Oscar-Nacht: Englisch bevorzugt

Michael Haneke rittert heute Nacht um Hauptkategorien-Oscars. Das ist selten genug. Aber wie sind seine Chancen? Ein historischer Streifzug.

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Fünf „Césars“ für „Amour“: Bei den französischen Filmpreisen haben Michael Haneke und seine Hauptdarsteller Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant in der Nacht auf Samstag triumphiert. Glaubt man den Buchmachern – und das hat sich in den letzten Jahren bewährt – dann ist ihm bei der Hollywood-Gala heute Nacht ein Oscar so gut wie sicher: der für den besten fremdsprachigen Film. Bei diesem „Auslands-Oscar“ ist „Amour“ haushoher Favorit. Aber was ist mit den Hauptkategorien (Film, Regie, Buch), in denen Hanekes Film sensationellerweise auch nominiert wurde?

Beim besten Film firmiert „Amour“ unter neun Kandidaten auf dem vorletzten Quotenplatz. (Souverän vorn ist Ben Afflecks Thriller „Argo“.) Auch als bester Regisseur wird Haneke klar hinter Steven Spielberg („Lincoln“) und Ang Lee („Life of Pi“) gehandelt, wiewohl fast gleichauf mit dem drittgereihten David O. Russell („Silver Linings“). Beim besten Originaldrehbuch liegt Haneke gar an dritter Stelle, von der Quote recht nahe an den Favoriten (Quentin Tarantino für „Django Unchained“ vor Mark Boal für Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“).


Auch Clint Eastwood zählt! Ein Blick in die Oscar-Geschichte lehrt: Das Drehbuch ist auch die einzige dieser Hauptkategorien, in der fremdsprachige Filme siegten. Von 53 Originaldrehbuch-Kandidaten (samt „Amour“) gewannen genau fünf, dazu gab es 20 Nominierte bei adaptierten Drehbüchern – alle sieglos.

Der erste Oscar-Gewinner, in dem nicht Englisch gesprochen wurde, war das Schweizer Rot-Kreuz-Weltkriegsdrama „Marie-Louise“ (1944), inszeniert vom gebürtigen Wiener Leopold Lindtberg. Bis dahin waren nur zwei fremdsprachige Filme nominiert, ein Umschwung kam erst nach dem Krieg.

Dominiert wurde das Kontingent dabei von den Ländern, für die es die weiteren Drehbuch-Oscars gab: Italien (die Komödie „Scheidung auf Italienisch“, 1961), Spanien (Pedro Almodóvars „Sprich mit ihr“, 2002) und zweimal Frankreich – der Kinderfilmklassiker „Der rote Ballon“ (1956) von Albert Lamorisse und Claude Lelouchs Liebesgeschichte „Ein Mann und eine Frau“ (1966). Für fremdsprachige Filme gab es zwar nie einen Sieg, aber ab Jean Renoirs „Die große Illusion“ (1937) immerhin neun Nominierungen beim besten Film und 28 bei der besten Regie seit Federico Fellinis „La dolce vita“ (1960). In der offiziellen Oscar-Statistik ist dabei auch Clint Eastwoods Kriegsfilm „Letters from Iwo Jima“ (2006) – zwar eine US-Produktion, doch weitestgehend in japanischer Sprache!

Abseits des 1956 offiziell eingeführten Auslands-Oscars haben 24 fremdsprachige Filme eine Statuette gewonnen. Führend mit je vier Preisen (allerdings beide Male inklusive Auslands-Oscar): Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ (2000) und Ingmar Bergmans „Fanny und Alexander“ (1982).

Letzterer war aber nicht als bester Film nominiert: Den Haneke-Hattrick haben zuvor nur sieben Filme geschafft, in den drei Hauptkategorien blieben sie aber alle sieglos. Erstmals Costa-Gavras mit dem französischen Politthriller „Z“ (1969), der zwei andere Oscars erhielt: fremdsprachiger Film und Schnitt. Jan Troells schwedisches Epos „Emigranten“ (1972) wurde in vier Hauptkategorien (Darstellerin: Liv Ullman) übergangen, kurioserweise war es schon im Jahr davor beim Auslands-Oscar gescheitert. Schwedens Top-Export Ingmar Bergman brachte es mit „Schreie und Flüstern“ (1973) dann auf fünf Nominierungen; nur Kameramann Sven Nykvist gewann.

Über zwei Dekaden dauerte es dann bis zum Italo-Doppelschlag: Bei Michael Radfords „Il postino“ (1995) wurde auch noch Hauptdarsteller Massimo Troisi (posthum) nominiert, doch allein Luis Bacalovs Musik prämiert. Roberto Benigni erzielte mit „Das Leben ist schön“ (1998) sieben Nominierungen – und drei Oscars: er selbst als Hauptdarsteller, Musik und fremdsprachiger Film. „Crouching Tiger“ übertraf den Rekord mit zehn Nominierungen und vier Preisen (Szenenbild, Kamera, Musik, Auslands-Oscar). Der Siebte im Bunde vor Haneke war Eastwood: Sein „Letters from Iwo Jima“ gewann nur in einer vierten Kategorie – Tonschnitt.

„Amour“ ist in noch einer Hauptkategorie dabei: Emmanuelle Riva als beste Schauspielerin. Bisher haben bei Hauptdarstellern neben Benigni zwei Frauen für fremdsprachige Filme gewonnen: Sophia Loren für „Und dennoch leben sie...“ (1960) und Marion Cotillard in „La vie en rose“ (2007). Die Buchmacher geben Riva auch bessere Chancen als Haneke: Nur Jennifer Lawrence („Silver Linings“) hat in der Kategorie eine bessere Oscar-Quote.

Prognosen

Nate Silver, der mit seinen treffenden US-Wahl-Prognosen für Aufsehen sorgte, hat auch für die Oscars Tipps abgegeben: Hanekes „Amour“ hat demnach keine Chancen auf den Preis für den besten Film – er landet bei Nate Silver auf dem letzten Platz. Auch in der Kategorie Beste Regie ist Haneke weit abgeschlagen. Etwas besser im Rennen: Emmanuelle Riva als beste Schauspielerin – Platz drei, aber mit knappem Abstand zur erstplatzierten Jennifer Lawrence.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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