Auch dass die Gottesmutter ihren Sohn am Kreuz beweint, lässt sich unter dem heurigen Styriarte-Motto „FamilienMenschen“ gut unterbringen. Das Grazer Musikfestival rund um und für Nikolaus Harnoncourt wurde schon letzte Woche mit einem Konzert unter Michael Hofstetter eröffnet. Am Freitag trat Harnoncourt selbst ans Pult des Chamber Orchestra of Europe, um das „Stabat Mater“ von Antonín Dvořák im Stefaniensaal zu dirigieren. Damit kam das Publikum zu seinem ersten musikalischen Gottesdienst. Der zweite folgt beim obligaten Kirchenkonzert mit Harnoncourt in Stainz.
Eher tröstlich als verzweifelt
Einen tragischen familiären Hintergrund hat auch dieses „Stabat Mater“. Als junger Ehemann und Vater eines zwei Jahre alten Sohnes begann Dvořák im Februar 1876 mit der Vertonung, zunächst für Chor, Soli und Klavier. Im September brachte seine Frau Anna ein Mädchen zur Welt. Es war ein kurzes Familienglück. Im Sommer 1877 vergiftete sich das Mädchen mit Phosphorlösung und starb, den Sohn rafften wenig später die Pocken dahin.
Nach diesen Schicksalsschlägen erinnerte sich Dvořák seines „Stabat Mater“, erweiterte es um drei Sätze und orchestrierte es. Es wurde eine ausladende, rund 90 Minuten lang berührende, in eher tröstlichem als verzweifeltem Ton gehaltene Komposition. Harnoncourt fand den idealen Ton dafür: packend, aber nicht ruppig in den Steigerungen, im Lyrischen ergreifend, aber nie in Gefahr, die manchmal sehr süßen Melodien ins falsch Gefühlige abdriften zu lassen. So etwa, wenn er nach dem machtvoll gesteigerten Amen des letzten Satzes das sanfte Ausklingen so erdennah, aber dennoch innig spielen ließ, dass jeder Weihrauch vermieden wurde.
Ein perfekter Partner war ihm dabei der Arnold Schoenberg Chor, der klangschön, homogen und wunderbar ausbalanciert agierte. Harmonisch fügte sich auch das Solistenquartett ein: Neben dem edel instrumental geführten Sopran von Luba Orgonášová und dem kernigen Bass von Ruben Drole gefiel vor allem Tenor Saimir Pirgu, der den Ohrwurm im „Fac me vere tecum flere“ meisterhaft und hinreißend lyrisch sang. Ausdrucksstark und klangvoll gestaltete auch Mezzosopranistin Elisabeth Kulman das „Inflammatus“. Nicht ganz auf dieser Höhe zeigte sich das tüchtig, aber klanglich etwas grob agierende Chamber Orchestra of Europe. Nur ein kleiner Wermutstropfen und für die Styriarte-Familie im Publikum zu Recht kein Hinderungsgrund, sich laut jubelnd zu bedanken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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