Wäre die Saison zehn Tage kürzer gewesen, hätte sich Dominique Meyer manche Unbilden erspart. Der Absageteufel schlug zu – und bescherte dem Haus am Ring gleich drei Interpretinnen von Donizettis „Lucia di Lammermoor“, von denen allerdings nur zwei in Erscheinung traten. Zunächst meinte Diana Damrau, sie könne die ersten beiden Vorstellungen nicht singen. So wurde Ersatz gesucht.
Der war zur Stelle, aber am Vormittag indisponiert. So kam Ersatz für den Ersatz – aus Frankfurt holte man Brenda Rae –, die junge Amerikanerin ersang an der Seite von Piotr Beczala mehr als einen Achtungserfolg. Der Wermutstropfen: Sie musste am Tag der zweiten Wiener „Lucia“-Vorstellung in Frankfurt auf der Bühne stehen.
Nun fühlte sich die Damrau aber wieder fit, sang die zweite Vorstellung doch selbst, wurde danach aber rückfällig. So kam Brenda Rae zu Lucia Nr. 3 wieder nach Wien. Wenn alles gut geht, singt sie auch heute Abend und setzt einen virtuosen Schlusspunkt hinter ein turbulentes Saisonfinale.
Höhenflüge des Orchesters
So kommt es, dass die eben erschienene Bildpublikation der Staatsoper, weil sie auf dem aktuellsten Stand gehalten wurde, zwei Lucia-Interpretinnen zeigen kann, Damrau und Rae. Im Übrigen versammeln die 268Seiten starken „Impressionen zur Spielzeit 2011/12“ für den Preis von 20 Euro über 350Bilddokumente. Eine „Rückschau“ im wahrsten Sinn des Wortes, die Erinnerungen an zehn bemerkenswerte Monate wachruft.
Es war die zweite Saison der Ära Dominique Meyers und des Generalmusikdirektors Franz Welser-Möst. Sie war konsistenter als die erste, was nicht verwunderlich ist, denn erste Spielzeiten leiden in der Regel an Kinderkrankheiten – und es ist nur die Frage, ob die jeweiligen Intendanten bereit sind, aus diesen Kinderkrankheiten richtige Schlüsse zu ziehen.
Das war der Fall bei Ioan Holender, der 1991 mit Eberhard Waechter antrat, um ein ins Schlingern gekommenes Riesenschiff wieder flott zu machen.
Die Vorwürfe, die man Dominique Meyer in den ersten Monaten ihrer Amtszeit machte, hörten sich fatal an wie jene, die Waechter und Holender seinerzeit zu hören bekamen: Zu kleine Stimmen, zu wenige Stars hieß es da, durchaus in Verkennung der Aufgaben, die zu erfüllen waren – das Repertoire war Anfang der Neunzigerjahre aufzufrischen und instand zu setzen. Damals verzichtete man deshalb sogar ein Jahr lang auf Neuinszenierungen.
Meyer und Welser-Möst brachten Premieren, kümmerten sich aber auch um den täglichen Betrieb mit Liebe. Und sie hörten zu. Die Besetzungen der Repertoire-Abende im zweiten Jahr ihrer Ära waren stillschweigend um vieles bereinigt, was zunächst schwächlich tönte. Man machte nicht viel Aufhebens davon. Ein paar negative Ausreißer bleiben bei fast 300 Spieltagen unvermeidlich, doch war die abgelaufene Saison reich an echten künstlerischen Höhepunkten. Dass sie mit einer Premiere endete, von der selbst die kritischsten Geister unter den Stammgästen meinten, man hätte schon lange keine so harmonische Sängerbesetzung auf höchstem Niveau erlebt, scheint symptomatisch: Selten jubelt das Wiener Publikum an einem Premierenabend so einhellig wie nach diesem „Don Carlo“.
Der Generalmusikdirektor, der da am Pult stand, hatte zuvor nicht nur bei Neueinstudierungen bewiesen, wie wichtig ihm sein Wiener Amt ist. Er springt schon auch einmal für eine Repertoire-Aufführung von Puccinis „Tosca“ ein, was dem Abend vonseiten des Orchesters von vornherein höchste Aufmerksamkeit sichert. Die Aufsicht durch einen Chefdirigenten von Direktorenrang, der sein Opernhandwerk wirklich von der Pike auf gelernt hat, fehlte der Staatsoper über viele Jahre.
Thielemanns „Ring“
Wer heute das Haus besucht, gewinnt den Eindruck, dass auch an Abenden, an denen nicht der „Chef“ dirigiert, konzentrierter, engagierter musiziert wird als gewohnt. Ganz abgesehen davon, dass es Dominique Meyer gelungen ist, einen Mann vom Format Christian Thielemanns, der vom Publikum wie von den Musikern gleichermaßen adoriert wird, für eine komplette Aufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“, aber auch für die Karwochenserie des „Parsifal“ zu gewinnen.
Das waren orchestrale Sternstunden, denen erfreulicherweise manche Serien an Intensität gleichkamen, etwa die von Simone Young dirigierte, ideal besetzte „Daphne“, die von Welser-Möst betreute Wiederaufnahme der „Frau ohne Schatten“ und die von Bertrand de Billy dirigierte Serie des „Tannhäuser“ mit Peter Seiffert in der Titelpartie, der damit in Konkurrenz zu dem ebenfalls exzellenten Tenorkollegen Stephen Gould trat, der den „Tannhäuser“ Anfang der Saison unter Welser-Möst gesungen hatte.
Im siebenten Himmel bei Wagner
Was Strauss und Wagner betrifft, ist man in Wien so gut versorgt wie nirgendwo in der Welt. Auch liest sich die Liste der Sängerstars wie das „Who's who“ der Musiktheaterwelt – doch werden Stimmen laut, die Vielgeliebten seien immer nur an wenigen Abenden zu hören. Dafür kommen so gut wie alle zum Zug. Und manch einer, wie etwa Seiffert, wählt Wien für heikle Debüts: Der erste „Otello“ des deutschen Tenorhelden war ein auch international beachtetes Ereignis. Krassimira Stoyanova lässt auf ihre erste Elisabetta in „Don Carlo“ demnächst ihr Debüt als „Ariadne“ folgen...
Manko: Mozart-Repertoire
Bedarf an Nachbesserungen ortet der Musikfreund natürlich trotz aller Lorbeeren. Am schmerzlichsten berührt, dass die Aufforstung des Mozart-Repertoires nicht befriedigt, vor allem weil aufgrund mangelhafter „Chemie“ die geplante Einbindung Franz Welser-Mösts in diesen Prozess nicht geklappt hat. Er ist einer der wenigen Dirigenten, die Mozart so dirigieren können, dass über „Originalklang“-Erkenntnissen Wiens Spieltradition nicht vergessen wird.
Dass er das demnächst bei den Salzburger Festspielen unter Beweis stellen wird, kaum aber im eigenen Haus, bleibt ein Manko. Es sollte sich beheben lassen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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