The Descendants: Clooney als Luxus-Jedermann

Mit der Tragikomödie „The Descendants“ feiert Regisseur Alexander Payne ein Comeback und gibt George Clooney eine Oscar-Rolle. Eine angenehme Enttäuschung. Im Kino.

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(c) Centfox

Der Anfang des Films „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“verheißt ein Idyll: Wasserskifahren vor Hawaii. Die Insel ist als Amerikas „Aloha-Staat“ ein etablierter Ort für Sehnsuchtsfantasien mit Surf-Kult und bunten Hemden. Ein Paradies? „Paradise can go fuck itself!“, kommentiert Matt King (George Clooney). Dabei scheint der Anwalt ein dem königlichen Namen angemessenes Leben zu führen: Er verwaltet den millionenschweren Großgrundbesitz der Familie, einen der letzten unberührten Landstriche Hawaiis. Doch eine Serie von Schicksalsschlägen stellt Kings Leben auf den Kopf – beginnend mit einem Wasserskiunfall seiner Frau. King wird zu verstehen gegeben, dass sie nie mehr aus dem Koma erwachen wird.

Plötzlich muss er sich also um seine Töchter kümmern: Die zehnjährige Scottie ist aufmüpfig, die ältere Alexandra mitten in der Teenager-Rebellion. Gleich versetzt sie Papa den nächsten Schlag: „Mama hat dich betrogen.“ Entschieden underdressed läuft King aus dem Haus zu Freunden, um sich den Ehebruch bestätigen zu lassen, begleitet vom grotesken Flip-Flop-Klang seiner ungeschnürten Sommerschuhe: Die Tragödie eines lächerlichen Mannes. Einerseits eine ungewöhnliche Szene für einen heutigen Hollywoodfilm – andererseits für einen Film von Alexander Payne erstaunlich plump.

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Sympathiewerte trotz Drehbuchschwächen

Payne machte sich in den 1990ern mit intelligenten, scharfen Sozialsatiren wie Electioneinen Namen, feierte dann mit Dekonstruktionen amerikanischer Männerbilder wie About Schmidt oder Sideways große Erfolge. Nach sieben Jahre Pause schließt sein neuer Film dort an: King fügt sich in Paynes skurrile Galerie von Männern in der Krise, ist aber die bisher am wenigsten glaubwürdige Inkarnation. Das liegt weniger an Clooney, dessen offensichtlicher Glamour es schwer macht, ihn als mitgenommenen Durchschnittsmenschen zu akzeptieren. Es liegt am Drehbuch, das überdeutlich in den Themen und zu dürftig in der Charaktersubstanz ist: Obwohl sich King ständig im Off-Kommentar erklärt, bleibt er eine – merkwürdig privilegierte – Allgemeinplatz-Figur.

Dass Clooney für die von ihm auch souverän unterspielte Rolle als Oscar-Favorit gehandelt wird, liegt vielleicht genau am nonchalanten Glaubwürdigkeitsdefizit: Der Superstar als Jedermann. Wirklich defizitär ist der Effekt aber für The Descendants: King ist die uninteressanteste Payne-Hauptfigur, weil sie die netteste ist. Ihr fehlt das Abgründige, aus dem Payne, ein Liebhaber der Commedia all'italiana, sonst Funken schlägt: Erst die Widersprüchlichkeit gibt den Charakteren Tiefe, die angestrebte Balance von Ernst und Komik braucht ein Zusammenspiel von lästigen und lässigen Eigenschaften.

In einem weiteren Drehbuch-Kunstgriff trifft King zufällig die Gattin des Liebhabers seiner Frau und sucht bald die Konfrontation. Obwohl der Verlauf der Handlung in Richtung Versöhnung unvermeidlich ist – und allenfalls ein, zwei Schlenker davon ablenken –, hat The Descendants jenseits seiner zentralen Probleme einige Vorzüge: Den angenehm entspannten Tonfall, der für Paynes Inszenierung typisch ist, und eine Reihe wesentlich interessanterer Nebenfiguren, insbesondere in Kings nach Erlös durch Landverkauf lechzender Familie. Beau Bridges überzeugt als geschwätziger und trinkfreudiger Cousin, und Veteran Robert Forster hat eine kleine Glanzrolle als jähzorniger Schwiegervater mit loser Faust, der King ungerechte Vorwürfe macht. Dass ausgerechnet dieser so hartherzig wirkende Typ dann die berührendste Szene des Films bestreitet, erinnert an die wahren Qualitäten Paynes: Vielleicht wäre das die bessere Hauptfigur gewesen. Trost bietet jedenfalls die hinreißende, heiter-melancholische Hawaii-Musik, die den ganzen Film untermalt. Sie erinnert aber auch daran, dass Paynes Generationendrama bei aller Ambition und gegenteiligen Beteuerungen doch wieder die alte Sehnsucht beschwört: Fantasy Island.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2012)

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