Oscar: Die größten Fehlentscheidungen

Die Oscar-Jury steht immer wieder in der Kritik: zu konservativ, zu fade Filme und wieder wurde keine Regisseurin nominiert. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber: Dieses Phänomen ist nicht neu. Die Academy liegt des Öfteren daneben - manchmal sogar schmerzhaft weit. (Text: Heide Rampetzreiter)

Im Bild: Jennifer Lawrence

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Keine Frage, "Birdman" ist ein technisch herausragendes Werk. Dass ihm aber in der Kategorie Bester Film der Vorzug gegenüber "Boyhood" gegeben wurde, ist mehr als fragwürdig. Schließlich drehte Regisseur Linklater das Porträt eines Buben über 12 Jahre. Herausgekommen ist ein sensible und singuläre Studie über das Heranwachsen. Die Academy wählte stattdessen die Selbstreflexions-Tour-de-Force eines Hollywood-Schauspielers. Dessen Regisseur Alejandro G. Iñárritu räumte im Folgejahr wieder ab - diesmal für die Überlebens-Tour-de-Force "The Revenant". 

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"Citizen Kane" gilt als einer der besten Filme, die je gemacht wurden. Bei der Oscar-Verleihung 1942 bekam Orson Welles' Klassiker nur einen Preis: Für das beste Originaldrehbuch. Und selbst da gab es Buhrufe aus dem Publikum. In Hollywood mochte man den Film nicht - was vor allem an dem Medienmogul William Randolph Hearst lag, der sich im Film wiedererkannte und eine Kampagne gegen "Citizen Kane" startete. Der Oscar in der Königskategorie Bester Film ging in diesem Jahr an John Fords rührselige Familiengeschichte "Schlagende Wetter" (How Green Was My Valley).

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Ups! Da ist der Academy wohl jemand entgangen: Charlie Chaplin wurde nur ein einziges Mal mit einem regulären Oscar ausgezeichnet - für die beste Musik für den Film "Limelight" (1953), der in Los Angeles erst 1972 auf die Leinwand kam. Im selben Jahr bekam er einen Ehrenoscar, ebenso wie 1929, im allerersten Jahr der Verleihung. 

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Lauren Bacall war einer der größten Filmstars Hollywoods, für einen Oscar war sie in ihrer 68 Jahre lang dauernden Filmkarriere aber nur einmal nominiert: Für die Barbra-Streisand-Romanze "Liebe hat zwei Gesichter" (The Mirror Has Two Faces) 1997. Besonders bedauerlich ist ihre Nicht-Nominierung für ihr Debüt "Haben und Nichthaben" (1944). 2010 wurde Humphrey Bogarts Witwe mit einem Ehrenoscar "entschädigt".

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Michel Gondrys Film "Vergiss mein nicht!" (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) nach einem Drehbuch von Charlie Kaufman gilt als moderner Klassiker - bei den Oscars 2005 wurde der Film schmählich übergangen. Weder der Film selbst noch der Regisseur wurden nominiert. Immerhin kam der Film auf zwei Nennungen: eine für Schauspielerin Kate Winslet und eine für das beste Originaldrehbuch - letzteren Preis nahmen Kaufman, Gondry und Pierre Bismuth auch mit nach Hause. Der große Gewinner 2005 hieß "Million Dollar Baby".

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Lange galt Martin Scorsese als Verlierer der Oscars: Sieben Mal war er insgesamt für den Regie-Preis nominiert, aber erst 2007 siegte er für "The Departed". Zuvor verlor er unter anderem mit "Wie ein wilder Stier" gegen Robert Redford (für "Eine ganz normale Familie") und mit "Goodfellas" gegen Kevin Costner ("Der mit dem Wolf tanzt").

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Apropos "Goodfellas": Der Mafia-Film, inzwischen ein Klassiker, wurde 1991 sechs Mal nominiert, aber nicht in der Hauptkategorie Bester Film. Joe Pesci (rechts) trug eine Statue mit nach Hause - als Bester Nebendarsteller. Der Hauptpreis in diesem Jahr ging an "Der mit dem Wolf tanzt". 

