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Auf in die beste aller Opernwelten

29.06.2012 | 18:47 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Ein Bildband dokumentiert die zweite Spielzeit der Ära Dominique Meyers und seines Generalmusikdirektors Franz Welser-Möst. Künstlerische Höhenflüge inbegriffen.

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Wäre die Saison zehn Tage kürzer gewesen, hätte sich Dominique Meyer manche Unbilden erspart. Der Absageteufel schlug zu – und bescherte dem Haus am Ring gleich drei Interpretinnen von Donizettis „Lucia di Lammermoor“, von denen allerdings nur zwei in Erscheinung traten. Zunächst meinte Diana Damrau, sie könne die ersten beiden Vorstellungen nicht singen. So wurde Ersatz gesucht.

Der war zur Stelle, aber am Vormittag indisponiert. So kam Ersatz für den Ersatz – aus Frankfurt holte man Brenda Rae –, die junge Amerikanerin ersang an der Seite von Piotr Beczala mehr als einen Achtungserfolg. Der Wermutstropfen: Sie musste am Tag der zweiten Wiener „Lucia“-Vorstellung in Frankfurt auf der Bühne stehen.

Nun fühlte sich die Damrau aber wieder fit, sang die zweite Vorstellung doch selbst, wurde danach aber rückfällig. So kam Brenda Rae zu Lucia Nr. 3 wieder nach Wien. Wenn alles gut geht, singt sie auch heute Abend und setzt einen virtuosen Schlusspunkt hinter ein turbulentes Saisonfinale.

 

Höhenflüge des Orchesters

So kommt es, dass die eben erschienene Bildpublikation der Staatsoper, weil sie auf dem aktuellsten Stand gehalten wurde, zwei Lucia-Interpretinnen zeigen kann, Damrau und Rae. Im Übrigen versammeln die 268Seiten starken „Impressionen zur Spielzeit 2011/12“ für den Preis von 20 Euro über 350Bilddokumente. Eine „Rückschau“ im wahrsten Sinn des Wortes, die Erinnerungen an zehn bemerkenswerte Monate wachruft.

Es war die zweite Saison der Ära Dominique Meyers und des Generalmusikdirektors Franz Welser-Möst. Sie war konsistenter als die erste, was nicht verwunderlich ist, denn erste Spielzeiten leiden in der Regel an Kinderkrankheiten – und es ist nur die Frage, ob die jeweiligen Intendanten bereit sind, aus diesen Kinderkrankheiten richtige Schlüsse zu ziehen.

Das war der Fall bei Ioan Holender, der 1991 mit Eberhard Waechter antrat, um ein ins Schlingern gekommenes Riesenschiff wieder flott zu machen.

Die Vorwürfe, die man Dominique Meyer in den ersten Monaten ihrer Amtszeit machte, hörten sich fatal an wie jene, die Waechter und Holender seinerzeit zu hören bekamen: Zu kleine Stimmen, zu wenige Stars hieß es da, durchaus in Verkennung der Aufgaben, die zu erfüllen waren – das Repertoire war Anfang der Neunzigerjahre aufzufrischen und instand zu setzen. Damals verzichtete man deshalb sogar ein Jahr lang auf Neuinszenierungen.

Meyer und Welser-Möst brachten Premieren, kümmerten sich aber auch um den täglichen Betrieb mit Liebe. Und sie hörten zu. Die Besetzungen der Repertoire-Abende im zweiten Jahr ihrer Ära waren stillschweigend um vieles bereinigt, was zunächst schwächlich tönte. Man machte nicht viel Aufhebens davon. Ein paar negative Ausreißer bleiben bei fast 300 Spieltagen unvermeidlich, doch war die abgelaufene Saison reich an echten künstlerischen Höhepunkten. Dass sie mit einer Premiere endete, von der selbst die kritischsten Geister unter den Stammgästen meinten, man hätte schon lange keine so harmonische Sängerbesetzung auf höchstem Niveau erlebt, scheint symptomatisch: Selten jubelt das Wiener Publikum an einem Premierenabend so einhellig wie nach diesem „Don Carlo“.

