Film: Was ist die Zukunft des Atommüll-Grabs?

„Into Eternity“. Unglaublich und unheimlich: eine Dokumentation über das Endlager Onkalo auf Kinotour und im TV. Ein Film, der verblüfft und verstört.

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(c) Eternity Film

Eine der faszinierendsten Dokumentationen der letzten Jahre ist derzeit auf Tournee durch Österreichs Kinos: Into Eternity von Michael Madsen – nicht der gleichnamige Schauspieler, sondern ein dänischer Künstler – ist ein Film, der verblüfft und verstört. Aber nicht (nur) wegen seines augenscheinlichen Themas: Es geht um das finnische Atommüll-Endlager Onkalo. Doch der Zugang ist nachgerade philosophisch – ein Film über die Unwägbarkeiten der Zukunft.

„Onkalo“, das „Versteck“, ist ein Projekt, das zugleich progressiv wie weltfern anmutet: Das Tunnelsystem auf einer finnischen Halbinsel nahe Helsinki soll den hoch radioaktiven Atommüll der benachbarten Kraftwerke beherbergen (ein verschwindender Bruchteil der weltweiten Kernbrennstoffabfälle, wie angemerkt wird). Der soll dann 100.000 Jahre unberührt im Bauch der Erde liegen bleiben, bis er durch radioaktiven Zerfall nicht mehr tödlich ist. Wie der Filmemacher selbst kommentiert: Die Menschheit muss sich daran erinnern, diesen Ort zu vergessen.

 

Monumentaler als die Pyramiden

Also wählt Madsen einen Science-Fiction-Ansatz, sein Film wendet sich teils direkt an die Menschen der Zukunft: Was werden sie tun, wenn sie auf das Giftgrab Onkalo stoßen? Zu Wort kommen Wissenschaftler, Theologen, Ärzte und Entscheidungsträger, die am Tunnelprojekt beteiligt sind: Alle machen einen ausgesprochen vernünftigen Eindruck, obwohl sie über das Undenkbare spekulieren. Denn kein menschliches Unternehmen lässt sich mit Onkalo vergleichen: Als Bauwerke kommen Ägyptens Pyramiden am nächsten, doch die sind keine 5000 Jahre alt. Sie legen allerdings eine Frage nahe: Wie kann man künftige Grabräuber abschrecken? In welchen Sprachen sollen an der Oberfläche über Onkalo Warnungen angebracht werden, wird man sie in 100.000 Jahren noch verstehen? Wären Ideogramme die bessere Lösung? Einer schlägt Munchs „Der Schrei“ vor.

Keineswegs unumstrittene Gegenstimmen plädieren dafür, Onkalo nicht zu kennzeichnen: Auch Warnungen könnten Neugier wecken, was die Menschheit der Zukunft nicht weiß, kann ihr hoffentlich nicht schaden. Falls überhaupt Menschen Onkalo finden: Zehntausende Jahre vorauszudenken involviert eine „Entscheidung über das Ungewisse“, selbst Science-Fiction-Literatur spekuliert meist nur hunderte Jahre voraus – vielleicht entdecken Außerirdische die Höhle, oder Riesenkakerlaken tun sich dereinst am Atommüll gütlich.

Nicht nur da mag man an die visionären Dokumentarfilme von Werner Herzog denken (dessen neue 3-D-Doku über die mehr als 30.000 Jahre alten Wandbilder in der Chauvet-Höhle das ideale Gegenstück zu Madsens Film wäre).Madsen ist gleichermaßen verstört von der menschlichen Hybris, die das Leben zukünftiger Generationen aufs Spiel setzt, und fasziniert von den Versuchen, die Konsequenzen zu tragen. Der kontrollierte Stil – funktionale finnische Architektur, symmetrische Bilder – und die Nachdenklichkeit der Gesprächspartner suggerieren eine Rationalität, der die Stoßrichtung des Films zuwiderläuft: Als intellektuelle Abenteuerreise ist Into Eternity so paradox wie sein Sujet – gleichermaßen unheimlich und Ehrfurcht gebietend.

„Into Eternity“ ist im Mai und Juni auf Österreich-Kinotournee: Am 8.Mai, um 13Uhr, im Wiener Filmcasino wird Regisseur Michael Madsen zugegen sein. Weitere Termine: intoeternity.poool.at

TV-Ausstrahlung: 15.Mai, 23 Uhr, ORF2 als „Für die Ewigkeit“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2011)

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