Ohne King Hu gäbe es kein zeitgenössisches Martial-Arts-Kino. Oder es wäre anders beschaffen, hätte keine Seele. In einem Produktionsumfeld von (häufig sehr talentierten) Fließbandarbeitern war der 1932 in Peking geborene Regisseur eine Ausnahmeerscheinung: Genährt von seiner Liebe zur Pekingoper und der Malerei, überführte er die klassischen chinesischen Kampfkunstfilme der Vierziger- und Fünfzigerjahre in ein synästhetisches Gesamterlebnis. Statt die Bewegungen abzubilden, ließ er seine Schauspieler in schwindelerregenden Choreografien durch den Bildraum tanzen. Sinnbild für King Hus Kino sind die in seinen Filmen immer wieder zentralen Tavernen: klassische Begegnungsräume, in denen sich die verschiedenen Gesellschaftsklassen zusammenfinden und einen Mikrokosmos formen. Und dann blitzt und donnert es: Aus dem Gewöhnlichen schält sich das Mystische, wenn Figuren sich offenbaren, in atemberaubenden Bewegungsmustern durch die Taverne trippeln, hüpfen und fliegen und schließlich durch Gewalteruptionen zum Stillstand kommen.
„Das Schwert der gelben Tigerin“
Hus Eintritt in die Welt des Films passierte, wie er selbst betont, eher zufällig: Durch einen vermittelten Job arbeitete er sich schrittweise durch die chinesischen Filmstudios, unter anderem als Set-Dekorateur und Schauspieler. 1958 schließlich nahmen ihn die legendären Shaw-Brothers-Studios unter Vertrag und stellten dem jungen Mann auch eine Option auf Regieführen in Aussicht. Nach zwei Assistenzen bei Meisterregisseur Li Hanxiang, inszenierte King Hu 1966 seinen ersten eigenständigen Film: „Come Drink with Me“ („Das Schwert der gelben Tigerin“) wurde zu einem Zentralfilm des chinesischen Kinos, da er dem Kampfkunstfilm eine Brücke baute von der Klassik in die Moderne. Die künstlerischen Ambitionen von King Hu, die in seiner späteren Karriere immer wieder genre-unüblich gewaltige Budgets verschlangen und letztlich in kommerziellen Misserfolgen mündeten, wurden von den produzierenden Studios oft kritisiert. Seine nächsten beiden Filme drehte King Hu dann auch nicht mehr für die Shaw Brothers, sondern in Taiwan: „Dragon Inn“ („Die Herberge zum Drachentor“) und „A Touch of Zen“ („Ein Hauch von Zen“) gelten bis heute als Meisterstücke, auch wenn Letzterer nur in einer stark gekürzten, auf die Spektakelsequenzen reduzierten Fassung gezeigt worden ist.
Anfang der Achtzigerjahre wurde King Hu immer stärker an den Rand gedrängt: In Hong Kong waren gerade die Regisseure der „neuen Welle“, darunter Tsui Hark, dabei, das Martial-Arts-Kino erneut zu revolutionieren. Und in Taiwan setzten junge Autorenfilmer wie Hou Hsiao-Hsien frische Impulse. Seine letzten Arbeiten vollendete King Hu schon im Wissen darum, abgelöst worden zu sein. 1997 starb er in Taiwan.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)
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