint es zumindest, den Zweck die zahlreichen Logikfehler und Plotholes zu überdecken und dem Zuschauer keine Zeit zum Nachdenken zu geben.

Der Film hätte viel Potential gehabt, was man gerade in den ersten 30 Minuten sieht, alles danach ist aber äußerst flach.

Gast: 001
30.07.2010 08:48
1 1

Ganz großes Kino

Kann es sein Herr Huber, dass Sie während des Filmes geschlafen haben, oder befinden Sie sich noch in auf einer tieferen Ebene. Ich kann mich Ihrer Kritik absolut nicht anschließen.
"Das Traum-oder-Wirklichkeit-Händeringen beeindruckt auch deshalb so wenig...". Hallo? Selten so beeindruckende wie auch verstörende Bilder gesehen.

lodur
30.07.2010 01:10
0 1

Genialer Film

Ich kann mich der Kritik des Autors leider überhaupt nicht anschließen, der Film ist meiner Meinung nach einfach genial inszeniert, die Schauspieler sehr gut (Dicaprio überhaupt ein wahnsinn). Welche "Erotik" und welche tiefsinnigen Nebendarsteller hier gesucht werden, ist mir schleierhaft.
Für mich neben Shutter Island eines der Kinohighlights dieses Jahres!

Gast: patboy
28.07.2010 11:41
0 0

Da lob' ich mir den Huber...

...weil er der einzige Filmjournalist Österreichs ist, der den sehr verräterischen INCEPTION-Pressetext korrigiert, weil Christoph Huber halt einfach weiß, dass es nur Unterhosen gibt, aber kein UNTERBEWUSSTSEIN (s. KLEINE ZEITUNG et al.). Nichtmal Wikipedia kann sich zu dieser Richtigstellung durchringen.

Dankeschön, Herr Huber!

Kritikübung an lebenden Journalisten ist mir übrigens völlig unterbewusst. ;-)

Antworten Gast: cmy
29.07.2010 21:37
0 0

Re: Da lob' ich mir den Huber...

So ein Unsinn... Es gibt das Unterbewusstsein deshalb, weil es umgangssprachlich so genannt wird. Bloß weil es in Freuds (dessen Thesen mittlerweile zu einem beträchtlichen Teil widerlegt worden sind) Fachsprache kein Unterbewusstsein, sondern nur "das Unbewusste" gibt bzw. gab, heißt das noch lange nicht, dass die Verwendung dieses Wortes falsch wäre. Lebendige Sprache ist das, was die Sprecher daraus machen, und "Unterbewusstsein" hat sich eben als normaler Begriff in unsere Sprache manifestiert.
Im Übrigen zeigt diese Kritik ein weiteres Mal, dass - entschuldigen Sie diesen Ausdruck, ist nicht als persönlicher Angriff gemeint - 0815-Zeitungsredakteure als Filmkritiker eher ungeeignet sind, da sie Filme fast immer aus einem viel zu engen Blickwinkel, in welchen meist nur anstrenged pseudomoralische und pseudointellektuelle Dramen als gute Filme angepriesen werden, betrachten.