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"Ring des Nibelungen": Gibichungen auf dem Schaukelpferd

01.07.2012 | 18:08 |  WALTER DOBNER (Die Presse)

Mit der "Götterdämmerung" zog Regisseur Andreas Kriegenburg Bilanz: Das Stück spielt im Kaufhaus - und Dirigent Kent Nagano verschleppt Wagners Musik.

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Rechtzeitig vor dem Wagner-Gedenkjahr 2013 hat München einen neuen „Ring des Nibelungen“. Der bisher mehr schauspiel- als opern-erprobte Regisseur Andreas Kriegenburg hat seine Aufgabe ernst genommen. Er wolle „ein szenisches Äquivalent zum musikalischen Geschehen“ schaffen, so benannte er seine persönliche Herausforderung für diese vier Abende. Von einem „Sonnenstrahl in der Brandwolke“ sprach er angesichts der „Götterdämmerung“.

Gewissermaßen um zu zeigen, wie aktuell ihre Botschaft ist, hat er sich dafür von zwei der größten Katastrophen der jüngeren Vergangenheit inspirieren lassen: Fukushima, wie gleich zu Beginn kenntlich wird, wenn die Nornen (wenn auch unterschiedlich professionell) ihr Seil spannen, sowie die Erdbebenkatastrophe von Tokio, die sich in dem von ihm hauptsächlich genützten Bühnenambiente besonders eindrucksvoll suggerieren lässt.

Und zwar handelt es sich um einen deutlich der Münchner Innenstadtarchitektur abgeschauten, lichtdurchfluteten Innenhof eines Kaufhauses mit andauernd auf- und abfahrenden großen Liften (Bühne: Harald B. Thor) , die es erlauben, die jeweiligen Personen – und Kriegenburg setzt gerne auf viel mehr als Wagners Partitur verlangt – eindrucksvoll und eindringlich zu platzieren.

 

Die Sänger bieten Rampentheater

Dabei ist durchaus unterschiedlich, was Kriegenburg jeweils fasziniert. Insgesamt ist es weniger die Interaktion der Protagonisten, die mehrfach bloß traditionelles Rampentheater bieten, als in sich geschlossene Bilder und durchaus auch spielerisch gesetzte Pointen. Etwa, wenn aus durch Menschenhände umgedrehten Brettern plötzlich das Pferd Grane entsteht, in Mao-Anzügen auftretende Statisten sich in einen Fluss verwandeln, in dem Siegfried sein Boot lenkt, die Gibichungen-Geschwister Gunther und Gutrune sich auf einem Euro-Schaukelpferd vergnügen.

Dass die Regie die Gibichungenhalle zum Kaufhaus umfunktioniert, in dem stetes Kommen und Gehen herrscht, man zwischendurch den Eindruck gewinnt, dass hier auch amtsgehandelt wird, ist der Tatsache geschuldet, dass man die Hausherren durchaus als Geschäftsleute sehen kann, die freilich den schmutzigen Teil ihrer Tätigkeit an Hagen ausladen.

Genau so sieht man sie auf der Bühne des Münchner Opernhauses: Gunther und Hagen parlieren in blauen Business-Anzügen (Kostüme: Andrea Schraad), auf weißen Polstermöbeln sitzend, wobei vom ersten Moment an schon durch die Gestik klar wird, wer von den beiden der Stärkere ist, was sich durch die sängerische Leistung noch bestätigte.

 

Überraschungs-Gast als Hagen

So sehr Iain Paterson in der Rolle des charakterschwachen Gunther, der dafür mit dem Tod büßen muss, trotz anfänglich unnötig sexistischem Agieren überzeugte: Gegen die scharfe Profilierung, mit der Eric Halfvarson den zynisch-verhangenen Hagen zeichnete, fiel er etwas ab. Wobei Halfvarson ein Husarenstück glückte: Er wurde erst am Premierentag für diese Produktion aus Wien eingeflogen, fügte sich aber so selbstverständlich in diese Szenerie, dass man meinte, er wäre vorweg vorgesehen für diese Partie gewesen.

Überhaupt ist diese „Götterdämmerung“ ein Fest der Stimmen, angefangen bei der stets mit nachdrücklicher Intensität auftretenden und dabei faszinierend fraulichen Brünnhilde Nina Stemmes, die heutzutage nicht ihresgleichen hat.

Auch Stephen Gould als Siegfried präsentierte sich bei der Premiere in einer Verfassung, die keine Vergleiche zu scheuen braucht, wie schließlich auch Michaela Schuster als Waltraute. Dabei wurde sie von der Inszenierung in die Rolle einer Neurotikerin gedrängt, ohne dass diese Deutung sich im Folgenden auch nur einigermaßen aufgelöst hätte.

Wolfgang Koch gab einen prägnanten Alberich. Rollendeckend Anna Gabler als Gutrune, untadelig die drei Nornen (Jill Grove, Jamie Barton und Irmgard Vilsmaier). Stimmlich ebenso gut aufeinander abgestimmt die mit Eri Nakamura, Angela Brower und Okka von Damerau besetzten Rheintöchter.

 

Schwachpunkt: Der Dirigent

Ein von der einen oder anderen Regie-Idee abgesehen – die Wirkung des Trauermarsches muss man partout nicht durch das Hinaustragen von Tischen „verstärken“ – insgesamt gelungenes Opernfestspiel-Entrée, wenn sich auch Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper nicht von ihrer besten Seite zeigen konnten.

