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Von Muppets und Menschen: Ein Zeitbild

10.01.2012 | 18:17 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

„Die Muppets“ feiern ab 19.Jänner ein großes Kino-Comeback. Famose Familienunterhaltung mit dunklen Untertönen. Es zeigt die Muppets als Stellvertreter der von Armut bedrohten unteren Mittelschicht.

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Ein TV-Abend mit den Muppets? „Im heutigen Markt seid ihr bedeutungslos“, lehnt die zuständige Fernsehredakteurin (Rashida Jones) geradeheraus ab: Im neuen Film „Die Muppets“ kämpft die legendäre Puppentruppe buchstäblich um das Überleben – oder zumindest um einen letzten Rest an kultureller Bedeutung.

Mitte der 1970er war die TV-Comedy mit Jim Hensons Muppets (und einem menschlichen Gaststar pro Episode) zum Welterfolg geworden und zog eine ganze Reihe von Kinofilmen nach sich. Der letzte, „Muppets aus dem All“, liegt jedoch schon zehn Jahre zurück. Diese Auszeit hängt wie ein Damoklesschwert über dem neuen Muppets-Film: Natürlich, Generationen sind mit Hensons Puppen aufgewachsen und schwärmen noch davon. Aber wissen die Kinder von heute noch, wer Kermit der Frosch und Miss Piggy sind?

Der neue Film kreist um dieses Dilemma: Hensons Serie galt zwar als Beweis dafür, dass Puppenspiel auch Erwachsene unterhalten kann, war aber auch für Kinder unwiderstehlich (wenn auch manchmal mit ihren Popkultur-Verweisen verwirrend: Wie erahnen, dass die Stand-up-Einlagen von Fozzie Bär absichtlich nicht lustig sind?). Und erst der Erfolg gab Henson recht: Die Muppets wurden in England produziert, nicht in Hensons Heimat, den USA – dort sah man im Projekt nur weiteres Kinderfernsehen im Stil von Hensons vorigem Erfolg, der „Sesamstraße“. Heute sind die Dinge auf den Kopf gestellt: Der Kinofilm „Die Muppets“ wendet sich zuerst an ein mit den Puppen vertrautes erwachsenes Publikum, macht aber kein Hehl daraus, dass es darum geht, neue, junge Fans zu gewinnen.

 

Herzensprojekt eines Muppets-Fans

Dabei ist die Entstehungsgeschichte ungewöhnlich: Nach Jim Hensons Tod (1990) verwaltete dessen Sohn Brian das Puppen-Erbe in Kino und TV. Doch für das Comeback zeichnet ein Fan, für den die Originalserie eine glückliche Kindheitserinnerung ist: Schauspieler und Drehbuchautor Jason Segel, Jahrgang 1980, mit frechen Komödien wie „Nie wieder Sex mit der Ex“ zum Star geworden.

Segel hat sich die Hauptrolle auf den Leib geschrieben: Gary, ein ewiges Kind aus „Smalltown, USA“ mit einem ungewöhnlichen Bruder namens Walter. Der ist eine Puppe – ideal, um einer neuen Generation die Muppets vorzustellen. Der Film beginnt mit einer parodistischen Musical-Einlage über das Kleinstadtleben und einer flotten Montage von Kindheitserinnerungen: Für Walter ist es ein magischer Moment, als er andere Puppen im TV entdeckt – die Muppets werden seine Idole. Bei einem Ausflug nach Los Angeles will Walter unbedingt das legendäre Muppets-Studio besichtigen. Doch das ist mittlerweile leer und verfallen. Noch viel schlimmer! Ein genüsslich böser Tycoon (amüsant: Chris Cooper) und Muppets-Hasser will das Studio kaufen, abreißen und darunter nach Öl bohren. Eine verzweifelte Rettungsaktion führt zu Kermits Villa in Bel Air: Zehn Millionen Dollar braucht man zur Rettung des Studios, der Frosch beschließt in bewährter Muppets-Strategie mit der alten Truppe eine Benefizgala auf die Beine zu stellen. Das erinnert an frühere Muppets-Filme: Die Neuauflage hat denselben entspannten, episodischen Charme, samt entzückenden Musikeinlagen (Regisseur James Bobin drehte zuvor die Serie „Flight of the Conchords“ über ein komödiantisches Musiker-Duo).

Miss Piggy muss aus Paris geholt werden, sie leitet als Mademoiselle Cochon die französische „Vogue“. Der große Gonzo hat es als Toilettenhersteller zu Reichtum gebracht – aber ahnungsloser Anarchist, der er nun einmal ist, sprengt er kurzerhand sein Imperium in die Luft, um sich der guten Sache anzuschließen. Und Fozzie Bär? Der tritt im Hinterland mit der erbärmlichen Tribut-Truppe „The Moopets“ auf, darunter eine strenge Leder-Sau namens Miss Poogy. Leben tut Fozzie buchstäblich auf der Straße: Er bittet die Besucher in sein Wohnzimmer, das vor der Bühnenaufgangstür aufgebaut ist. Prompt beginnt es zu regnen.

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Werden die Muppets enteignet?

Wiewohl der Film „Die Muppets“ an der Oberfläche famose Familienunterhaltung bietet, deutet sich hier ein erstaunlich dunkler Unterton an, trotz plangemäßen Verlaufs: Nach der anfänglichen Absage der TV-Redakteurin kriegen die Muppets doch eine Chance, ihre Gala auf die Beine zu stellen. Zwar sagen ihnen alle Gaststars ab – doch sie kidnappen einfach Jack Black, der die ganze Show auf der Bühne gefesselt mitverfolgen muss. (Was sind seine Beschwerden auch gegen die abfälligen Kommentare der alten Muppets-Logenraunzer Waldorf und Statler?) Die bemerkenswerteste Innovation des neuen Films ist, die Muppets menschlicher zu machen als je – zugespitzt in einem rührenden Duett von Gary und seinem Puppenbruder, als sich beide fragen, was sie sind: „Man or Muppet?“

Tatsächlich sind die Muppets in diesem Film wie Stellvertreter für eine untere Mittelschicht, die im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung in die Armut abzurutschen droht. Während sie sich einerseits in nostalgische Erinnerungen geflüchtet haben und andererseits in fruchtloses Streben nach ach so zeitgemäßer Hipness, haben sie übersehen, dass die Enteignung vor der Tür steht. Das große Finale hat bei aller Ausgelassenheit fast etwas Unheimliches: „Everything is great“, singen die Muppets mit ihrem unerschütterlichen Optimismus und in völliger Verweigerung der Tatsachen. Und auch ihre Fans auf der Straße – der Kleidung nach Wohlstandsverlierer – stimmen ein in „Life's Happy Song“. Erst als der Nachspann kommt, greift der große Gonzo rettend ein. Aber er ist eben ein ahnungloser Anarchist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2012)

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1 Kommentare
Gast: Frustriert?
12.01.2012 13:18
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...Meet the Feebles...