Der Film heißt nicht Hoover, sondern J. Edgar. Mit diesem Titel hält Regisseur Clint Eastwood gleich fest, dass er sich eben nicht am Zerrbild des FBI-Gründervaters abarbeiten will; dass er keine Lust hat, sich in die Myriaden von Verschwörungstheorien und politischen Analysen zu diesem für viele Jahrzehnte „mächtigsten Mann der USA“ einzuklinken. Eastwood ist kein Revisionist, sondern ein Dialektiker, in allen seinen Regiearbeiten. Seine große Western-Nachlese „Erbarmungslos“ (1992) wollte das Westernbild nicht zerschlagen, sondern es erweitern. Bezugsgrößen einweben, die früher keine Rolle gespielt haben.
Dasselbe Prinzip wendet er in J. Edgar an. Er begegnet darin einem Mann auf Augenhöhe, der die Rechtsprechung des FBI von seinem persönlichen Moralverständnis abgeleitet hat. Und das war, daran lässt Eastwood keinen Zweifel, stark geprägt von seiner Mutter Anna Marie (imposant: Judi Dench), einer matronenhaften Frau, die ihren Sohn gleichsam hart und liebevoll zum Idealbürger und Vollstrecker ihrer eigenen Ideologie modelliert hat. Leonardo DiCaprio spielt Hoover demnach auch als emotional verkrüppelten Mann: Die Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts), die nach seiner Ernennung zum FBI-Chef zu einer seiner wenigen Vertrauenspersonen wird, entführt er für ein Rendezvous in die Bibliothek, um ihr die Effizienz des dortigen Karteikartensystems vorzuführen...
Die Organisation von Unterlagen und Akten erkannte Hoover schon damals als essenziell für bessere Verbrechensbekämpfung. Die Bürokratie war sein Revier, ebenso wie die Öffentlichkeitsarbeit. Bei den Verhaftungen und Erschießungen von Gangstern wie John Dillinger oder Machine Gun Kelly war er nicht dabei. Stattdessen nutzte er diese öffentlichkeitswirksamen Erfolge Mitte der Dreißigerjahre, um das „Bureau of Investigation“ zum „Federal Bureau of Investigation“, also zum heute noch bestehenden FBI, zu machen, dessen Befugnisse zu erweitern und unter anderem eine national vernetzte Datenbank von Fingerabdrücken anzulegen. Eastwood inszeniert Hoover als rücksichtslosen Informationspolitiker, der sensible Daten sammelt, um sie, wenn es sein muss, gegen politische Gegner verwendbar zu machen. Mit so einer Akte spricht er bei acht US-Präsidenten vor, keiner von ihnen traut sich, Hoover und sein FBI öffentlich zu attackieren. Verwaltet und systematisch verwendet werden aber nicht nur Informationen über Andere, sondern auch die über ihn selbst.
Eigentümliche Männer-Romanze
Dass Hoover mit seiner rechten Hand Clyde Tolson (Armie Hammer) mehr verband als tiefe Freundschaft, das ist nicht nur für viele seiner Biografen, sondern auch für Drehbuchautor Dustin Lance Black eine Tatsache. Und tatsächlich ruht der Film am meisten in sich, wenn er von prominenten Fällen wie der Lindbergh-Entführung abgeht und sich ganz dieser eigentümlichen Männer-Romanze zuwendet. Der massive Hoover und der elegante Tolson, die jeden Tag gemeinsam zu Mittag und zu Abend essen, die gemeinsam verreisen und sich liebevolle Blicke zuwerfen, im mehrere Jahrzehnte überdauernden Dialog zwischen diesen beiden Männern liegt der Kern von Eastwoods Dialektik. Und in ihrer persönlichen Tragödie – von Eastwood in einem atemberaubenden Faustkampf, der im Kuss statt im K.o. endet, festgenagelt – fußen viele von Hoovers Psychopathologien, von seinem Kontrollzwang über seine immer stärker werdende Paranoia.
Hoovers Sprachfehler, Tolsons Schlaganfall
Statt einer Chronik spannen Autor Black und Regisseur Eastwood ein Assoziationsfeld auf, in dem sie immer wieder durch Raum und Zeit springen. Das geht dramaturgisch auf, da Black ein makellos altmodisches Drehbuch verfasst hat, das nach und nach visuelle und emotionale Ankerpunkte herausarbeitet und spiegelt: Erst spät erfährt man etwa von Hoovers Sprachfehler, den er sich mit Muttern zu Hause wegtrainiert hat; er kehrt als Thema im alten Tolson wieder, der sich nach einem Schlaganfall nicht mehr deutlich ausdrücken kann. Eastwood zeigt keinen sympathischen Mann, er profiliert einen Menschen. Einen, der mit seiner Instrumentalisierung und systematischen Verwendbarmachung von sensiblen Daten in vielerlei Hinsicht zu Vergleichen einlädt mit dem Schindluder, das gegenwärtig mit derartigen Informationen getrieben wird. Letztendlich aber ist es der große Verdienst dieses außergewöhnlichen Films, dass man den Saal mit einem Zerrbild von Hoover betreten kann und ihn mit dem Gefühl verlässt, einen widersprüchlichen, gefährlichen, zerrissenen Menschen kennengelernt zu haben. Nennen wir ihn einfach J. Edgar.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2012)
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