Der Generalmusikdirektor, der da am Pult stand, hatte zuvor nicht nur bei Neueinstudierungen bewiesen, wie wichtig ihm sein Wiener Amt ist. Er springt schon auch einmal für eine Repertoire-Aufführung von Puccinis „Tosca“ ein, was dem Abend vonseiten des Orchesters von vornherein höchste Aufmerksamkeit sichert. Die Aufsicht durch einen Chefdirigenten von Direktorenrang, der sein Opernhandwerk wirklich von der Pike auf gelernt hat, fehlte der Staatsoper über viele Jahre.

 

Thielemanns „Ring“

Wer heute das Haus besucht, gewinnt den Eindruck, dass auch an Abenden, an denen nicht der „Chef“ dirigiert, konzentrierter, engagierter musiziert wird als gewohnt. Ganz abgesehen davon, dass es Dominique Meyer gelungen ist, einen Mann vom Format Christian Thielemanns, der vom Publikum wie von den Musikern gleichermaßen adoriert wird, für eine komplette Aufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“, aber auch für die Karwochenserie des „Parsifal“ zu gewinnen.

Das waren orchestrale Sternstunden, denen erfreulicherweise manche Serien an Intensität gleichkamen, etwa die von Simone Young dirigierte, ideal besetzte „Daphne“, die von Welser-Möst betreute Wiederaufnahme der „Frau ohne Schatten“ und die von Bertrand de Billy dirigierte Serie des „Tannhäuser“ mit Peter Seiffert in der Titelpartie, der damit in Konkurrenz zu dem ebenfalls exzellenten Tenorkollegen Stephen Gould trat, der den „Tannhäuser“ Anfang der Saison unter Welser-Möst gesungen hatte.

 

Im siebenten Himmel bei Wagner

Was Strauss und Wagner betrifft, ist man in Wien so gut versorgt wie nirgendwo in der Welt. Auch liest sich die Liste der Sängerstars wie das „Who's who“ der Musiktheaterwelt – doch werden Stimmen laut, die Vielgeliebten seien immer nur an wenigen Abenden zu hören. Dafür kommen so gut wie alle zum Zug. Und manch einer, wie etwa Seiffert, wählt Wien für heikle Debüts: Der erste „Otello“ des deutschen Tenorhelden war ein auch international beachtetes Ereignis. Krassimira Stoyanova lässt auf ihre erste Elisabetta in „Don Carlo“ demnächst ihr Debüt als „Ariadne“ folgen...

 

Manko: Mozart-Repertoire

Bedarf an Nachbesserungen ortet der Musikfreund natürlich trotz aller Lorbeeren. Am schmerzlichsten berührt, dass die Aufforstung des Mozart-Repertoires nicht befriedigt, vor allem weil aufgrund mangelhafter „Chemie“ die geplante Einbindung Franz Welser-Mösts in diesen Prozess nicht geklappt hat. Er ist einer der wenigen Dirigenten, die Mozart so dirigieren können, dass über „Originalklang“-Erkenntnissen Wiens Spieltradition nicht vergessen wird.

Dass er das demnächst bei den Salzburger Festspielen unter Beweis stellen wird, kaum aber im eigenen Haus, bleibt ein Manko. Es sollte sich beheben lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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11 Kommentare
Gast: Max Meier
07.07.2012 21:54
0 0

Kann, wer Wien nie verlässt, über die "Beste Opernwelt" urteilen?


Gast: hilverding
01.07.2012 11:25
0 0

Ach, Sinkovicz!

"...ein ins Schlingern gekommenes Riesenschiff": Ich habe nicht vergessen, dass 1991 eine ignorante Kulturministerin und diese Zeitung großen Anteil am "Schlingern" hatten.
"...man hätte schon lange keine so harmonische Sängerbesetzung auf höchstem Niveau erlebt": Stimmt! Da muß man sich schon an die Zeit vor 1991 erinnern.
"...Chefdirigenten von Direktorenrang, der sein Opernhandwerk wirklich von der Pike auf gelernt hat, fehlte der Staatsoper über viele Jahre": Stimmt! Abbado war der letzte "Chef".
"Aufforstung des Mozart-Repertoires": Die wäre ohne das "Abholzen" durch Wächter-Holender nicht nötig.
Und zum Schluß: Hoffentlich sind die in letzter Zeit sehr häufigen Publikationen aus dem laufenden STOP-Budget finanzierbar, ohne die für Künstler, Technik und Administration zur Verfügung stehenden Mittel zu schmälern. Oder ist eine Zusatzsubvention erforderlich? Mich würde interessieren, wieviele Exemplare dieses prächtigen Buches bis Ende des Jahres
zum Normalpreis verkauft wurden.