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"Der Pate" brachte Francis Ford Coppola keinen Oscar in der Regie-Kategorie ein. Dieser ging im Jahr 1973  an Bob Fosse für den Musicalfilm "Cabaret". Immerhin waren der Oscar für den Besten Film und jener für den besten Hauptdarsteller (Marlon Brando) sowie für das Beste adpatierte Drehbuch für den "Paten" drin. Für den zweiten Teil der Trilogie wurde er als bester Regisseur dann doch noch ausgezeichnet. Bisher ist es Coppolas einziger Regie-Oscar.

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Dass die schwule Liebesgeschichte "Brokeback Mountain" mit Jake Gyllenhaal und Heath Ledger nicht mit dem Oscar für den Besten Film ausgezeichnet wurde, erzürnte einige in Hollywood und wurde als Symptom der latenten Homophobie der Academy gewertet. Der Hauptpreis ging stattdessen an "L.A. Crash" von Paul Haggis. Dieser gab sich zurückhaltend: "Man sollte mich nicht fragen, welcher der beste Film des Jahres war, denn ich hätte nicht für 'L.A. Crash' gestimmt", sagte Haggis  später. Immerhin: Für "Brokeback Mountain"-Regisseur Ang Lee gab es eine Trophäe, ebenso für die Musik und das Drehbuch.

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Inzwischen hat Cate Blanchett zwei goldene Männchen daheim stehen, aber es hätten schon drei sein können. Denn schon bei ihrem Oscar-Debüt 1999 galt die Australierin als große Favoritin. Sie spielte die britische Monarchin in "Elizabeth". Der Preis ging dann überraschend an Gwyneth Paltrow für "Shakespeare in Love". Argumentiert wurde später, dass Paltrow in dem Film als als Adelige, die einen Mann spielt, um Schauspieler sein zu dürfen, mehrere Rollen spiele.

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Man hätte sich schon denken können, dass die Academy zu konservativ ist, um 1995 den Oscar für den Besten Film an Quentin Tarantinos brutales postmodernes Meisterwerk "Pulp Fiction" zu übergeben. Schließlich hatte dieses die Goldene Palme in Cannes erhalten - und beim Oscar werden ungern Palmen-Gewinner geehrt. Dass "Forrest Gump" in diesem Jahr aber nicht nur beim Besten Film abräumte, sondern Robert Zemeckis Tarantino auch die Regie-Trophäe wegschnappte, ist aber schmerzlich. Übrigens: Im selben Jahr ging auch "Die Verurteilten" (The Shawshank Redemption) leer aus. 

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War "Shakespare in Love" der Beste Film des Jahres 1998? Das darf man bezweifeln - vor allem, weil im selben Jahr "Der Soldat James Ryan", "Das Leben ist schön" (Bester fremdsprachiger Film, Bester Hauptdarsteller) und "The Big Lebowski" auf die Leinwand kamen. Letzterer gilt heute als vielzitierter Klassiker. Bei der Oscar-Verleihung 1999 wurde der Film der Coen-Brüder in keiner einzigen Kategorie nominiert. Was Jeffrey "The Dude" Lebowski (Jeff Bridges) dazu sagen würde? "Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man."

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"Johnny" kam nicht zur Oscar-Gala. Stanley Kubricks albtraumhafte Stephen-King-Verfilmung "The Shining" setzte Maßstäbe für das Horrorgenre. Dieses ist bei den Oscars traditionell spärlich vertreten. Dass nicht mal Jack Nicholson nominiert wurde, verwundert aber, ist die Rolle des Jack Torrance doch eine der prägendsten seiner Karriere. Mit Robert De Niro ("Wie ein wilder Stier") gab es in diesem Jahr aber zumindest einen würdigen Gewinner in der Hauptdarsteller-Kategorie.

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Für Meisterregisseur Stanley Kubrick selbst gab es nur einen einzigen Oscar: 1969 für die besten visuellen Effekte in "2001: Odyssee im Weltraum". Das Film-Meisterwerk wurde in der Königskategorie nicht einmal nominiert. In dieser siegte das Charles-Dickens-Adaption "Oliver!". Ein Musical. Auch beim Regie-Oscar hatte Carol Reed mit "Oliver!" die Nase vorn. Die Academy mag Musicals. Das zeigte sich auch ...

