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"Splice": Wenn die Zivilisation explodiert

29.08.2010 | 18:55 |  MARKUS KEUSCHNIGG (Die Presse)

Der kanadische Wunderknabe Vincenzo Natali zeigt die im besten Sinne altmodische Science-Fiction-Parabel "Splice", die sich auf Frankenstein bezieht.

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Als Mary Shelleys „Frankenstein“ 1818 zum ersten Mal veröffentlicht wird, gehen die Begriffe „science“ (Wissenschaft) und „fiction“ (Fiktion) noch nicht so geschmeidig zusammen wie heute. Tatsächlich aber ist die abgründige Geschichte des Schweizers Viktor Frankenstein, der in einer Mischung aus Gotteskomplex und Selbstverachtung versucht, aus stibitzten Leichenteilen ein neues Lebewesen zu erschaffen, eine Zentralerzählung, aus der sich fast jede erdgebundene Science-Fiction-Erzählung ableiten lässt.

Die Hybris des erleuchteten Menschen, vermittels wissenschaftlichen Erkenntnissen neue Welten mit neuem Leben zu erschaffen, steht im Zentrum von Splice. Eine im besten Sinne altmodische SF-Parabel, in jahrelanger Feinarbeit ersonnen vom kanadischen Wunderknaben Vincenzo Natali („Cube“); also auch ein Leidenschaftsprojekt mit fein verwobenen und auf mehreren Ebenen gespiegelten Leitmotiven, das die anfänglich so offensichtlich scheinenden Grenzen zwischen Mensch und Monstrum just so einreißt, wie es auch der große James Whale in der ersten Kino-Adaption von „Frankenstein“ 1931 getan hat: schleichend und unvermittelt. Natali erzählt vom Genforscherpaar Elsa (Sarah Polley) und Clive (Adrien Brody) – deren Namen sich auf Colin Clive und Elsa Lanchester, zwei Hauptdarsteller aus dem Horrorklassiker „Frankensteins Braut“, rückbeziehen.

Im Auftrag des Pharmakonzerns N.E.R.D. fügen sie die DNA-Stränge von verschiedenen Tieren zusammen, kreieren so zwei schneckenartige Schleimbatzen namens Ginger und Fred, die neue Inhaltsstoffe für Medikamente liefern sollen.

 

Monster lässt seine Schöpfer mutieren

Die „verrückten Wissenschaftler“ tüfteln aber auch an einem geheimen Nebenprojekt, für das sie menschliches Erbmaterial verwenden: daraus entsteht die Kreatur Dren (außergewöhnlich verkörpert von Delphine Chanéac). Was im Kleinkindstadium an ein federloses Huhn erinnert, entwickelt sich bald zum potenziell gefährlichen, anthropomorphen Wesen mit Giftstachel. Natali und sein Kreativteam (darunter auch Hollywoods bekanntester Monsterfan Guillermo del Toro) haben viel Zeit und Geld investiert, um aus Dren ein lebensechtes Mischwesen zu machen: Denn wie schon bei „Frankenstein“ steht und fällt die Parabel mit der Möglichkeit des Zuschauers, an das Andere zu glauben und sich mit ihm zu identifizieren. Design und Ausführung von Dren – die Implementierung von computergenerierten Bildern in die restlichen Aufnahmen – sind bis ins Detail, bis zu den feingliedrigen Bewegungsabläufen und den Sprachgeräuschen außergewöhnlich gelungen; selten merkt man, dass Dren mit ihren reptilienartigen Gesichtszügen und den unnatürlich abgewinkelten Beinen nicht mit Brody und Polley vor der Kamera steht.

Nachdem Elsa und Clive aufgrund eines Betriebsunfalls (mit Toten) ihre Forschungen abbrechen haben müssen, machen sie Dren zu einem Teil ihrer Welt. Im Feldversuch lässt das Laborwesen die menschliche Paarbeziehung mutieren und legt verdrängte Traumata, Triebe frei. Schon in Shelleys „Frankenstein“ ist nicht das Verhalten des Monstrums erstaunlich, sondern die Reaktion der Menschenauf das Andere: Die Angst davor bringt die Zivilisation zum Explodieren.

So schließt auch Splice mit einer ambivalenten Note: Zu wissen, dass die eine Gefahr beseitigt ist, bringt nicht viel, wenn der Mensch immer neue kreiert und beweist, dass er selbst das größte aller Monstren ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2010)

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