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Sozialdrama: Der steinige Weg zur Erlösung

07.02.2012 | 18:12 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Im Cannes-Preisträger "Der Junge mit dem Fahrrad" gelingt den belgischen Regie-Brüdern Dardenne erneut die packende Fusion von dringlichem Realismus und Spiritualität. Eine "Presse"-Premiere, ab Freitag im Kino.

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Die Dringlichkeit ihres Filmbeginns macht sofort bewusst, warum die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardennes zu den gefeierten Filmemachern des Gegenwartskinos gehören: Der elfjährige Cyril (Thomas Doret) klammert sich im Büro des Waisenhauses an einen Telefonhörer, als hinge sein Leben daran. Umgeben ist er von Erwachsenen, angeschnitten als Torsos zu sehen oder überhaupt nur zu hören: Ihre Einwände ignoriert der Bub so beharrlich wie die Anrufbeantworterbotschaften, die aus dem Telefon ertönen. Denn für den Jungen ist es undenkbar, dass ihn sein Vater im Stich lassen will. Bald flieht er aus dem Waisenhaus, um seinen Papa zu suchen – und sein geliebtes Fahrrad.

Der Junge auf dem Fahrrad(Le gamin au vélo), in Cannes 2011 mit dem Großen Preis der Jury prämiert, reiht sich in die nicht abreißen wollende Serie preisgekrönter Dardenne-Werke: Seit 1999 die wütende Teenager-Titelheldin des Cannes-Siegers Rosettaeingangs zornig durch eine Fabrik stürmte, haben sich die Brüder als Europas Kinopoeten der marginalisierten Unterschicht etabliert. Sie haben für ihre Sozialdramen eine Form gefunden, deren packende, vorwärtsdrängende Ästhetik das Filmschaffen der letzten Dekade entscheidend mitgeprägt hat. Vor allem aber halten sie – im Gegensatz zu vielen Imitatoren – eine Balance zwischen dem gesellschaftlichen Gehalt ihrer Filme und dem spirituellen Druck, der ihre Figuren antreibt: Ihr großes Thema ist die Erlösung. Immer wieder berufen sie sich auf einen der überragenden Einzelgänger des Weltkinos: den Franzosen Robert Bresson, der den Grenzgang zwischen Materialismus und vergeistigtem Existenzialismus in meisterhafter Reduktion zur Vollendung brachte.

 

Cécile De France als neorealistischer Engel

Stand Bresson für strenge Dardenne-Dramen wie Rosetta, Der Sohn und Das Kind Pate, ist ihren zwei letzten Filmen deutlich anzumerken, dass sie sich einem breiteren Publikum öffnen wollen: Die Stille um Lornawar ästhetisch ein Rückschritt in Richtung typischer Euro-Sozialdramen, mit Der Junge auf dem Fahrrad besinnen sie sich wieder auf ihre Stärken, mengen aber einige weichere Zutaten bei. Statt der unwirtlichen Industrielandschaften ihrer Heimat Liege liefert das sommerliche Seraing den Schauplatz, es gibt Musik (ein Beethoven-Motiv als emotionaler Akzent), und mit der französischen Aktrice Cécile De France mischt sich ein regelrechter Superstar unter die von den Dardennes bevorzugten Laienschauspieler.

De France spielt auch eine leicht überirdische Gestalt: Die Friseursalonbesitzerin Samantha ist eine Figur wie aus dem italienischen Neorealismus, auf dessen Fahrraddiebe der Titel implizit verweist: eine bodenständige Frau, die mit der harten Welt umzugehen weiß, doch zugleich eine fast engelsgleiche Präsenz hat. In der Schlüsselszene des Films findet der weggelaufene Cyril erstmals wieder Halt, indem er Samantha verzweifelt umarmt: „Du darfst dich an mir festhalten“, sagt sie ruhig, während andere diese plötzliche Pietá auseinanderzuzerren versuchen, „aber nicht so stark.“ Die Einführung dieser heilkräftigen Ersatzmutter mag man – wie andere Kleinigkeiten hier – als spürbare Drehbuchwendung empfinden, aber auch das entspricht einerseits gewissen Utopien der neorealistischen Filmtradition.

Andererseits braucht es ein starkes Gegengewicht zum schrecklichen Vater, von den Dardennes samt Umfeld mit bewährter, schonungsloser Authentizität gezeichnet: Während er mit aller Selbstverständlichkeit seine Handgriffe als Koch in einer schäbigen Kantine vollzieht, weist der endlich aufgefundene Papa den verzweifelt hoffenden Buben von sich. Mit Nachdruck. Für immer.

 

Verzicht auf Schwarz-Weiß-Malerei

Dass diese traurige Vaterfigur (wie schon in Das Kind) von Jeremy Regnier gespielt wird, erzählt davon, dass die Dardennes thematische Kontinuität als etwas begreifen, was sich nicht nur von Film zu Film fortschreibt, sondern auch von Generation zu Generation: In ihrem ersten Meisterstück Das Versprechen spielte 1996 der ganz junge Regnier den verwirrten, vielleicht verlorenen Sohn. Das wahre Drama des neuen Films folgt nach dieser Enttäuschung: im Ringen um Cyrils Seele zwischen dem etwas älteren Nachbarschafts-Dealer und der selbstlosen Samantha. Beide wollen den Buben unter ihre Fittiche nehmen: Er lockt mit PlayStation-Nachmittagen, Coolness und kriminellen Abenteuern, sie mit der Idee einer harmonischen Ersatzfamilienexistenz.

Die Überzeugungskraft der Dardennes verdankt sich auch dem Verzicht auf Schwarz-Weiß-Malerei: Die Rettung ist bei ihnen nicht einfach so zu haben. Selbstfindung ist nur möglich, indem man lernt, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Das ist das solidarische Beispiel, das der Engel Samantha Cyril gibt: Man könnte die Belohnung für ein Happy End halten. Bliebe da nicht die Versicherung, dass bestimmte Narben auch dadurch nicht zu heilen sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)

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