Gast: KarlLoebl
30.06.2012 23:57
1 4

Merkwürdig

Warum lesen all diese SIN-Hasser eigentlich seine Texte? Es wäre für sie und ihr "Niveau" doch der STANDARD die passendere Wahl - dort wird über das prächtige Buch nämlich überhaupt nicht berichtet. Mögen das "Bergamo", "Cerberus" und "Norn" eher? Falls ja, ab zum Herrn Tosic und seiner Ignoranz der Oper gegenüber!

Antworten Gast: Max Meier
02.07.2012 21:21
1 0

Re: Merkwürdig

da ich den standard nicht lese, kenne ich tosic nicht wirklich. Aber die vielen kleineren und grösseren schnitzer von herrn sin und die vorhersehbaren kritiken bei bestimmten besetzungen/namen ärgern mich eben gerade weil ichvon einer qualitätszeitung mehr erwarte..

Antworten Gast: Norn
02.07.2012 13:56
2 0

Re: Merkwürdig

Gut, recht haben Sie - ich wende mich direkt an die Redaktion.

Antworten Gast: bergamo
01.07.2012 05:29
3 0

Re: Merkwürdig

Muß jemand, der Kritik an offensichtlicher Lobhudelei betreibt, automatisch ein "Hasser" sein? Wo bleiben die Fakten? Ihre Unterstellungen sind schon sehr merkwürdig und lassen darauf schliessen, daß sie selbst zu den STANDARD Lesern zählen. Der Nickname "Loebl" wird dem Vorbild überhaupt nicht gerecht - dessen Niveau hat auch Sin niemals erreicht. Das abschliessend zum Thema "Niveau".

Antworten Antworten Gast: KarlLoebl
01.07.2012 10:22
0 2

"Niveau"

Nun, Ihre Geplauder strotzt(e) ja nur so von Fakten, falls Angriffe auf SIN als solche gesehen werden können. Somit noch einmal: Gehen S' doch zum Herrn Tosic, der dürfte in seiner Ignoranz zu Ihnen passen!

Antworten Antworten Antworten Gast: bergamo
02.07.2012 15:32
2 0

schwerwiegende Probleme

mit sinnerfassendem Lesen scheinen bei dem Loeblimitator evident zu sein.
Offensichtlich besucht er keine Belcantoopern und kennt auch die neue "Traviata" nicht. Das sollte doch als belegbare Fakten ausreichen. Macht aber nichts - dadurch gibt er einen persönlichen Anschauungsuntericht über das "Niveau", das ihn auszeichnet.

Gast: bergamo
30.06.2012 08:00
6 0

Höhenflüge des Orchesters

waren bei Opern von Rossini oder Donizetti nicht zu bemerken. Es wurde vielmehr zumeist lustlos, schlampig auf eher provinziellem Niveau musiziert. Lediglich unter dem Belcantospezialisten Evelino Pidò konnte man erahnen, wie Donizetti klingen sollte. Bei der aktuellen "Lucia" Serie vermeinte man, ein Provinzorchester mit einem ebensolchen Dirigenten zu hören. Die "erste Garnitur" war ja für WM im "Don Carlo" offensichtlich unabkömmlich.
Nachdem Sin Belcantoopern nicht schätzt und auch deshalb wenig Ahnung von dieser herrlichen Musik hat, kennt er die diesbezüglichen orchestralen Tiefflüge offensichtlich nicht. Das erklärt zwar einiges, ist aber trotzdem keine Rechtfertigung für diese völlig kritiklose Beweihräucherung der Direktion.
Ist die szenisch und musikalisch höchst provinzielle "Traviata" schon vergessen?
Ein ernstzunehmender Musikkritiker sollte keine derartige Lobhudelei betreiben. Es wird ansonst zu offenkundig, daß hier ein Freundesdienst an Welser-Möst geleistet wird. Derart publiziert, kann er aber Gegenteiliges erreichen.

Arbeitet Sin im Pressebüro der Wr. Staatsoper?

oder betreibt er bezahlte public relations für Freund Welser Möst? Dieser Artikel ist doch gar nicht als Inserat gekennzeichnet.

Gast: Norn
29.06.2012 21:32
6 1

Der Weihrauch soll bald so teuer wie Gold sein - vielleicht etwas weniger davo verschwenden


Sinkothek