Ein roter Sportwagen rast lärmend über die idyllische irische Küstenstraße und stört den althergebrachten Frieden. Das stört gar den Schlummer, dem sich der irische Friedenshüter Sergeant Gerry Boyle gerade im Polizeiwagen am Straßenrand hingibt: Als sich das Sportauto überschlägt, nimmt es Boyle zur Kenntnis, ohne mit der Wimper zu zucken. Schließlich überwindet er sich, zum Wrack zu gehen – und die Taschen der Toten auszuräumen. Auch kann er nicht umhin, eine Rüge an die Leiche auszusprechen: Deren „Mammy“ werde das sicher nicht freuen. Dann wirft sich Boyle den eben gefundenen LSD-Trip ein. Es ist ein herrlicher irischer Morgen.
Der Anfang der schwarzen Komödie The Guard – ein Ire sieht schwarz etabliert einerseits den etwas kalkulierten, aber teilweise einnehmend hinterfotzigen Humor von Autor-Regisseur John Michael McDonagh. Andererseits auch ungleich Bedeutsameres: Als Titel wäre Brendan Gleeson – Der Film ebenso gut. Die Fantasiefigur des Polizisten Gerry Boyle ist ein Geschenk für den Dubliner Charakterdarsteller Gleeson.
Das vertraute Gesicht von Mad-Eye Moody
Der ist ein vertrautes Gesicht aus Blockbuster-Nebenrollen (etwa als Mad-Eye Moody in Harry Potter), aber vor allem eine hoch aufragende, bärbeißige und garantiert nicht unterernährte Präsenz, deren mächtiger, eingelebter Körper schon alle Schauspieleraufgaben wie im Alleingang erfüllt. Die Dialoge, die Handlung rundherum: alles eitel Beiwerk. McDonagh hat das offenbar verstanden: Alles andere an seinem Film ist bloß Ornament für das Gleeson-Zentrum.
Zugegebenermaßen spielt Irland unter diesen Schnörkeln die wichtigste Rolle: John Michael McDonagh ist schließlich der Bruder von Martin McDonagh, einem der wichtigsten irischen Bühnenautoren (obwohl er zeitlebens in London residiert hat: aber die Familienwurzeln . . .). Martin McDonagh hatte sich vor einigen Jahren seiner wahren Liebe, dem Film zugewandt, und 2008 mit der schwarzen Komödie In Bruges (Brügge sehen . . . und sterben?) einen internationalen Erfolg gefeiert: In einer Hauptrolle – Brendan Gleeson! So kommt alles folgerichtig zusammen: Das irische Urgestein Gleeson spielt Polizist Boyle als mythisch überhöhtes und komisch gebrochenes irisches Urgestein. Schon der Filmtitel bezieht sich auf den einheimischen Namen für die Nationalpolizei (bzw. einen Polizisten): Garda.
Mit Sturheit und unorthodoxem Ehrenkodex geht Garda Boyle seinem Job nach. Die Freizeit gestaltet er hingegen (hoffentlich) eher berufsuntypisch: Ausgiebiges Trinken, Handschellenspaß mit Prostituierten vom Escortservice, prinzipielle politische Unkorrektheit. Das führt zu Problemen, als er sich über den afroamerikanischen Kollegen äußert, der für einen Drogenfall vom FBI geschickt worden ist. „I'm Irish Sir, racism is a part of me culture“, erklärt er anschließend mit der gleichen Selbstverständlichkeit: Ah, irische Ironie! Denn McDonaghs Film feiert ?ire, und vor allem seine Provinz, nicht nur als Heimat stolzer Querulanten, sondern bevölkert die Gegend fast ausschließlich mit Waffennarren, Alkoholikern und Verbrechern – ein sympathisch störrisches Idyll.
Heimat stolzer Querulanten
Der Ire hat halt das Herz am rechten Fleck, das beweisen sentimentale Szenen mit Boyles regelmäßigen Besuchen bei der krebskranken Mama. Natürlich staubt sogar in deren Dialogen der trockene Witz. Der Rest ist ein Buddy-Cop-Movie mit folkloristischen Untertönen und originellem Witz im Stil der frühen Coen-Brüder-Filme. Hier debattieren die Schurken (markig: Mark Strong, Liam Cunningham und David Wilmot) zwischendurch über die Philosophie Bertrand Russells, stolziert der Titelheld anfangs schon mal lächerlich in Unterhosen herum und gehen mehr Pointen in einen Wortwechsel als Pints in Boyles immer trockene Kehle. Wo die Coens aber immer schon eher zum Zynismus tendierten, schlägt das Herz von The Guard doch eindeutig für seinen Titel(anti)helden: Neben diesem gefinkelten Garda bleibt seinem FBI-Gegenüber nur die zweite Geige. Diese spielt der verlässliche US-Charakterdarsteller Don Cheadle, wohl auch als Marktchancen-Versicherung für Übersee engagiert, mit Gelassenheit: Auch er hat offenbar verstanden, dass man sich einfach besser nicht in innerirische Angelegenheiten einmischt.
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