Denn GMD Kent Nagano am Pult, vorweg um eine kammermusikalische Auslotung der Partitur bemüht, schleppte ziemlich, blieb zu sehr in zu wenig plastisch modellierten Details stecken, raffte sich nur ansatzweise zu großbögigem, wirklich spannungserfülltem Musizieren auf. Ob sich das bei den für die nächsten Tage avisierten beiden „Ring“-Zyklen noch ändern wird?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2012)

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13 Kommentare
Gast: criticus III
02.07.2012 10:12
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Überragend?

Keine Rede von tosendem Applaus. Nachlesen in anderen Medien, wie Nagano dort beurteilt wird, etwa in der FAZ ...

Antworten Gast: Lukas Mayr
03.07.2012 11:36
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Re: Überragend?

Die ideologisierten Thielemannschen-Haus-und-Hof-Journalisten Thiel und Brüning zerreissen Nagano. Na und?
Wer dabei war, weiss was er erleben konnte. Und wird es lange nicht vergessen.

Antworten Gast: Norn
02.07.2012 21:17
0 0

Re: Überragend?

war aber so - vielleicht waren ja die Kritiker da schon im Biergarten. Die Onszenierung war - na ja - langweilig

Gast: Lukas Mayr
02.07.2012 09:22
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Überragendes Dirigat

Hab' diese Première am 30. Juni live erlebt und kann nur sagen: Geschichte wurde geschrieben.
Insbesondere Nagano war überragend und wurde auch tosend gefeiert.
So was grossartiges darf man seit langem weder in Wien noch in Bayreuth erleben.

Gast: commendatore
02.07.2012 08:05
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Leute, was habt ihr!!!

"Dobner-ahnungslos" ist halt wieder auf Reisen gewesen! U. ein bisschen "Politik" muss halt sein.....

Nagano ist übrigens einer der besten Dirigenten weltweit!

Antworten Gast: Karloebl
03.07.2012 11:15
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Nun ist halt

ein Sinkovicz-Kollege an der Reihe, schlecht gemacht zu werden....
WANN wenden sich all die Wadlbeisser einmal dem STANDARD-Team mit seinen "Koryphäen" à la Tosic zu?

Antworten Antworten Gast: Aufklauber
03.07.2012 13:49
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Lieber Karloebl/Wasenmeister/Antagonist1/ICHsehdasSO1, usw.usf.

Glückwunsch zum Comeback im Standard-Forum, mal schauen, wie lange Sie diesmal bleiben dürfen!

Wir können gerne über Tosic und die Enders streiten (auch wenn ich denke, dass wir da wenig differierende Substanz zum Streiten finden werden), jedoch frage ich mich: wieso sollten die Standard-Probleme im Kultursektor auch nur irgendwie als Entkräftungsargument für die eklatanten Kahlschläge der "Berichterstattung" hier in der Presse gültig sein - wenn hier regelmäßig von bestimmten Künstlern ein vermeintliches Tatsachenbild erstellt wird, das sowohl Laien als auch Experten unter den Besuchern in ungläubiges Staunen versetzt - ich kenne aus beiden Lagern viele persönlich, jedoch kenne ich z.B. keinen einizigen FWM-Fan? (Mir ist natürlich klar, dass Sie das Expertentum in Ihrer Antwort ausschließlich auf Ihre Person reklamieren werden, ich wollte es nur mal gesagt haben).
Jedoch, um an die Streitigkeiten in vorangegangenen Artikelforen über Sin-FWM anzuschließen - vielleicht gönnen Sie mir eine Antwort auf diese Frage: Sind Sie tatsächlich der Ansicht, dass auch nur irgendein lebender oder toter Dirigent all das zu leisten vermag/vermochte, was dem GMD hier regelmäßig unter größtem Adjektivfeuerwerk nachgejubelt wird??

Re: Leute, was habt ihr!!!

.....da muss ich aber laut lachen. KN hat den besten Friseur unter den Pinslern, aber das war es dann auch schon!!!!

Antworten Antworten Gast: die fledermaus
03.07.2012 11:33
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Re: Re: Leute, was habt ihr!!!

ach, Froschkönig, legen sie ihre biedere Thielemann-Cd auf, und lassen sie uns in Ruh'. Ein Wagner-Dirigat wie Naganos ist bestimmt ueber die Grenzen ihres musikalischen Verstandes...

Gast: Johannistag
02.07.2012 07:11
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Nagano: grandios

Kent Naganos Dirigat ist schlicht grandios. Was er leistet ist aktuell an der Wiener Staatsoper undenkbar.
Und "Die Presse" schafft es wieder, als selbsternanntes Hausorgan lächerlich zu wirken...

Gast: Tomb
02.07.2012 00:20
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Na klar

München muß natürlich schlecht sein, weil wir in Wien ja den besten Ring mit Franz "Frankly worse than" Möst (wie er so schön in der amerikanischen Presse heisst ) und dem kongenialen Bechtholf haben. In Gramophone wird dieses Team als absolut inferior bewertet.

Antworten Gast: Wasenmeister
02.07.2012 21:24
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Re: Na klar

Neuer Rekord, der Name FWM ist nicht einmal gefallen, und der erste Pawlow’schew Hund beginnt trotzdem zu speicheln. Apportl!

Antworten Antworten Gast: die fledermaus
03.07.2012 11:42
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Re: Re: Na klar

hier hat Pawlow nichts zu suchen.
das Problem ist voellig anders: Dobner treibt in diesem Artikel nicht musikalische Kritik sondern musikalische Politik.
nehmen sie es zur Kenntins, Wasenmeister.

Sinkothek