Das ist ein Ratgebertitel mit Ambition! „How to Start Your Own Country“ hieß ein vor fast 30 Jahren publiziertes Buch von US-Autor Erwin Strauss. Es ist das Standardwerk zu einem nach wie vor unterschätzten Thema: Mikronationen. Darunter versteht man (offiziell kaum anerkannte) Klein-, teils auch nur Scheinstaaten, die sich dank rechtlicher Grauzonen als unabhängig deklariert haben: Die Beweggründe reichen von der sozialen Utopie über Kunstprojekte zum bloßen Witz – das eigene Königreich als Privathobby de luxe. Empire Me – Der Staat bin ich! heißt denn auch der Film, in dem Regisseur Paul Poet (Ausländer Raus! Schlingensiefs Container) in der erprobten Manier heimischer Globetrotter-Dokumentationen das Phänomen unter die Lupe genommen hat.
Eingangs gibt Strauss die Devise aus: Der Trend zur Mikronation sei logisch, da große Staaten viel mehr Angriffsfläche für Terroristen böten. Die These bleibt zweifelhaft, auch Poet interessiert sich mehr für Strauss' Plädoyer an Freigeister und Piraten, durch alternative Lebensentwürfe samt Staatsgründung eine Freiheit jenseits der gleichgeschalteten Kultur des „globalen Dorfs“ zu suchen. Auf Weltreise von Australien bis Brandenburg hat Poet sechs solcher Aussteigerprojekte besucht, darunter Mikronationen-Klassiker wie den dänischen Freistaat Christiana oder das Fürstentum Sealand, 1967 von einem Exmajor der britischen Armee auf einer vom Militär verlassenen Seefestungsplattform zehn Kilometer vor der Küste von Suffolk ausgerufen.
Ein Land mit drei Einwohnern
Regelmäßige Schauplatzwechsel, hübsche Übergangscollagen von animierten Landkarten und Alexander Hackes Musikuntermalung tragen zum unterhaltsamen Querschnitt bei, der aber auch an einer gewissen Oberflächlichkeit leidet. Im oft unerschrocken pathetischen Kommentar räsoniert Poet über Könige und Träumer, die Widerstand gegen die Globalisierung leisten, nicht immer im Einklang mit dem Gezeigten. Die (drei!) Einwohner von Sealand füllen die Staatskasse durch Steuerparadies-Deals und dubiose Internet-Geschäfte. Im autonomen 68er-Relikt Christiana drohen einerseits Dealer und Kriminelle, andererseits antwortet der Staat mit Polizeigewalt auf die Proteste jugendlicher Bewohner, die wiederum im Zwist mit der älteren Generation liegen.
Die australische „Hutt River Province“ vermarktet sich mit Monarchietheater als Touristenattraktion, in der norditalienischen „Föderation von Damanhur“ residiert eine Ökosekte in unterirdischen Tempelanlagen. Das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ im deutschen Bad Belzig predigt „Menschengestaltung“ durch Gruppensex-Therapie: Sie schätze an den Männern, dass sie so gut in sie reinpassten, erklärt ein Mädchen.
Schwimmende Recycling-Städte
Soll das die Einlösung der Versprechen von Utopie und Freiheit sein? Am besten zu Poets Thesen passt das abschließende Kunstprojekt – die schwimmenden Recycling-Städte von Serenissima: Flöße, von Künstlern aus dem Schrott der Industriegesellschaft montiert – und von vornherein zum Untergang verurteilt. Die sympathischen Seefahrer-Punks wirken zugleich wie ein Sinnbild für die Krux von Poets Projekt: eine romantische Idee von (sich) wandelnden Kulturen als Ersatz für politische Antworten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)
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