Als designiertes Hollywood-Filmereignis des Sommers war Christopher Nolans Thriller Inception vorab von großem Theater und großer Geheimnistuerei umgeben: Sogar im Trailer blieben die Rätsel des Films unangetastet, hieß es vielerorten. Stimmt nicht ganz. Denn es gibt darin eine Szene, in der die von Tom Hardy gespielte Figur sagt: „You mustn't be afraid to dream a little bigger, darling.“ Und zum Granatwerfer greift.
Das bringt Nolans Film nämlich auf den Punkt: Als aktuelle Blockbuster-Action ist es wohl ein monumentaler Entwurf mit einer Reihe virtuoser technischer Kabinettstückerln und einer Rästelknacker-Konstruktion, die zumindest im Umfang Nolans bisherige Zeit- und Strukturspielereien wie Memento weit hinter sich lässt. Ein Film über Ideen ist es trotzdem nicht wirklich. Genauer gesagt: Inception entfaltet sich zwar als Ideenfilm, aber die Konzepte sind haltlos überbestimmt und oft am Rande der Banalität. Es handelt sich sozusagen um den Granatwerfer unter den Traumfabrik-Sommerfilmen.
Aus Träumen fabriziert Nolan den Vorwand für die eindrucksvoll verschachtelte Version eines Einbrecherkrimis: „Mental espionage“-Spezialisten wie Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) stehlen Informationen aus dem Unbewussten anderer Menschen, indem sie auf komplizierte Weise in Träume eindringen. Ein Expertenteam mit Traumarchitektin (Ellen Page), Verwandlungskünstler (Tom Hardy) u.a. assistiert Cobb beim größten und (natürlich) letzten Coup: Er soll nicht Wissen stehlen, sondern einem Konzernerben (Cilian Murphy) einen Gedanken einpflanzen. Angeblich um die totale „Weltherrschaft über die Energie“ zu verhindern, aber das ist nicht weiter von Belang. Jedenfalls erfordert es ein ausgeklügeltes Traum-im-Traum-im-Traum-Manöver, das Nolan später hübsche Kunstgriffe erlaubt, etwa weil die Zeit auf verschiedenen Traumebenen verschieden schnell abläuft.
Escher-Stiegen werden Wirklichkeit
Die Traumarchitektin muss erst eingeschult werden: So wird viel mühsames Erklären der Regeln für den akrobatisch ambitionierten Showdown mit spektakulären Effekten aufgelockert. Eine Pariser Straßencafészene löst sich plötzlich in die Bestandteile auf, die fliegen den Figuren als Digitalschnitzel in Zeitlupe um die Ohren. Dann klappt ein ganzes Arrondissement hoch, und man schreitet einfach in der Senkrechten weiter. Trompe-l'œil-Stiegen à la Escher werden Wirklichkeit. Niedlich, nur beherzigt Nolan selbst nicht den wichtigsten Rat, der dabei für das Erschaffen von Träumen erteilt wird: Wichtiger als das Visuelle sei das Gefühl.
Angesichts der eindimensionalen Charaktere fällt echte emotionale Beteiligung nämlich schwer: Nolan hat sich immer mehr für knifflige Probleme interessiert als für Menschen, darum sind die reichsten Figuren in seiner Filmografie auch ein Mann im Fledermauskostüm und dessen Widersacher. In Inception fehlt gerade der entscheidenden Beziehung zwischen Cobb und seiner Frau (Marion Cotillard) die Substanz, was noch fataler auffällt, weil DiCaprio fast die gleiche gequälte Rolle spielt wie eben in Martin Scorseses (besserem) Shutter Island.Ein Trauma plagt ihn und manifestiert sich in Gestalt seiner toten Gattin, die in den Träumen auf- und seine Pläne durchkreuzt.
Statt das Finale zum Furioso zu steigern, sind diese Szenen einer Ehe eine Hemmschwelle im Montage-Gewitter, das teils mit schön surrealen Resultaten zwischen den Traumebenen herumspringt. Wie sich die Puzzleteile ineinanderfügen, erzeugt sozusagen Sudoku-Spannung. Sie wird sofort dadurch gemildert, dass Hans Zimmers Musik donnert, bis einem das Träumen vergeht.
Träume ohne jede Erotik
Überhaupt sind die Träume hier gar nicht traumhaft: frei von Erotik, dafür mit dem Flair schicker Popkultur-Abziehbilder – von urbanen Thrillern bis 2001. Ein winterlicher Festungskampf wirkt wie die Videospielvariante von Anthony Manns viel verträumterem Kriegsfilm Kennwort: Schweres Wasser.Nolan müht sich unnötig, die ohnehin offensichtliche Analogie zwischen Traum und Kino (und insbesondere Inception) zu betonen. Aber das bleibt ein vorgeschobenes Konzept: bezeichnend, dass immer der schwammige Begriff Unterbewusstes für Freuds Unbewusstes benutzt wird. Das Traum-oder-Wirklichkeit-Händeringen beeindruckt auch deshalb so wenig, weil die Visionen letztlich mehr mit Game-Design und Level-Bauplänen zu tun haben: Es ist der Stoff, aus dem die Computerspiele sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2010)
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