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... 2003. Damals stimmten mehr Mitglieder der Oscar-Jury für das Musical "Chicago" mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere als für Martin Scorseses "Gangs of New York" und Roman Polanskis "Der Pianist". Ebenfalls nominiert waren "The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit" und der zweite "Herr der Ringe"-Teil. Polanski bekam immerhin den Regie-Oscar - auch das eine Überraschung, denn der Regisseur flüchtete 1977 vor einem Prozess wegen Vergewaltigung nach Europa und reist seitdem nicht mehr in die USA ein.

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"Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet": Etwa die Oscar-Verleihung 1982, in der "Blade Runner" nur in den zwei Nebenkategorien Visual Effects und Szenenbild nominiert war. Ridley Scotts Science-Fiction-Meisterwerk nach einem Roman von Philip K. Dick ging leer aus. "Ghandi" wurde in diesem Jahr zum besten Film gekürt. Ein durchaus würdiger Gewinner, wie es auch "E.T." (ebenfalls nominiert) gewesen wäre. Über die weiteren nominierten Filme "Tootsie" und "The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" könnte man freilich diskutieren.

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Als Marisa Tomei für ihre Nebenrolle in "My Cousin Vinny" 1993 einen Oscar bekam, staunte das Publikum nicht schlecht. Schließlich galt Vanessa Redgrave ("Howards End") als haushohe Favoritin. Es gab sogar Gerüchte, wonach Jack Palance den falschen Namen von dem Zettel abgelesen hatte. Fix ist: Der Oscar war für Tomei kein Glücksbringer. Erst nach einigen Jahren - und vielen mittelmäßigen Filmen - hat sich die Karriere der Schauspielerin von dem zu frühen Erfolg erholt. 2002 und 2009 war sie erneut nominiert, für "In the Bedroom" und "The Wrestler".

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Die Academy gilt ja als ein wenig konservativ und gar prüde, vor allem bei männlichen Nacktszenen (das liegt am hohen Anteil weißer Männer über 60 Jahren). Aber das sie Michael Fassbenders schauspielerische Leistung im doch umstrittenen Sexsucht-Drama "Shame" übersahen, ist verwunderlich.

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Schauspieler Cary Grant prägte das amerikanische Kino über Jahrzehnte - ob mit dem Thriller "Der unsichtbare Dritte", der Liebeskomödie "His Girl Friday" oder vielen weiteren Klassikern. Nominiert wurde er nur zwei Mal: 1942 für "Penny Serenade" und 1945 für "None But the Lonely Heart", nicht gerade zwei seiner besten Filme. Immerhin: 1970 bekam er einen Ehrenoscar.

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Keine Frage, "Rocky" ist ein gelungener Film. Aber im selben Jahr war auch "Die Unbestechlichen", Sidney Lumets "Network" und vor allem Martin Scorseses "Taxi Driver" in der Hauptkategorie nominiert. Letzter hätte den Oscar wohl mehr verdient gehabt. Auch Hauptdarsteller Robert De Niro ging in diesem Jahr leer aus: Der Preis für den Besten Hauptdarsteller ging an Peter Finch ("Network"). Auf die Frage "You Talking To Me?" antwortete die Academy mit einem schlichten "Nein."

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Alfred Hitchcocks "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" wurde vom einflussreichen Magazin "Sight & Sound" 2012 zum besten Film der Filmgeschichte gewählt - und löste damit "Citizen Kane" ab, der die Liste ab 1962 anführte. Bei den Oscars 1959 wurde das Meisterwerk mit James Stewart und Kim Novak nur in den Nebenkategorien Szenenbild und Sound nominiert. Der Preis für den Besten Film ging an  "Gigi" - erneut ein Musical, welche Überraschung!

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Zwölf mal waren der schwedische Regisseur Ingmar Bergman bzw. seine Filme für den Oscar nominiert. Drei Mal siegte er in der Kategorie Bester Fremsprachiger Film, auch einen Ehrenoscar bekam er. Sehr zu seinem Verdruss. Weil "Wilde Erdbeeren" (1957) nicht in der Hauptkategorie nominiert war, sondern "nur" als Bester fremdsprachiger Film, war er war so sauer, dass er der Academy einen Brief schrieb: Er wolle mit dieser "demütigendenden" Insitution nichts zu tun haben und bitte darum, in Zukunft nicht mehr berücksichtigt zu werden, schrieb er. Erfolg hatte er keinen: "Wilde Erdbeeren" bekam den Oscar. Der Hauptpreis ging damals an "Ben-Hur". Vielleicht auch nicht die schlechteste Wahl.

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